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"... da ich von Hitler begeistert war"

Pelikan-Chef Fritz Beindorff "... da ich von Hitler begeistert war"

Wie braun war Fritz Beindorff? Eine historische Studie hat die Rolle des Pelikan-Chefs in der NS-Zeit untersucht – und ist auf Licht und Schatten gestoßen. Die Debatte um die Umbenennung der Fritz-Beindorff-Allee läuft weiter.

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Firmenfeier bei Pelikan im Jahr 1938: In einer nach dem Krieg gedruckten Festschrift wurden die Hakenkreuz-Flaggen herausretuschiert. Pelikan-Chef Fritz Beindorff (kleines Bild) baute das Unternehmen zu einer weltweiten Marke aus.

Quelle: Pelarch (Collage: HAZ)

Hannover. ​Girlanden umkränzten das Maschinenhaus, das ganze Werk war mit jungem Grün geschmückt. „Im frischen Wind flattern die Fahnen des Reichs“, notierte ein enthusiastischer Chronist bei der 100-Jahr-Feier des Pelikan-Werks am 28. April 1938. Parteigrößen gaben sich die Ehre, und zur Feier des Tages hielt Seniorchef Fritz Beindorff (1860 bis 1944) eine Festrede. Die Zeremonie endete mit einem Treuegelöbnis auf Hitler, Hunderte Mitarbeiter reckten den rechten Arm empor.

Seit ein städtischer Beirat empfohlen hat, die Fritz-Beindorff-Allee umzubenennen, die 1931 noch zu dessen Lebzeiten nach dem Pelikan-Patriarchen benannt wurde, ist eine Debatte um das Agieren des Unternehmers in der NS-Zeit entbrannt. Jetzt hat die Historikerin Annemone Christians vom renommierten Münchener Institut für Zeitgeschichte erstmals die Rolle Beindorffs im Dritten Reich systematisch untersucht. Fast ein halbes Jahr lang durchkämmte sie für ihre Studie „Tinte und Blech“ diverse Archive; Pelikan finanzierte die Arbeit mit gut 20 000 Euro. Es geht darin auch um die Neubewertung eines Stücks hannoverscher Industriegeschichte – wenige Firmen haben die Identität der Stadt so sehr geprägt wie Pelikan.

"Genie Hitler"

Das Bild, das die versierte Historikerin von Beindorff zeichnet, zeigt viel Licht, viel Schatten – und viele unscharfe Konturen. „Unter seiner Ägide wuchs die Farben- und Tintenfabrik zu einem internationalen Player“, sagt die 36-Jährige. Einerseits galt Beindorff als Pionier betrieblicher Sozialleitungen; seine Mitarbeiter bekamen bezahlten Urlaub, er richtete Liegeräume für die Mittagspausen und eine Werksbücherei für sie ein, agierte als Kunstmäzen und Wohltäter der Stadt. Einerseits.

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Eine Studie zu Pelikan-Patriarch Fritz Beindorff weist Verstrickungen in der Nazi-Zeit nach. Soll die Straße umbenannt werden?

Andererseits verfasste er als 83-Jähriger 1943 einen „Lebensbericht“ für seine Familie. Darin beschreibt er, wie er 1936 in Berlin eine Hitler-Rede erlebte – und spontan beschloss, künftig keine Witze und Meckereien über den „Führer“ mehr zu dulden, „da ich von Hitler begeistert und davon überzeugt war, dass wir in ihm unseren grossen Retter zu erkennen hätten“. Hitler sei ein „Genie, dem das deutsche Volk die Rettung aus Verfall und Elend zu verdanken hat“.

Einerseits gab es bei Firmenfesten üppige Hakenkreuz-Beflaggung. Andererseits trat Beindorff selbst wohl nie in die NSDAP ein. Er half Klaus Seligmann, einem Enkel des jüdischen Conti-Chefs Siegmund Seligmann, eine Arbeitsstelle in Buenos Aires zu bekommen. Der von den Nazis verfemten modernen Kunst hielt er ebenso die Treue wie der geächteten Freimaurerei.

Dürftige Quellenlage

Wahrscheinlich stellte Pelikan im Krieg auch Patronenhülsen oder andere Metallgüter für die Rüstungsindustrie her. In den besetzten Niederlanden sowie in Warschau übernahm das Unternehmen Blechwerke. Wahrscheinlich profitierte Pelikan dabei von der „Arisierung“ des polnischen Betriebs, der zuvor jüdische Eigentümer gehabt hatte. Ganz sicher ist das jedoch nicht: „Beide Übernahmenvorgänge können aber nur in Ansätzen rekonstruiert werden, da einschlägige Quellen nicht überliefert sind“, sagt Historikerin Christians.

Sicher ist, das Pelikan von 1940 an im großen Stil Zwangsarbeiter beschäftigte. Die Führungsriege der Firma beteuerte nach dem Krieg eindringlich, die Ausländer seien anständig behandelt und verpflegt worden. In Wirklichkeit jedoch hausten diese zu Hunderten unter teils katastrophalen Verhältnissen in Lagern: „Die Bedingungen waren schrecklich“, erinnerte sich eine von ihnen, Rozalia Ciesielska, später: „Es herrschte Hunger, Dreck und überall waren Läuse.“  Dazu kamen körperliche Strafen und Schikanen durch die Aufsichten.

Fritz Beindorff hatte sich altersbedingt allerdings zu dieser Zeit schon weitgehend aus dem Geschäft zurückgezogen; wie weit er über das Geschehen dort informiert war, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Im Firmenarchiv gibt es Lücken, vieles bleibt nebulös. Überhaupt ist die Quellenlage dürftig. So dürftig, dass Annemone Christians weitere Untersuchungen für wenig aussichtsreich hält. „Ob der Straßenname geändert werden soll, bleibt eine politische Entscheidung“, sagt die Historikerin.

Der heutige Pelikan-Vorstandschef Claudio Esteban Seleguan, selbst Urenkel des legendären jüdischen Conti-Direktors Siegmund Seligmann, schreibt im Vorwort, die Studie solle „einen Beitrag zu der angestoßenen Diskussion“ darstellen – jeder möge ein eigenes Urteil fällen. „Eine der für uns wesentlichen Erkenntnisse ist, in welchem Umfang unser Unternehmen in die Kriegs- und Rüstungsproduktion des NS-Staates integriert war“. Eine Ehrenerklärung für Beindorff sieht anders aus. Eine Verurteilung allerdings auch. Die Debatte ist noch nicht zu Ende.

„Tinte und Blech“ von Annemone Christians (120 Seiten) ist für 24,99 Euro unter anderem im Tintenturm am Pelikanplatz 21 zu beziehen.

Interview

„Die Quellen reichen nicht für eine Verurteilung“

Fritz Beindorff, Urenkel des gleichnamigen Pelikan-Chefs, begrüßt die Aufarbeitung der Geschichte.

Herr Beindorff, Sie sind der Urenkel des Pelikan-Chefs, der ebenso hieß wie Sie. Wie beurteilen Sie die jetzt vorgelegte Studie?

Es ist gut, dass die Vergangenheit aufgearbeitet wird. Die solide erstellte Studie zeigt, dass das Quellenmaterial nicht ausreicht, um zu einer Verurteilung meines Urgroßvaters wegen seiner Rolle in der NS-Zeit zu kommen.

Immerhin hat Pelikan zwei berüchtigte „Arbeitserziehungslager“ betrieben und Zwangsarbeiter beschäftigt.

Das haben die meisten Firmen getan, als die regulären Mitarbeiter an der Front waren. Dagegen steht, dass die Stadt Fritz Beindorff viel zu verdanken hat: Soziale Einrichtungen, die Gründung der Kestnergesellschaft - er hat sogenannte entartete Kunst noch gefördert, als das NS-Regime diese längst verfemt hatte. Und er unterstützte jüdische Freunde.

Dennoch gibt es die Forderung, die Fritz-Beindorff-Allee umzubenennen.

Der Städtische Beirat hat das empfohlen, obwohl er Quellen gar nicht kannte, die Frau Dr. Christians erst jetzt für die Studie ausgewertet hat. Wir haben ihr etwa Beindorffs Tagebücher zur Verfügung gestellt. Eine Umbenennung der Allee wäre völlig unangemessen. Dann müsste man konsequenterweise auch den Pelikanbrunnen abreißen, der Fritz Beindorff gewidmet ist.

Von Simon Benne

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