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Aus der Stadt Wie viele Blindgänger sind unentdeckt?
Hannover Aus der Stadt Wie viele Blindgänger sind unentdeckt?
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00:15 10.09.2016
Von Simon Benne
Trümmerwüsten: Rund 51 Prozent der Wohnungen in Hannover waren bei Kriegsende schwer beschädigt - wie hier in der Calenberger Neustadt. Quelle: Foto: Historisches Museum Hannover
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Hannover

In manchen Nächten heulten die Sirenen vier- oder fünfmal. Dann musste Bodo Brülls in den Luftschutzkeller, dessen Decke mit dicken Holzbalken abgestützt war. „Eines Tages fiel eine Mine in das gegenüber liegende Haus“, erinnert sich der heute 85-Jährige, der damals in der Heinrichstraße in der Oststadt lebte. „Wir hatten Glück, dass dieses bereits ein Schutthaufen war“, sagt er. Das habe die Explosion abgefangen: „Trotzdem schwankte unser Haus bedenklich, und durch die Tür drang dicker Staub.“

Der Luftkrieg war auch in Hannover eine gigantische Materialschlacht. Allein in der Nacht zum 9. Oktober 1943 warfen 430 Flugzeuge rund 3000 Spreng- und 230.000 Stabbrandbomben über der Stadt ab. Es war der schwerste von etwa 125 Luftangriffen auf Hannover: Fast die gesamte Altstadt wurde zerstört. Glühende Fassaden eingestürzter Häuser brannten sich in den Asphalt ein. In dieser Nacht starben 1245 Menschen. Insgesamt kamen in Hannover 6782 Menschen durch Luftangriffe um. Verglichen mit anderen Städten eine eher geringe Zahl: Als andere noch vom Endsieg schwadronierten, hatte der heute wegen des Einsatzes von Zwangsarbeitern umstrittene Stadtbaurat Karl Elkart bereits im großen Stil Bunker bauen lassen, in denen später Zivilisten Zuflucht fanden.

Wie viele Bomben genau auf Hannover niedergingen, wie viele Blindgänger rasch geräumt wurden und wie viele bis heute unentdeckt im Erdreich schlummern, weiß niemand. Noch Jahre nach Kriegsende warnten Behörden davor, Kinder in den Ruinen spielen zu lassen - aus Angst vor einstürzenden Wänden und unentdeckten Bomben.

Insgesamt wurden im Krieg von etwa 147.000 Wohnungen rund 74.000 zerstört. Besonders betroffen war die Innenstadt: „Keinem Ort dieser Bedeutung hat der Bombenkrieg solchermaßen das Gesicht weggeschnitten“, urteilte der Historiker Jörg Friedrich. Einige Viertel am Stadtrand blieben dagegen fast unbeschädigt. „Offenbar wurden die Alliierten erst im Laufe der Zeit treffsicher“, sagt der Historiker Klaus Mlynek. Teils trafen die Bomben ihre Ziele fast zufällig: Der erste Angriff aufs heutige Hannover galt am 18. Mai 1940 den Ölraffinerien in Misburg. Die Bomber trafen jedoch den Ort, 19 Menschen starben.

Tatsächlich gelang es den Alliierten, die Rüstungsindustrie in Hannover empfindlich zu schädigen. Doch einige wichtige Anlagen blieben fast unzerstört, wie die Akkumulatorenfabrik in Stöcken: „Dabei war dies neben Posen der einzige Standort, an dem Batterien für U-Boote produziert wurden“, sagt Mlynek.

Ziel der Alliierten waren jedoch nicht nur Rüstungsanlagen. Es ging ihnen auch um die Demoralisierung der Zivilisten. „Amerikaner bombardierten tagsüber Industrieanlagen, Briten nachts die gesamte Stadt“, sagt Andreas Urban vom Historischen Museum. Bei Flächenbombardements auf Wohnviertel entfachten sie durch kombinierten Einsatz von Spreng- und Brandbomben verheerende Feuerstürme.

Bodo Brülls erinnert sich bis heute daran: „Im Keller hörten wir die Reihenabwürfe, die von Bombe zu Bombe lauter wurden.“ Der Luftschutzwart sagte ihnen, dass sie keine Angst haben müssten: „Die Bombe, die uns träfe, würden wir sowieso nicht hören.“ Was das hieß, verstand der Zwölfjährige noch nicht: „Doch damals beruhigte es mich ungemein.“

Systematische Suche 2012 gestoppt

Die Feuerwehr, der Städtetag und die Gewerkschaft der Polizei kämpfen seit Jahren darum, dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KBD) wieder systematisch nach Blindgängern sucht. Das Land soll die Kosten für die Suche tragen. Die Auswertung von rund 150 000 Luftbildern der Alliierten Schritt für Schritt und Planquadrat für Planquadrat war Anfang 2012 vom damaligen CDU-Innenminister Uwe Schünemann eingestellt worden. Etwa eine Million Euro sollten dadurch eingespart werden. Seitdem wird der KBD nur dann aktiv, wenn eine Kommune Geld in die Hand nimmt und ein Gebiet systematisch nach Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg absuchen lässt – was angesichts der meist knappen Kassen nur recht selten geschieht. Die jüngsten Bombenräumungen basierten meist auf Zufallsfunden, die in der Regel bei Bauarbeiten gemacht worden waren. Das hatte zur Folge, dass die Bombenräumungen oft unverzüglich erfolgen mussten und nicht, wie bislang, längerfristig geplant werden konnten.

tm

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