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Supermarkträuber bestreitet Taten

Prozess am Landgericht Supermarkträuber bestreitet Taten

Im Prozess gegen den Supermarkträuber in Hannover hat der angeklagte 42-Jährige am Mittwoch sein Schweigen gebrochen und die Taten bestritten. "Ich denke, dass es hier zu vielen gefälschten Beweisen gekommen ist durch die deutsche Polizei." Die Staatsanwaltschaft forderte in einem einstündigen Plädoyer lebenslange Haft für Marek K.

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Der mutmaßliche Raubmörder von Stöcken (rechts).

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Während etlicher der ihm zur Last gelegten 24 Überfälle habe er sich zu Hause in Polen und nicht in Deutschland befunden, sagte der Angeklagte Marek K. Sein Handy sei an Tatorten von der Polizei geortet worden, obwohl es bereits vom polnischen Netzbetreiber blockiert gewesen sei. Zum Zeitpunkt von einer der Taten habe er sich an einer polnischen Tankstelle befunden und müsse dort von Kameras gefilmt worden sein.

Tödlicher Überfall auf Supermarkt in Stöcken.

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Der Angeklagte zog auch die von ihm an Tatorten gesicherten Fingerabdrücke und DNA-Spuren in Zweifel. Er habe lediglich eine Schreckschusswaffe im Auto gehabt und nicht die scharfe Waffe, von der in der Anklageschrift die Rede sei. "Das ist alles gefälscht." Der Angeklagte verlangte eine Aufklärung der Sachverhalte durch die polnische Polizei. Nach der Einlassung des 42-Jährigen entschied das Gericht nach kurzer Beratung, das Verfahren wie geplant fortzusetzen. Demnach wurde zunächst ein psychiatrischer Sachverständiger gehört, anschließend waren die Plädoyers und das Urteil vorgesehen. Dem Angeklagten werden 24 Überfälle in etlichen Bundesländern angelastet, wobei er in Hannover einen Kunden erschossen und einen anderen schwer verletzt haben soll.

Lebenslange Haft gefordert

Am Ende eines einstündigen Plädoyers forderte Staatsanwalt Martin Lienau, Marek K. wegen Mordes in Tateinheit mit Raub mit Todesfolge und schweren Raubs in weiteren sieben Fällen zu einer lebenslangen Haftstrafe zu verurteilen. Außerdem solle das Gericht auf eine besondere Schwere der Schuld erkennen. Zur Frage der Sicherungsverwahrung sagte der Staatsanwalt, es sei unverhältnismäßig, diese zu verhängen. Zwar könne man darüber streiten, ob K. einen Hang zu schweren Straftaten habe oder nicht. Bei Anerkennung einer besonderen Schwere der Schuld werde aber sowieso nach 21 Jahren geprüft, ob der Täter noch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt.

Es gebe eine Fülle von Spuren, die auf eine Täterschaft des 42-jährigen Polen hinwiesen, so Lienau. Der Angeklagte habe den 21-jährigen Joey K., der im Dezember 2014 in einem Stöckener Supermarkt von zwei Kugeln getroffen wurde, gezielt töten wollen. Marek K. habe aus Habgier gehandelt und seine Beute sichern wollen. Bei all seinen Taten in den verschiedenen Supermärkten sei der 42-Jährige brutal, rücksichtslos und ohne Mitleid gegenüber Kassierinnen oder verängstigten Kunden vorgegangen. Er habe mehrfach scharf geschossen und sei dabei stets eiskalt und berechnend aufgetreten.

Polizei sucht nach der Tatwaffe: Nach dem tödlichen Überfall auf einen NP-Markt in Hannover-Stöcken sucht die Polizei mit Metalldetektoren einen Park nahe des Tatorts ab. 

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Eine verminderte Schuldfähigkeit des sogenannten Supermarktmörders verneinte Lienau, dafür gebe es keine Anzeichen. Für ihn spreche lediglich, dass er vor der Raubserie nicht straffällig geworden sei. Auf der anderen Seite habe K. selbst die Tatsache, dass er in Stöcken einen Menschen tötete, nicht von einer Fortsetzung der Raubüberfälle abgehalten. Die Folgen für die Opfer seien erheblich. Viele seien bis heute traumatisiert, krank geschrieben oder arbeitslos geworden. Lienau sprach von einer „beispiellosen Überfallserie“, die entsprechend bestraft werden müsse.

Bewegende Worte der Mutter des getöteten Supermarktkunden

Nach dem Plädoyer des Staatsanwalts verlas die Mutter des getöteten Joey K. eine bewegende Erklärung, die etliche Zuschauer im Gerichtssaal zu Tränen rührte. Sie schenke Marek K. ein „Samenkorn der Vergeltung“, das spätestens auf seinem Totenbett aufgehen solle. Sein Tod, prophezeite die Mutter, werde qualvoll und schmerzhaft sein. Es könne für seine Taten keine Vergebung geben; sie hoffe, dass seine Seele ins Nichts gezogen wird. Bis dahin werde K. im Gefängnis ein Leben ohne Freude fristen, werde seine Kinder nicht auswachsen sehen und im Bewusstsein leben, alles verloren zu haben – wie sie selbst auch. 

 

Verteidiger fordert kein konkretes Strafmaß

Verteidiger Holger Nitz stellte kein konkretes Strafmaß. Er wies in seinem Plädoyer darauf hin, dass Marek K. bei den ihm zur Last gelegten acht Taten lediglich 5600 Euro erbeutet habe – eine „bescheidene Beute“, die bei Überfällen auf Discounter nicht anders zu erwarten war. Sein Mandant habe sich in vieler Hinsicht unprofessionell verhalten, habe bei den Überfällen etwa keine Handschuhe getragen. Keineswegs gesichert sei, dass K. den 21-jährigen Kunden im Stöckener NP-Markt wirklich habe töten wollen; die Schüsse seien unmittelbar auf ein Gerangel mit Joey K. gefolgt. Auch habe sein Mandant den Beutel mit dem geraubten Geld nicht mitgenommen, obwohl ihm dies ein Leichtes gewesen sei.

Insofern, so Nitz, könne man K. nicht vorwerfen, einen Mord begangen zu haben, um seinen Raubzug beenden zu können. Er habe in der Weizenfeldstraße nicht aus Habgier gehandelt, sondern höchstens die Verdeckung einer Straftat im Auge gehabt.

Auch in anderen Fällen sei K. nicht über Leichen gegangen, um seine Beute zu sichern, so der Verteidiger. Es habe – etwa bei Überfällen in Bottrop oder Hof – Situationen gegeben, bei denen sich Kassierinnen gewehrt und K. die Kassen-Cashbox sogar wieder entrissen hätten. In diesen Fällen habe der 42-Jährige aber keine lebensgefährlichen Schüsse auf seine Opfer abgegeben. „Wir haben hier also keineswegs jemanden vor uns, der bereit ist, in jeder Situation zu schießen“, erklärte Nitz.

Eine besondere Schwere der Schuld kann man K. nach Ansicht seines Anwalts nicht vorwerfen. Der Mord sei ein „Exzess“ gewesen, sein Mandant habe aber lediglich einschüchtern, nicht töten wollen. Auch einen Hang zur Begehung weiterer Straftaten sei bei dem 42-Jährigen nicht feststellbar.

Interessant war, was Holger Nitz nicht sagte. Mit keinem Wort ging er auf die Ausführungen und Rechtfertigungen ein, die sein Mandant am frühen Vormittag vorgetragen hatte. Heißt: Auch er ist nicht der Meinung, dass im Schwurgericht Hannover möglicherweise der falsche Mann auf der Anklagebank sitzt.

Die lange Jagd nach dem Räuber

4. Dezember 2014:  Kurz vor Ladenschluss um 20 Uhr fallen im NP-Supermarkt in der Weizenfeldstraße nach einem Überfall mehrere Schüsse. Ein 21-Jähriger stirbt, ein 30-Jähriger wird schwer verletzt. Der Täter flüchtet auf einem Fahrrad.

18. Dezember 2014:  Spezialkräfte der Polizei nehmen im nordrhein-westfälischen Hamm einen 48-Jährigen fest, auf den die Beschreibung des Stöckener Raubmörders passt. Doch der Mann hat ein wasserdichtes Alibi für die Tatzeit und kommt wieder frei.

16. Januar 2015:  Die Raubserie auf Supermärkte geht weiter. Die Masche ist immer die gleiche: Der Täter sucht sich ein Objekt nahe einer Autobahn, kommt meist kurz vor Ladenschluss und ist in der Regel bewaffnet.

Juni 2015: Die Theorie der Ermittler, der Supermarkträuber suche sich Objekte entlang der Autobahn 2 aus, bekommt einen Dämpfer. Innerhalb von wenigen Tagen werden drei Märkte in Bayern, entlang der Autobahn 9 überfallen – die Vorgehensweise gleicht den übrigen Taten haargenau.

25. Juni 2015:  Auf einem Autobahnrastplatz bei Dresden überwältigt die Polizei den 42-jährigen Marek K. aus Polen. An dem Zugriff sind mehrere Spezialkräfte aus verschiedenen Behörden beteiligt. Einen Tag zuvor war K. über die polnische Grenze nach Cottbus gereist. Die Polizei war ihm nach der Auswertung von rund drei Millionen Verbindungsdaten von zahllosen Handys und etwa 3000 Spuren auf die Schliche gekommen. Als sich das Handy des 42-Jährigen am 24. Juni in das deutsche Telefonnetz einloggte, bereitete die Polizei den Zugriff vor.

16. Dezember 2015:  Vor dem Landgericht Hannover beginnt der Prozess gegen Marek K. 24 Raubüberfälle werden ihm zur Last gelegt – 14 weitere wurden geprüft, fanden aber keinen Eingang in die Anklage.

 (mit: dpa)

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