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Tadashi Endo stellt „Fukushima mon Amour“ vor

Der tanzende Philosoph Tadashi Endo stellt „Fukushima mon Amour“ vor

Tadashi Endo gehört zu den bekanntesten Butoh-Tänzern der Welt. In Hannover stellt der Japaner sein neues Stück „Fukushima mon Amour“ vor.

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Tadashi Endo gilt als einer der weltweit bekanntesten Butoh-Tänzer.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Ohne seine weiße Maske wirkt Tadashi Endo alles andere als düster und verzweifelt. Abseits der Bühne ist der Schauspieler und Tänzer ein kleiner Mann mit silbergrauen Schläfen und einem ruhigen Blick hinter der modischen Brille. Doch sein Metier ist der japanische Ausdruckstanz Butoh, zu deutsch: „Tanz der Finsternis“. In den fünfziger Jahren entstanden, beschreibt der Tanz ein emotionales Theaterspiel als Widerstand gegen die kulturelle Moderne und Rückbesinnung auf traditionelle Werte. Tadashi Endo gilt als einer der weltweit bekanntesten Butoh-Tänzer. Morgen stellt er sein neuestes Stück „Fukushima mon Amour“ in Hannover vor.

Butoh richtet sich vor allem gegen den modernen, weich fließenden Tanzstil aus den USA, der in der Zeit des Kalten Krieges auch in Japan populär wurde. Die künstlerische Amerikanisierung missfiel besonders den Traditionalisten, die dadurch die japanische Kultur bedroht sahen. „Tatsumi Hijikata, einer der Gründer des Butoh, hat immer gesagt, mit ihren O-Beinen könnten Japaner beim Tanzen nicht grazil sein“, sagt Endo.

Beim Butoh dagegen geht es nicht um die Schönheit, sondern um die Botschaft. „Butoh ist quasi eine Philosophie, eine Lebenseinstellung. Es geht nicht darum, wie man tanzen soll, sondern wofür“, erklärt Endo. Auch er versucht bei jedem seiner Auftritte, so authentisch wie möglich zu sein und in seine Choreographie eigene Erlebnisse einzubinden. Erfahrungen etwa, die ihn erst zum Butoh gebracht haben.

Tadashi Endo stammt aus Tokio. Für Theater hat er sich schon früh interessiert, las Werke von Goethe, Brecht und anderen europäischen Dramatikern. Doch er hasste die Amerikaner, die er als Besatzer Japans empfand. In den sechziger Jahren inszenierte er an seiner Universität „Die ehrbare Dirne“, ein Stück über Rassismus vom französischen Dramatiker Jean-Paul Sartre. „Doch mein Stück war mehr. Es war eine Interpretation Japans, das von den USA ausgenutzt wird“, erklärt der heute 65-Jährige. Kurz vor der Premiere erhielt der junge Dramaturg jedoch einen Brief. Darin verbot ihm der Unipräsident die Aufführung des Stückes in der Universität. Daraufhin schloss sich Endo einer Gruppe linker Studenten an, die gegen die Amerikaner protestierten und für den Kommunismus kämpfen wollten.

Als er im April 1969 bei einer großen Demonstration festgenommen wurde und sich weigerte, seinen Namen preiszugeben, musste Endo 24 Tage im Gefängnis verbringen. Nach seiner Freilassung fragte sein Vater ihn, wofür er sich denn nun entscheide - das Theater oder die Revolution. Endo wählte die Bühne. „Eine Revolution war in Japan relativ aussichtslos, denn ein richtiges Proletariat gab es nicht. Und ich wusste, ich gehöre zum Theater.“

Er wanderte aus, nach Deutschland, und kam über mehrere Umwege nach Göttingen. Dort studierte er Germanistik und Philosophie und bekam nach einem Studium der Regie in Wien beim Göttinger Jungen Theater ein Engagement. Doch zum Butoh kam er erst viel später. „Ich wusste, dass es Butoh gibt, aber der Tanzstil war mir zu chaotisch und dreckig“, sagt Endo. Nach einem Besuch der Butoh-Aufführung vom Gründer Tatsumi Hijikata blieb ihm das Gefühl, damit nicht viel anfangen, es aber auch nicht vergessen zu können. 1989 traf Endo dann den Butoh-Tänzer Kazuo Ohno, der überzeugt war, dass Butoh für den jungen Mann genau das Richtige sei. „Es war eine Erkenntnis, als hätte ich die ganze Zeit geradeaus geblickt und schaute jetzt nach links, und auf meiner Schulter saß Butoh“, erzählt Endo.

Mittlerweile leitet er in Göttingen das Butoh-Zentrum MAMU, gibt Workshops und tritt in aller Welt auf. In seinem neuesten Stück nimmt er sich dem Thema der Reaktorkatastrophe von Fukushima an. „Ich kenne die Region noch aus meiner Kindheit. Es soll eine Hommage an sie sein und zugleich eine Kritik an der vom Materiellen abhängigen japanischen Gesellschaft, die sich kaum dafür interessiert, was sie der Natur um sie herum antut.“ Mahnend den Zeigefinger heben will er nicht, doch die weiße Maske soll daran erinnern, was in Fukushima verloren ging.Isabel Christian Tadashi Endo tritt morgen und am 27. und 28. Oktober, sowie am 2. und 4. November jeweils um 19.30 Uhr in der Theaterwerkstatt, Lister Meile 4, auf. Karten kosten zwischen 8 und 13 Euro.

Isabel Christian

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