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Aus der Stadt Wie geht die Hannöversche Tafel mit Nichtdeutschen um?
Hannover Aus der Stadt Wie geht die Hannöversche Tafel mit Nichtdeutschen um?
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00:15 06.03.2018
„Wer zu wenig zu essen hat, bekommt Unterstützung – egal woher er kommt“: Lebensmittelausgabe der Hannöverschen Tafel am Freitag am Kronsberg. Quelle: Villegas
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Hannover

Interview mit Rosenmarie Wallbrecht, Vorsitzende der Hannöverschen Tafel. 

Frau Wallbrecht, die Essener Tafel hat Schlagzeilen gemacht, weil sie Nichtdeutsche von der Essensausgabe ausgeschlossen hat. Gibt es so etwas auch in Hannover? 

Nein. Niemals. 

Warum nicht? 

Wenn jemand bedürftig ist und zu wenig zu essen hat, dann erhält er Unterstützung, egal woher er kommt. Deshalb finde ich die Entscheidung des Vereins in Essen nicht richtig. Man könnte ja etwa auch sagen: Wenn es eng wird, geben wir Lebensmittel nur noch an bedürftige Senioren aus – aber was ist dann mit den alleinerziehenden Müttern? Solche Differenzierungen führen sehr leicht zu Konflikten. 

Aber auch Sie haben ja inzwischen die Essensausgabe eingeschränkt. Donnerstags in Vahrenheide und freitags im Roderbruch gibt es Nahrungsmittel nur noch für den bisherigen Kreis der Empfänger, Sie nehmen dort wegen der großen Nachfrage niemanden mehr neu auf. 

Das ist richtig. Aber das gilt für alle Menschen, die bei uns neu anfragen, nicht für bestimmte Gruppen. Wir können schließlich nur verteilen, was wir von Spendern bekommen. Die Situation bei uns ist aber überhaupt nicht dramatisch. Solche Engpässe gibt es kurzzeitig immer mal wieder. Im Roderbruch rechnen wir damit, schon ab der nächsten Woche wieder neue Gäste aufnehmen zu können. 

Die Essener Tafel hat auch beklagt, dass der Ton durch Zuwanderer vor allem aus osteuropäischen Ländern rauer geworden sei. Es gebe Geschubse und Gedränge. Vor allem Senioren, die langjährig zur Tafel gekommen seien, blieben inzwischen fern – auch deshalb der Schritt, Lebensmittel nur noch an Deutsche auszugeben. 

Die deutschen Tafeln organisieren sich alle etwas unterschiedlich. Wir bestehen im nächsten Jahr seit 20 Jahren und haben inzwischen viel Erfahrung. Ich glaube, dass wir solche Probleme auch deshalb nicht haben, weil unser Verteilsystem ausgereift ist. 

Was machen Sie anders? 

Wer Lebensmittel von der Hannöverschen Tafel empfangen will, muss sich einmal anmelden und seine Bedürftigkeit nachweisen, etwa durch den Bezug einer kleinen Rente oder von Arbeitslosenunterstützung. Um langes Anstehen zu vermeiden, bitten wir unsere Gäste – wir sagen Gäste, nicht Kunden, denn sie bezahlen bei uns ja nichts – nach einem bestimmten Rotationssystem in kleinen Gruppen im Halbstundentakt zu uns. Das führt dazu, dass es keine langen Warteschlangen gibt, und verhindert überdies Neid, weil keiner über Wochen zu den jeweils ersten gehört, die sich Lebensmittel aussuchen dürfen. Und wir kontrollieren relativ streng, um Missbrauch zu verhindern. 

Was kontrollieren Sie? 

Durch die Anmeldung wissen wir, für wie viele Familienmitglieder jemand Essen abholt. Wenn sich jemand zum Beispiel sechs Äpfel nimmt, dann weisen wir darauf hin, dass noch viele andere Bedürftige kommen. Und wir achten darauf, dass der Umgangston höflich ist. Wenn nicht, sprechen wir auch Platzverweise aus. Aber das kommt sehr, sehr selten vor. Übrigens: Nur etwa 25 Prozent unserer Gäste kommen von außerhalb Deutschlands. Das Problem, dass viele Menschen nicht genug zu essen haben, ist kein Zuwanderungsproblem, sondern zeigt sich mitten in unserer Gesellschaft.

Sie haben inzwischen sieben Ausgabestellen, die in der Regel 14-täglich beliefert werden, in Mühlenberg und Garbsen sogar wöchentlich wegen der starken Nachfrage. Welchen Umfang hat die Arbeit der Hannöverschen Tafel inzwischen? 

Aus meiner kleinen privaten Initiative vor fast 25 Jahren hat sich eine recht starke Unternehmung entwickelt. Inzwischen engagieren sich etwa 140 Ehrenamtliche regelmäßig, wir haben rund zehn Zentner Lebensmittel pro Verteiltag zur Verfügung und geben diese an insgesamt 4000 Erwachsene und 2000 Kinder ab. Das alles funktioniert aber nur mithilfe vieler privater Geldspenden, wegen des Engagements der Ehrenamtlichen und weil uns der Einzelhandel großartig unterstützt. Es ist übrigens so, dass der Handel durch die Scannerkassen sehr viel genauer planen kann und daher viel weniger Lebensmittel abgibt. Das ist einerseits richtig, bedeutet für uns aber auch, dass wir mehr Stellen anfahren müssen, um gleichviel Lebensmittel zu bekommen. Die Arbeit ist nicht einfacher geworden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten ...?

Würde ich mir wünschen, dass unsere Arbeit nicht mehr nötig wäre. Und zwar in doppelter Hinsicht: dass keine Lebensmittel mehr verschwendet werden, vor allem aber dass niemand mehr auf die Unterstützung der Tafeln angewiesen ist. 

Zur Person

Rosenmarie Elisabeth Wallbrecht hat vor knapp 25 Jahren in Kirchrode das erste Tafelprojekt in Hannover gegründet, daraus entstand im September 1999 die Hannöversche Tafel als mildtätiger Verein. Wallbrecht ist Vorsitzende des Vereins, der insgesamt 260 Fördermitglieder umfasst. Die heute 73-Jährige ist Restauratorin und betreibt eine Porzellanwerkstatt. Sie ist außerdem Vorsitzende des Freundeskreises Historisches Museum Hannover.

Von Conrad von Meding

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