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So erkundet der Taubblinde Carlo de Filippo Hannover

Zurechtfinden in der Stadt So erkundet der Taubblinde Carlo de Filippo Hannover

Taub von Geburt an, und praktisch blind: Carlo de Filippo hat Hannover noch nie gehört 
und nie gesehen. Jetzt lernt er, mithilfe von Trainerin Regina Berg, sich trotzdem allein in der Stadt zurechtzufinden. Die HAZ hat den 37-Jährigen dabei begleitet. 

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Den Bahnhof ertasten: Trainerin Regina Berg zeigt dem taubblinden Carlo de Filippo, wie er sich mit dem Plan für Blinde zurechtfinden kann. 

Quelle: Katrin Kutter

Hannover. Zum Glück gibt es den kleinen schwarzen Knopf. Minutenlang ruhen Carlo de Filippos Finger auf dem Plastikteil unten an dem gelben Ampeldrücker. Dann springt die Anzeige auf Grün und der Knopf beginnt zu vibrieren. Langsam setzt sich der 37-Jährige in Bewegung, sein Blindenstock geleitet ihn sicher über die Straße hin zur Stadtbahnhaltestelle. Dass die Anlage gleichzeitig durchdringend piept, dringt nicht zu ihm vor.

Seit seiner Geburt umgibt de Filippo komplette Stille. Der Italiener wurde gehörlos geboren. Er hat gelernt in Gebärdensprache zu kommunizieren und Informationen vor allem visuell aufzunehmen. Doch seit einigen Jahren verliert er zusätzlich zu seiner Hörbehinderung auch sein Augenlicht. Usher-Syndrom nennt sich die schleichende Krankheit, die im schlimmsten Fall mit einer völligen Erblindung endet. Der Blick durch eine verdunkelte Plastikbrille macht deutlich, wie wenig der jungenhaft wirkende Mann noch sehen kann – sein Blickfeld ist auf einen trüben Kreis verengt. Was drumherum passiert, nimmt er nicht mehr wahr.  

Seit seiner Geburt umgibt de Filippo komplette Stille. Der Italiener wurde gehörlos geboren. Er hat gelernt in Gebärdensprache zu kommunizieren und Informationen vor allem visuell aufzunehmen. Doch seit einigen Jahren verliert er zusätzlich zu seiner Hörbehinderung auch sein Augenlicht. Usher-Syndrom nennt sich die schleichende Krankheit, die im schlimmsten Fall mit einer völligen Erblindung endet. Der Blick durch eine verdunkelte Plastikbrille macht deutlich, wie wenig der jungenhaft wirkende Mann noch sehen kann - sein Blickfeld ist auf einen trüben Kreis verengt. Was drumherum passiert, nimmt er nicht mehr wahr.

Taub von Geburt an, und praktisch blind: Carlo de Filippo hat Hannover noch nie gehört 
und nie gesehen. Jetzt lernt er, sich trotzdem allein in der Stadt zurechtzufinden.

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Training in der Stadtbahn

In die Innenstadt von Hannover will der 37-Jährige fahren. Begleitet wird er von Regina Berg. Sie ist Reha-Trainerin im Taubblindenwerk in Kirchrode und übt mit hörsehbehinderten Menschen wie de Filippo täglich, wie diese sich trotz ihrer Einschränkungen im Alltag orientieren können. Stadtbahnfahren gehört genauso dazu wie Kochen, Einkaufen und das Erlernen der Blindenschrift. Denn auf die tastbaren Schriftzeichen sind sie angewiesen. Wenn Berg mit ihrem Schüler spricht, ergreift sie seine Hände, fährt mit dem Finger durch die Handfläche und buchstabiert ihm so einzelne Worte und Sätze. Lormen heißt die Sprache der Taubblinden bei der einzelnen Fingern sowie bestimmten Handpartien bestimmte Buchstaben zugeordnet. Manchmal versucht sie auch mit Gebärden seine Aufmerksamkeit zu erlangen.

Die Stadtbahnhaltestelle Saarbrückener Straße ist ein barrierefreier Hochbahnsteig. Weiße Noppen und Rillen auf demBoden leiten de Filippo den Bahnsteig entlang und führen ihn in die Richtung der Waggontüren. Für Blinde gibt es eine Sprachanzeige, die Richtung und Abfahrtzeit der Linie ansagt. „Die Haltestelle hier wurde neu gebaut und bietet viele Hilfen für Taubblinde“, sagt Berg. Wie die meisten Bus- und Bahnhaltestellen der Üstra. „Trotzdem muss ich mit meinen Schülern jede Station einzeln eintrainieren“, sagt Berg.

Den Weg bis zum Hauptbahnhof hat de Filippo sich eingeprägt. Im Kopf zählt er die Haltestellen mit, am Aegidientorplatz steigt er zielsicher um und wechselt den Bahnsteig. „Als Münchner hat er auch schon verstanden, was es heißt, sich in Hannover unterm Schwanz zu treffen“, sagt Begleiterin Berg, die immer einen halben Schritt hinter de Filippo geht und ihn leicht am Oberarm führt.

Haltestellen im Kopf zählen

Ein Jahr wird der 37-Jährige im Wohnheim des Taubblindenzentrums wohnen und täglich daran arbeiten, vielleicht eines Tages ohne ständige Begleitung zurechtzukommen. „Man weiß auch nicht genau, wie schnell die Erblindung voranschreitet“, sagt Berg.

Im Hauptbahnhof weisen de Filippoviele versteckte Hilfen den Weg: die Richtungen der Stadtbahnen stehen in Blindenschrift am Handlauf zu den Gleisen, um zu den Fernzügen zu gelangen, orientiert er sich an den dunklen Streifen auf dem Boden. Was hilft ihm noch? Aufgeregt schwingt seine Hand durch die Luft und trommelt auf Bergs Oberarm: „Der Bahnhof steigt zum Vorplatz leicht an“, übersetzt sie. Auch daran kann sich der Taubblinde halten.

Zur Übung führt die Reha-Trainerin de Filippo zu einem Übersichtsplan im Eingangsbereich, auf dem Blinde eine Übersicht des Gebäudes, der Gleise und Strecken ertasten können. Tastend fährt er mit den Fingerspitzen über die metallenen Punkte. Wo genau Gleis 3 liegt, ist er sich nicht sicher - die Zahlen in Blindenschrift sind noch neu für ihn. „Bislang konnte sich Carlo immer noch auf seine Augen verlassen“, erklärt Berg. „Die Blindenschrift muss er neu erlernen.“

Und dann gibt es auch noch das kleine Heftchen mit den beschriebenen Karten in seiner Umhängetasche - mit ihnen ist er sogar schon alleine mit dem Zug von München nach Hannover gefahren. Sie erklären dass er taubblind ist, wohin er fahren möchte, bitten den Schaffner ihm auf die Schulter zu tippen oder den Verkäufer ihm bestimmte Lebensmittel zusammenzupacken. De Filippo zeigt die weißen Zettel vor, wenn er Hilfe braucht und nicht weiter weiß.

Oder wenn er eine Laugenbrezel kaufen möchte: „Ich kann nicht sehen und hören. Bitte schreiben Sie mir den Betrag in die Hand“, steht auf einer Karte, die er Naim Amini über die Bäckerei-Theke schiebt. Mit Gesten signalisiert er, was er kaufen möchte. „Für mich ist das nicht befremdlich“, sagt der Verkäufer. „Dann dauert es einfach mal einen Moment länger.“ Die Münzen ertastet de Filippo genauso wie die Tüte mit der Brezel. Nur der Abschiedsgruß bleibt aus.

Münzen werden ertastet

Bei einem Latte Macchiato versucht der 37-Jährige zu beschreiben, wie Hannover aus seiner Perspektive aussieht. Während er gestikuliert, liegen seine Hände in denen der Betreuerin. Viele Wege seien ihm vertraut, doch wenn es schnell gehen müsse und viele Menschen um ihn herumwuselten, verliere er die Orientierung. Besonders in den vielen Etagen am Kröpcke. Dort gebe es nur wenig tastbare Hilfen. „Der Hauptbahnhof hat nur eine Richtung, das ist es einfacher.“ Probleme bereiteten ihm auch Dunkelheit und die vielen Baustellen.

Um Hilfe bittet de Filippo selten. Weil er nicht weiß, ob ihn die Menschen verstehen. Immer wieder hat er Angst, dass seine hilflose Situation ausgenutzt wird und ihn womöglich jemand beklaut. In seiner Freizeit trifft er sich am liebsten mit Freunden aus der Wohngruppe. Sein Smartphone leuchtet auf. Wenn er es ganz dicht an die Augen führt und die Schrift stark vergrößert, kann de Filippo lesen, wer ihm eine Nachricht geschickt hat. 16 Uhr, Treffpunkt: Kirchrode. Dahin muss er jetzt zurück.

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