Die Nacht hat deutliche Spuren hinterlassen, auch bei Dorothee Widdel (45). „Die Warterei vor den Spielstätten ist schon ermüdend“, sagt sie und fährt sich durchs Haar. Mehr als eine Stunde hat sie für eine Karte im Theater am Küchengarten angestanden, um den Komiker Horst Evers zu sehen. Es ist 23 Uhr. Und dennoch ist da dieser Glanz in ihren Augen, der in dieser Nacht auf vielen Gesichtern zu sehen ist.
Insgesamt 8000 Besucher haben sich während der „8. Langen Nacht der Theater“ am Sonnabend in Hannover verzaubern lassen, 500 weniger als im Vorjahr. „Wir sind trotzdem sehr zufrieden, vor allem weil das Wetter mitgespielt hat“, sagt Sabine Löser (29) vom Schauspielhaus. Zwischen 18 und 24 Uhr haben 31 städtische und freie Bühnen Auszüge aus ihren Programmen gezeigt und dabei alle Genres berührt – vom Ballett bis zur Comedy.
„Man schaut sich Sachen an, die man sonst nie besuchen würde“, sagt Brigita Wittwer (55). So hat sie sich für Szenen aus dem Stück „Fine!“ von Paula Fünfeck im Ballhof 2 entschieden. „Das hat mir zwar nicht gefallen, aber macht nichts“, sagt Wittwer fröhlich. Sie ist eine erfahrene Theatergängerin und hat bereits alle „Langen Nächte“ mitgemacht. „Die Stimmung ist einfach klasse“, schwärmt sie. Da herrsche in den heiligen Hallen von Oper und Schauspielhaus plötzlich ein buntes Gewusel. „Ich treffe Bekannte, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe“, sagt sie.
Besonders ausgelassen sind die Zuschauer im Schauspielhaus, als die schönsten und komischsten Lieder aus den Stücken von Franz Wittenbrink zum Besten gegeben werden. „Und tschüss!“ haben die Organisatoren der „Langen Nacht“ das Potpourri genannt und sich damit vor dem scheidenden Schauspielintendanten Wilfried Schulz (56) verneigt. Doch abgesehen von diesem kleinen Fingerzeig deutet nichts in dieser „Langen Nacht“ auf den Weggang von Schulz hin. „Wir wollten eine ganz normale Theaternacht machen, ohne Abschiedszeremonien“, sagt Löser.
Doch ganz so normal ist diese Nacht für die hannoverschen Theaterbummler nicht. So haben Ballettfans einen Blick auf erste Szenen aus den neuen Stücken von Ballettchef Jörg Mannes (40) werfen können. Und sie bekamen auch eine Ahnung davon, wie viel Kraft das alles kostet: Tänzer Andreas von Arb (32) gerät durch die anspruchsvolle Choreographie an den Rand einer totalen Erschöpfung. „Wir haben heute bereits eine anstrengende Probe hinter uns“, erklärt Mannes und bittet um Nachsicht. Tosender Applaus brandet auf und zaubert auf das rote, verschwitzte Gesicht von Arbs ein Lächeln.
Auch manche Zuschauer sind in der Mitte der Nacht schon am Ende. „Wir gehen jetzt nach Hause“, sagt Gabriele Cieciors (58) und schaut auf die Uhr. Das Wittenbrink-Potpourri sei der Höhepunkt des Abends gewesen. Aber sie und ihr Mann haben ja auch schon um 18 Uhr mit dem humorvollen Stück „Wenn Hühner Schweine lieben“ im Figurentheaterhaus angefangen.
Der große Saal der Oper ist aber noch gut gefüllt, als um 23.15 Uhr Chordirektor Dan Ratiu die Zuschauer zum Singen ermuntert. „Sie müssen nur den ersten Ton finden“, sagt er lächelnd. Um das zu erleichtern, hat er seinen Kapellmeister Andreas Wolf mitgebracht, der am Klavier die ersten Töne des Pilgerchors aus „Tannhäuser“ anschlägt. Die Sangeskunst der Zuschauer stellt den Chorleiter nicht ganz zufrieden, doch beim zweiten Lied, einem Song aus „My Fair Lady“ hellt sich seine Miene auf. „Das ist genial“, entfährt es ihm, und Tausende Besucher stimmen an: „Ich sing ein Lied heut‘ Nacht, die ganze Lange Nacht“.
von Andreas Schinkel und Charlotte Klein
HAZ.de Anmeldung