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Aus der Stadt Teresa Enke wird mit Leibniz-Ring-Hannover geehrt
Hannover Aus der Stadt Teresa Enke wird mit Leibniz-Ring-Hannover geehrt
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22:09 14.09.2010
Teresa Enke führt Robert Enkes Vermächtnis in der Robert-Enke-Stiftung weiter, die Maßnahmen fördern will, die der Erforschung und Behandlung von Depressionen dienen. Quelle: dpa (Archiv)

Dieser Auftritt, ihr schwerster Gang, bleibt unvergessen. Es ist der 11. November 2009, 13 Uhr: Teresa Enke sitzt in der Geschäftsstelle von Hannover 96, schwarz gekleidet, vor einer schwarzen Wand, ganz klein. Stille im Saal, die Kameras laufen. Vor dem Fernseher sehen Millionen Menschen zu, viele weinen. „Wir dachten halt, mit Liebe geht das, aber man schafft’s doch nicht immer“, sagt sie, stockt, versucht zu erklären, was niemand erklären kann. Ein paar Stunden ist es erst her, dass ihr Mann Robert sich in Eilvese auf die Schienen gestellt hatte und vom Zug überrollt wurde. Teresa Enke lässt die fassungslose Öffentlichkeit mit ihrer Ratlosigkeit nicht allein, berichtet von den schweren Depressionen, unter denen der 96-Torhüter und Nationaltorwart Robert Enke litt – sie erntet dafür tiefsten Respekt.

Auch das Kuratorium des Leibniz-Ringes Hannover, zollt ihr nun, ein knappes Jahr nach der Tragödie, große Anerkennung: Teresa Enke erhält für ihre „beispiellose Offenheit“ den Leibniz-Ring-Hannover. „Die weltweite Beachtung, die ihre Erklärung fand, hat vielen Menschen geholfen, sich mit ihrem Leiden zu offenbaren“, heißt es in der Begründung. Zum Kuratorium gehören unter anderem NDR-Intendant Lutz Marmor, ZDF-Intendant Markus Schächter, die Unternehmerin Maria-Elisabeth Schaeffler, „Tagesschau“-Chefsprecher Jan Hofer und Oberbürgermeister Stephan Weil. „Teresa Enke ist eine sehr tapfere und starke Frau“, sagte Schächter gestern. „Ihr Schicksal hat Deutschland bewegt.“ NDR-Intendant Marmor nannte sie eine „würdige Preisträgerin“, denn sie habe „bewundernswerten Mut bewiesen“. Der Presse Club Hannover vergibt den Leibniz-Ring seit 1997 an Menschen, die „besondere Zeichen gesetzt haben“. Er wird am 8. Dezember im Congress Centrum verliehen. Frühere Preisträger waren Roman Herzog, Regisseur Sönke Wortmann, UN-Chefinspektor Hans Blix und die Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble.

Teresa Enke führt Robert Enkes Vermächtnis in der Robert-Enke-Stiftung weiter, die Maßnahmen fördern will, die der Erforschung und Behandlung von Depressionen dienen. Teresa Enke hält sich zurück in der Öffentlichkeit, trat bisher erst einmal für die Stiftung auf, Anfang Juni in Barsinghausen. „Wir wollen erreichen, dass sich keiner mehr schämen muss“, sagte sie damals. Vor drei Wochen, am 24. August, wäre Robert Enke 33 Jahre alt geworden. Seine Witwe gedachte ihres Mannes an diesem Tag mit Adoptivtochter Leila, Robert Enkes Bruder und seinen Eltern sowie rund 30 Freunden und Wegbegleitern an seinem Grab. 45 Minuten dauerte die Trauerandacht, eine Pastorin sprach, weiße Ballons stiegen auf. „Ich bin ungebrochen beeindruckt, von Teresas Umgang mit Roberts Tod und der Tatsache, dass sie am Tag danach so unglaublich viel Kraft aufgebracht hat“, sagte gestern auch Enkes früherer Berater und Freund Jörg Neblung. „Teresas Tage sind nach wie vor schwer, vielleicht noch schwerer durch den Schrecken des Alltags ohne ihren geliebten Mann – um so mehr hat sie den Leibniz-Ring verdient.“ Auch 96-Präsident Martin Kind begrüßte die Auszeichnung: „Es ist der persönliche Einsatz, für den sie nun geehrt wird.“

Es ist das Teuflische, das Nichterklärbare an dieser Krankheit, das Betroffene wie Angehörige tief verunsichert. Aus Verunsicherung wird Scham, aus Scham Tabu. 90 Prozent der mehr als 9000 Selbsttötungen pro Jahr in Deutschland werden nach einer psychischen Erkrankung verübt. „Jeden Tag sterben hierzulande 30 Menschen an einem Suizid“, sagt Prof. Ulrich Hegerl aus Leipzig, Koordinator des Kompetenznetzes Depression. Fast ein Viertel aller Deutschen kenne in seinem engeren Umfeld einen an Depressionen erkrankten Patienten. Eine britische Aufklärungskampagne wies kürzlich darauf hin, dass praktisch jeder Erwachsene einmal in seinem Leben depressiv wird. Nur jeder dritte Depressive erhalte eine Behandlung – oft erst nach einem Suizidversuch.

Die Offenheit von prominenten Erkrankten und ihren Familien ist für die Enttabuisierung enorm wichtig. Vier Wochen vor Enkes Tod war 2009 bereits die Biografie von Sebastian Deisler erschienen, einst Star des FC Bayern München, der wegen Depressionen seine Karriere aufgab. „Wenn depressive Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sagen: ,Jawohl, ich habe das gehabt!’, helfen sie zehntausend anderen“, sagt Florian Halboer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, der Deisler behandelte. Nach dem Fall Deisler seien „Patienten in großer Zahl zu uns gekommen und haben sich getraut, darüber zu sprechen. Das ist der erste große Schritt in Richtung einer Normalität“.

Imre Grimm und Jan Sedelies

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