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Aus der Stadt Therapiestation in Hannover nimmt Computersüchtige auf
Hannover Aus der Stadt Therapiestation in Hannover nimmt Computersüchtige auf
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11:07 01.02.2010
Oberarzt Christoph Möller spricht mit einem Patienten mit Internet- und Computersucht. Quelle: lni

Raus aus dem Unterricht und ran an den Computer: Lange Zeit hat die Spielkonsole den Alltag des 18-Jährigen aus Hannover bestimmt. „Glücksgefühle und Erfolgserlebnisse kamen dann immer bei mir auf.“ Jede freie Minute verbrachte der junge Mann, der seinen Namen nicht nennen will, zum Schluss am Bildschirm. Erst sind es ein bis zwei Stunden dann hängt er bis sechs Uhr früh im Netz. Die Folgen: „Ich habe nicht mehr so viel gegessen. Mein ganzer Tagesrhythmus hat sich verändert.“ Fünf Jahre lang ändert sich daran nichts. Seit einigen Monaten lässt er sich nun im Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover in der Therapiestation „Teen Spirit Island“ behandeln. Diagnose: Computersucht.

Die Mitarbeiter der Station behandeln junge Patienten mit Drogen-, Internet- und Computersucht stationär. „Es gibt eine steigende Nachfrage, aber in Deutschland gibt es kein wirklich adäquates Angebot mit ausgewiesenen Plätzen für Kinder und Jugendliche mit Internet- und Computersucht“, sagt Oberarzt Christoph Möller und verweist darauf, dass Internetsucht keine anerkannte Diagnose ist. Laut einer Studie würden bis zu 10 Prozent von 1200 Befragten 12- bis 19-Jährigen einen Internet-Missbrauch zugeben, der bis zu einer Abgängigkeit reiche.

In Hannover stehen derzeit zwölf Behandlungsplätze zur Verfügung. „Wir erweitern den Bau um 400 Quadratmeter. Ziel ist es, 18 Patienten zu behandeln“, sagt Möller. Vier bis sechs Plätze sind dann von Mitte Februar an für Internetsüchtige gedacht. Zurzeit betreuen Möller und sein Team zwölf junge Patienten, von denen zwei internetsüchtig sind. Einer von ihnen ist der 18-Jährige.

Ein Auslöser für die Flucht in die Internet-Welt war für den Jugendlichen Mobbing in Schule. „Die Lehrer waren nicht wirklich eine Unterstützung. Die haben tatenlos zugesehen, alles schöngeredet. Ich kam mit der Realität nicht mehr zurecht.“ Im Netz sei es hinterher viel erträglicher gewesen. „Man war nicht mit den Problemen konfrontiert, konnte entspannen, konnte auch Erfahrungen sammeln, wenn man gewonnen hatte“, schildert der 18-Jährige. Erfolge im wahren Leben bleiben aus. „Ich wurde in der Schule schlechter. Hatte keine Lust mehr, auch nachdem ich nicht mehr gemobbt wurde. Schule war keine Zukunft mehr für mich.“ Den Realschulabschluss erreicht er, will das Abitur machen, schafft es aber nicht.

Auf eine Therapie will sich der junge Mann zunächst nicht einlassen. „Ich war ein wenig genervt, weil meine Eltern eine Abneigung gegen Computer entwickelt haben“, sagt der 18-Jährige. „Aber ich habe gemerkt, dass bei meinen sozialen Kontakten gar nichts läuft und ich mich nicht mehr wohlfühle.“ Im vergangenen Sommer zieht er dann doch die Notbremse und begibt sich in Therapie.

Zu Beginn spürt der 18-Jährige Suchtdruck, wenn er andere Jugendliche über Computerspiele reden hört. „Ich habe mich dann an die schönen Zeiten erinnert - mehr nicht.“ Anderen ergeht es da anders, weiß Möller. „Sie kriegen schwitzige Hände, bekommen Herzrasen, werden unruhig und klagen über Unwohlsein. Reagieren also auch leicht körperlich, aber es ist kein körperlicher Entzug.“

In der Therapie müssen die Jugendlichen lernen, mit ihren Grundproblemen und Grundstrukturen anders umzugehen. Sie müssen lernen, mit anderen zurechtzukommen, sagt Möller. Aber auch ein geregelter Tagesablauf gehört zur Behandlung. „Es geht zum Beispiel darum, morgens unter Anleitung zu putzen. Man lernt für sich zu sorgen, lernt regelmäßig Mahlzeiten zu essen. Solche grundlegenden Dinge sind schon Therapie“, sagt Möller. Darüber hinaus gibt es auch Gruppentherapien.

Die Therapiedauer sei bei Internet- und Computersucht viel länger als bei Alkohol- oder Drogensucht. „Der Leidensdruck ist nicht so hoch und bei den Eltern ist das Bewusstsein wenig da, dass es ein Problem ist“, sagt Möller.

Mittlerweile nutzt der 18-Jährige wieder den Computer, allerdings für das Schreiben von Bewerbungen. Und auch den Spielkonsolen meint er sich nach der Therapie nicht vollständig entziehen zu können. „Wichtig ist es nur, dass Computerspiele nicht die Priorität im Leben sind.“

lni

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