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Toto verlässt den Knabenchor nach 50 Jahren

Letztes Konzert Toto verlässt den Knabenchor nach 50 Jahren

Wenn Thomas Thomson am Wochenende in der Marktkirche seine Chormappe aufklappt und die ersten Töne von Bachs Weihnachtsoratorium erklingen, wird einiges anders sein als sonst: „Zum ersten Mal habe ich wirklich Bammel vor Bach." Warum? Der 58-Jährige singt sein letztes Konzert mit dem Knabenchor Hannover – nach mehr als 50 Jahren.

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Zum letzten Mal Musik von der Bühne aus erleben: Thomas Thomson (Mitte) und der Knabenchor Hannover bei der Generalprobe für das Weihnachtsoratorium. 

Quelle: Michael Thomas

Hannover. 1965 probte Thomas Thomson erstmals mit dem Knabenchor Hannover – nun singt er sein letztes Konzert: das Weihnachtsoratorium

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Um zu verstehen, was Thomson meint, wenn er von seinem „Knabenchor-Gen“ spricht, folgt man ihm durch das Portal des Chorheims in der Meterstraße, wo zweimal in der Woche geprobt wird. Die Straßenschuhe bleiben draußen, für jeden Sänger stehen Hausschuhe bereit. Lachend führt der gebürtige Hannoveraner durch die hellen Räume, auf Fotos schütteln Jungs in frisch gebügelten Anzügen Bundespräsidenten die Hand, im Foyer blicken Beethoven und Bach auf die Besucher herab.

Jeder Winkel erzählt davon, dass Toto, wie ihn hier alle nennen, all das liebt: die Gemeinschaft der mehr als 100 Sänger – die Konzertsäle auf der ganzen Welt füllen. Die Geschichte vom singenden Toto hat am 29. Januar 1965 begonnen. Aufgeregt sei er gewesen, als er zum ersten Mal zwischen den anderen Sängern in der Chorklasse stand und unsicher die ersten Töne trällerte. Fast 51 Jahre sind seitdem vergangen. Vom 29. Januar 2016 an wird er seine Mitgliedschaft ruhen lassen. „Irgendwann muss auch mal Schluss sein,“ sagt Thomson.

Dieser 29. Januar. Das Datum kommt noch ein weiteres Mal in Thomsons Chorgeschichte vor. Im Jahr 2002 starb, an ebendiesem 29. Januar, Heinz Hennig, der den Knabenchor 1950 gegründet hatte, und für Thomson gleichzeitig Inspiration, Vaterfigur und Vertrauter war. „Damals sagte er zu mir: Toto, kümmer dich um den Chor.“ Das habe er getan.

Mehr als 1500 Konzerte in 50 Jahren

Dass ihr Sohn Toto in den Chor gehörte, sei für seine Eltern früh klar gewesen. Doch der damals Siebenjährige hatte andere Pläne für seine Freizeit. Schließlich gingen die Mitschüler zum Fußball oder zur Freiwilligen Feuerwehr. „Trotzdem war ich stolz wie Oskar, als ich das erste Mal im Mai 1966 im feinen Choranzug mit kurzer Hose in der Galerie Herrenhausen auf der Bühne stand.“ Es gab aber auch Tage, an denen der junge Thomas auf dem Weg zur Probe eine Straßenbahn nach der anderen vorbeirauschen ließ, dann nach Hause zurückkehrte und dann flunkerte: „Ich habe die Bahn verpasst.“

Mehr als 1500 Konzerte hat er mittlerweile gesungen, manche davon in China, Japan, Russland, Israel und Südamerika. Außer Australien hat Thomson alle Kontinente mit dem Chor bereist. Neben großen internationalen Konzerthallen belohnten ihn vor allem dankbare Gesichter und Applaus in kleinen Kirchenkonzerten – „das tägliche Brot des Knabenchors“.

Thomson möchte Buch über den Chor schreiben

Was bleibt, sind auch die mehr als 60 Schallplatten- und CD-Aufnahmen, bei denen namhafte Dirigenten den Taktstock schwangen und die fein sortiert im Wohnzimmerschrank stehen. 1971 war die schöne Zeit als weltbekannter Chorknabe vorerst vorbei: Die Töne wurden kratzig, der Stimmbruch kam. „Ich war sehr unglücklich“, schildert Thomson. Doch er kam zurück: Zunächst als Bass, dann als zweiter Tenor. In der Stimmlage singt noch heute.

Aus vielen Choranzügen ist Thomson herausgewachsen, die kurzen schwarzen Hosen, die Kniestrümpfe und Sakkos passen nicht mehr. Einige hängen ein angestaubt im Schrank: „Die wichtigsten Erinnerungen trägt man aber im Herzen“ – und im Adressbuch. Die kleinen Knaben, die vor Jahrzehnten Bachkantaten aufführten, sind zu guten Freunden geworden.

Bislang hat niemand dem Knabenchor so lange die Treue gehalten wie Thomson, der sich nach mehr als 50 Jahren „Dienstältester“ nennen darf. Auch ohne Stimme wird er dem Chor erhalten bleiben. Thomson möchte ein Buch über das Ensemble schreiben, mit dem er so viel erlebt hat.     

Spitze in Europa

Heinz Hennig hat den Knabenchor Hannover 1950 gegründet und bis 2001 geleitet. Seit 2002 führt Jörg Breiding den Taktstock. Das Ensemble hat einen Platz unter den bedeutendsten Knabenchören Europas.

Mehr als 2500 Jungen und junge Männer haben hier eine fundierte musikalische Ausbildung erhalten; knapp 80 Konzerttourneen führten den Chor in 45 Länder.

Die Schallplatten- und CD-Veröffentlichungen des Knabenchores wurden national wie international mit wichtigen Preisen dekoriert – vom Deutschen Schallplattenpreis über die Goldene Stimmgabel (Diapason d’Or) bis zum Klassik-Echo.

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