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Tierisch aufmerksam

Ungewöhnliches Forschungsprojekt Tierisch aufmerksam

Frühwarnsysteme auf vier Beinen, Alarmauslöser mit Flügeln: Sind manche Tiere in der Lage, Extremereignisse wie das verheerende Erdbeben in Nepal vorauszuahnen? Warum blieben Wildtiere vom Tsunami in Südasien fast völlig verschont? Ein deutscher Biologe hat nach Antworten gesucht. Und italienische Ziegen gefunden.

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Quelle: Archiv

„Mit Chiara fing alles an.“ Von ihr erzählt Martin Wikelski zuerst. Denn: „Mit ihr wurde es letztlich konkret.“ Chiara ist eine gestandene, glutäugige Italienerin, weiß sich zu bewegen und lebt an den kargen Hängen des Ätna. Chiara hat vier Beine und ist eine gewöhnliche Ziege. Wobei, nun ja, als gewöhnlich darf man sie wohl nicht in jeder Hinsicht bezeichnen. Schließlich bricht sie Tag für Tag auf, um im Dienste der Wissenschaft unterwegs zu sein. Und das tut sicher nicht jede Ziege, und schon gar nicht alle Tage.

„Vergessen Sie die Gänse, achten Sie auf die Ziegen.“ Noch so ein einprägsamer Satz, der gleich am Beginn des Gesprächs mit Martin Wikelski fällt. An diesen entscheidenden Satz eines sizilianischen Hirten erinnert sich der Forscher vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell noch heute. Die zehn Ziegen und fünf Schafe, die seit einiger Zeit für ihn und sein Team im Namen der Wissenschaft auf Tour sind, würden wohl – könnten sie es verstehen – ohne zu zögern zustimmen. Sicher mit ein wenig Nachsicht, denn was Forscher erst seit wenigen Jahren beschäftigt, ist für sie nichts Neues. Es geht um tierische Vorahnungen bei drohenden Vulkanausbrüchen, Seebeben und Tsunamis oder Erdstößen. Es geht um die Fragen: Können Tiere Katastrophen wie Vulkanausbrüche oder Erdbeben vorausahnen oder -fühlen, und falls ja, wie machen sie das? Und: Sind entsprechende Beobachtungen dann so zuverlässig, dass sich womöglich – denkt man etwa an die Tsunami-Katastrophe 2004 in Asien – unzählige Todesfälle vermeiden ließen?

Fragen, für die Wikelski sich schon seit Jahren interessiert – lange Zeit im Gefühl, weitgehend einsamer Rufer in der Wüste zu sein. Gut fünf Jahre ist es her, da begann der Biologe ernsthaft, mit einem Feldversuch wissenschaftlich diese Fragen in Form zu gießen, um ein stabiles Fundament zu erhalten, das mögliche Erkenntnisse belastbar würde tragen können. „Wenn wir untersuchen wollen, wie sich Tiere vor einem Vulkanausbruch oder einem Erdbeben verhalten, können wir das nicht im Labor nachstellen“, sagt Wikelski, der 2008 von der Universität Princeton in den USA an die Universität Konstanz und das Radolfzeller Institut wechselte, zu der die traditionsreiche deutsche Vogelwarte gehört. Und so richteten die Forscher im Jahr 2010 nach kurzer Suche ihren Blick gen Sizilien. Dort, im Süden des Kontinents, tobt immer wieder Europas aktivster Vulkan, der unruhige und unberechenbare Ätna. An dessen Ausläufern findet man reichlich ländliche Struktur; dort lebt allerlei Nutzvieh: Gänse, Hühner, Ziegen, anderes mehr.

Die Tiere ebenso wie der Mensch sehen sich immer wieder bedroht von den zahlreichen heftigen Ausbrüchen, bei denen der Vulkan mit oft gewaltigen Explosionen Aschewolken und Gesteinsbrocken kilometerweit in die Atmosphäre speit und Lavaströme sich unkontrollierbar den Weg ins Tal bahnen. Und obwohl der Ätna einer der besterforschten Vulkane überhaupt ist und es Wissenschaftlern weltweit bei ihrer Suche nach besseren Vorhersageindikatoren für solche Extremereignisse immer genauer gelingt, diese in verschiedenen Dimensionen vorherzusagen, stagniert seit Jahren die Zuverlässigkeit ausreichend langfristiger Vorhersagen insbesondere hinsichtlich der Stärke von Vulkanausbrüchen.

Und hier kommen die Tiere ins Spiel: „Es existieren viele Anekdoten und einzelne Berichte, dass Zwei- wie Vierbeiner Katastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche ‚vorhersehen‘ können, zumindest manche Tiere offenkundig eine besondere Sensorik haben“, sagt Wikelski. „Aber es gab bislang kaum systematische Studien und wissenschaftlich fundierte Beweise!“ Recherchen fördern eine Vielzahl interessanter Beispiele zutage, die ihn und sein Forscheranliegen stützen. Eine historische Anekdote zum Auftakt: Als anno 387 vor Christi Geburt in den frühen Morgenstunden des 18. Juli Kelten von Norden kommend auf Rom zumarschierten und dabei die Erde leicht zum Erbeben brachten, waren es der Legende nach die auf dem Hügel des Kapitols der Metropole lebenden Gänse, die lange vor Ankunft der kriegerischen Truppen mit ihrem schlagartig einsetzenden lauten Geschnatter das tief schlafende Rom gerettet haben sollen. Kein Reiseführer lässt diese Geschichte aus.

Ganz still hingegen, ungewöhnlich still – das lässt sich Aufzeichnungen und Berichten entnehmen, die Wildhüter und Touristen zum Teil kurz vor dem schrecklichen Ereignis verfassten – begann im Yala-Nationalpark auf Sri Lanka der 26. Dezember 2004. Und so still wie der Morgen graute, so sollte es den ganzen Tag bleiben. Derart still, dass es nicht nur hätte auffallen, sondern beunruhigen müssen: Elefanten, Wasserbüffel, Affen und Hirsche hatten sich landeinwärts verzogen, Vögel waren in Schwärmen auf und davon geflogen. Was das zu bedeuten hatte, erschloss sich erst im Rückblick und als immerhin recht fundierte Vermutung: Die Tiere hatten auf das Seebeben und den nahenden Tsunami „vorab reagiert“ und sich in Sicherheit gebracht. Als die Fluten sich wieder zurückzogen, gaben sie allein im Yala-Nationalpark über 200 menschliche Leichen preis, Tierkadaver hingegen keine. Im ganzen betroffenen Katastrophengebiet hatten Tiere übrigens ähnlich reagiert.

Auch vier Jahre später übersah man entsprechende Warnsignale aus dem Tierreich, als in Südwestchina Tage vor dem verheerenden Beben Hunderttausende Kröten aus der Erde gekrochen kamen und durch die Stadt Mianyang hüpften – ein aufsehenerregendes Spektakel, das erinnert werden sollte: später, als es zu spät war. Die Tiere verhielten sich damit ebenso ungewöhnlich wie beispielsweise jene Erdkröten, die im März 2009 am Ruffino-See in den italienischen Abruzzen plötzlich mitten in der Laichsaison verschwanden, obwohl sie sonst dort zu dieser Zeit zu Abertausenden zu sehen sind. Nur wenige Tage danach zerstörte ein Erdbeben die nahe gelegene Stadt L’Aquila. Und Bauern in der italienischen Region Friaul berichteten, dass am Morgen des 6. Mai 1976 massenhaft Mäuse aus dem Boden gekrochen kamen und Stalltiere panisch wurden, bevor ein Erdbeben am Abend knapp tausend Menschen das Leben kosten sollte.

Von Christian Jung

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