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Aus der Stadt Tierversuchsgegner müssen Protest-Camp räumen
Hannover Aus der Stadt Tierversuchsgegner müssen Protest-Camp räumen
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10:26 13.08.2009
Von Tobias Morchner
Die Räumung soll laut Polizei ohne Verletzte abgelaufen sein. Quelle: Peter Steffen/dpa/lni

Die Besetzer des Boehringer-Geländes hatten mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass die Polizei mit der Üstra kommen würde. Um kurz vor halb sechs stoppte gestern eine Stadtbahn mitten auf der Bemeroder Straße - direkt vor dem Hauptzugang zu dem Areal.

Als sich die automatischen Türen des Silberpfeils öffneten, stürmten rund 200 Beamte der Bereitschaftspolizei aus den Wagen und formierten sich vor der ehemaligen Kleingartensiedlung. Gleichzeitig postierten sich mehrere Polizei-Bullis vor der Brachfläche, auf der das Pharmaunternehmen Boehringer ein europäisches Forschungszentrum für Tierimpfstoffe ansiedeln will.

Als das gesamte Gelände von mehreren Hundertschaften, die aus ganz Niedersachsen nach Hannover entsandt worden waren, umstellt und der Polizeihubschrauber aufgestiegen war, begann die rund 500 Beamten mit der Räumung des mehrere Tausend Quadratmeter großen Areals.

Die Räumung des besetzten Geländes war nicht von der Firma Boehringer Ingelheim initiiert worden. Die Polizei selbst war zu dem Schluss gekommen, dass sich die Situation vor Ort in den vergangenen Tagen grundlegend geändert habe und deshalb ein rasches Eingreifen unbedingt erforderlich sei.

„Die Besetzer haben nach unseren Erkenntnissen begonnen, auf dem Gelände Barrikaden zu errichten, Fallgruben auszuheben und ein Depot für Steine anzulegen“, erklärte Behördensprecher Stefan Wittke den Schritt. Aus diesem Grund habe man der Versammlung den friedlichen Charakter abgesprochen und alles für die Räumung vorbereitet. Per Lautsprecherdurchsagen erklärte die Polizei die Besetzung für beendet und forderte die Tierschützer, die seit Anfang Juli in Kirchrode campieren, auf, das Gelände sofort zu verlassen.

Die meisten der insgesamt 33 Besetzer, die die Nacht in Zelten und in den zum Teil verfallenen Gartenlauben verbracht hatten, packten friedlich ihre Sachen. Die Beamten nahmen ihre Personalien auf, anschließend erteilten sie ihnen Platzverweise. Die ehemaligen Besetzer dürfen dem Gelände künftig nicht näher als 500 Meter kommen.

Zahlreiche Passanten, darunter auch Mitglieder der Bürgerinitiative gegen die Ansiedlung des Forschungszentrums, beobachteten die Polizeiaktion von der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie bewegte vor allem die Frage, ob das große Polizeiaufgebot angemessen sei. „Für mich sieht das so aus, als schießen sie mit Kanonen auf Spatzen“, sagte eine Augenzeugin.

Sechs der Aktivisten wollten das Feld nicht ohne Protest der Polizei überlassen und leisteten passiven Widerstand. Hinter dem Küchenzelt der Tierschutzgegner hatten sich zwei junge Frauen ihre Hände in einem Plastikrohr aneinander gekettet und das Rohr einbetonieren lassen. „Medikamente können auch anders hergestellt werden, deshalb bin ich gegen Tierversuche“, sagte die 19-jährige Susanne, während Polizeibeamte mit einem elektrischen Meißelhammer den Betonklotz Stück für Stück aufstemmten, um die jungen Frauen vorläufig in Gewahrsam nehmen zu können.

Die Polizei hat am Mittwochmorgen das von Tierschutzaktivisten besetzte Boehringer-Gelände in Bemerode geräumt. Etwa 500 Beamten hatten das Gelände gegen 5.30 Uhr von allen Seiten umstellt, die Bemeroder Straße wurde komplett gesperrt.

Drei andere Besetzer waren bei Beginn des Polizeieinsatzes auf das Dach einer Gartenlaube geflüchtet. „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat“, skandierten die Demonstranten. Dazu riefen sie Anti-Boehringer-Parolen. Trotz mehrfacher Aufforderung, freiwillig vom First herunterzusteigen, weigerten sich die beiden Männer und die junge Frau.

Drei Beamte einer Spezialeinheit der Bundespolizei kletterten mit einer Leiter auf das Laubendach, seilten die Besetzer an und trugen sie einzeln über die Leiter nach unten. Sie wurden ebenfalls vorläufig in Gewahrsam genommen. Der 20-jährige Hans hatte sich in einer alten Eiche auf dem Gelände verschanzt. „Ich will nicht kooperieren, wenn die Polizei das Gelände räumt“, rief er. Auch in diesem Fall stiegen die Beamten der Spezialeinheit zu dem Tierschützer in den Baum hinauf, seilten ihn an und ließen sich mit dem 20-Jährigen aus der Baumkrone ab.

Gegen 11 Uhr war die Räumung des Geländes abgeschlossen. Der Boehringer-Konzern hatte zu diesem Zeitpunkt bereits damit begonnen, einen Bauzaun um das Areal zu errichten. Am Nachmittag durften einige der Besetzer noch einmal in ihre Zelte zurückkehren, um ihre Sachen zu holen. Ein privater Sicherheitsdienst sorgt ab sofort dafür, dass sich künftig niemand mehr unbefugt auf dem umzäunten Gebiet aufhält.

„Wer sich darüber hinwegsetzt, begeht eine Straftat. Er wird sich dann wegen Hausfriedensbruchs verantworten müssen“, sagte Polizeisprecher Stefan Wittke. Die Boehringer-Besetzer wollen sich offenbar noch nicht geschlagen geben. Am Donnerstagabend planen sie am Aegi eine erneute Demonstration gegen das Impfstoffzentrum.

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