Die Besetzer des Boehringer-Geländes hatten mit allem gerechnet, nur nicht damit, dass die Polizei mit der Üstra kommen würde. Um kurz vor halb sechs stoppte gestern eine Stadtbahn mitten auf der Bemeroder Straße - direkt vor dem Hauptzugang zu dem Areal.
Als sich die automatischen Türen des Silberpfeils öffneten, stürmten rund 200 Beamte der Bereitschaftspolizei aus den Wagen und formierten sich vor der ehemaligen Kleingartensiedlung. Gleichzeitig postierten sich mehrere Polizei-Bullis vor der Brachfläche, auf der das Pharmaunternehmen Boehringer ein europäisches Forschungszentrum für Tierimpfstoffe ansiedeln will.
Als das gesamte Gelände von mehreren Hundertschaften, die aus ganz Niedersachsen nach Hannover entsandt worden waren, umstellt und der Polizeihubschrauber aufgestiegen war, begann die rund 500 Beamten mit der Räumung des mehrere Tausend Quadratmeter großen Areals.
Die Räumung des besetzten Geländes war nicht von der Firma Boehringer Ingelheim initiiert worden. Die Polizei selbst war zu dem Schluss gekommen, dass sich die Situation vor Ort in den vergangenen Tagen grundlegend geändert habe und deshalb ein rasches Eingreifen unbedingt erforderlich sei.
„Die Besetzer haben nach unseren Erkenntnissen begonnen, auf dem Gelände Barrikaden zu errichten, Fallgruben auszuheben und ein Depot für Steine anzulegen“, erklärte Behördensprecher Stefan Wittke den Schritt. Aus diesem Grund habe man der Versammlung den friedlichen Charakter abgesprochen und alles für die Räumung vorbereitet. Per Lautsprecherdurchsagen erklärte die Polizei die Besetzung für beendet und forderte die Tierschützer, die seit Anfang Juli in Kirchrode campieren, auf, das Gelände sofort zu verlassen.
Die meisten der insgesamt 33 Besetzer, die die Nacht in Zelten und in den zum Teil verfallenen Gartenlauben verbracht hatten, packten friedlich ihre Sachen. Die Beamten nahmen ihre Personalien auf, anschließend erteilten sie ihnen Platzverweise. Die ehemaligen Besetzer dürfen dem Gelände künftig nicht näher als 500 Meter kommen.
Zahlreiche Passanten, darunter auch Mitglieder der Bürgerinitiative gegen die Ansiedlung des Forschungszentrums, beobachteten die Polizeiaktion von der gegenüberliegenden Straßenseite. Sie bewegte vor allem die Frage, ob das große Polizeiaufgebot angemessen sei. „Für mich sieht das so aus, als schießen sie mit Kanonen auf Spatzen“, sagte eine Augenzeugin.
Sechs der Aktivisten wollten das Feld nicht ohne Protest der Polizei überlassen und leisteten passiven Widerstand. Hinter dem Küchenzelt der Tierschutzgegner hatten sich zwei junge Frauen ihre Hände in einem Plastikrohr aneinander gekettet und das Rohr einbetonieren lassen. „Medikamente können auch anders hergestellt werden, deshalb bin ich gegen Tierversuche“, sagte die 19-jährige Susanne, während Polizeibeamte mit einem elektrischen Meißelhammer den Betonklotz Stück für Stück aufstemmten, um die jungen Frauen vorläufig in Gewahrsam nehmen zu können.
Drei andere Besetzer waren bei Beginn des Polizeieinsatzes auf das Dach einer Gartenlaube geflüchtet. „Kein Gott, kein Staat, kein Fleischsalat“, skandierten die Demonstranten. Dazu riefen sie Anti-Boehringer-Parolen. Trotz mehrfacher Aufforderung, freiwillig vom First herunterzusteigen, weigerten sich die beiden Männer und die junge Frau.
Drei Beamte einer Spezialeinheit der Bundespolizei kletterten mit einer Leiter auf das Laubendach, seilten die Besetzer an und trugen sie einzeln über die Leiter nach unten. Sie wurden ebenfalls vorläufig in Gewahrsam genommen. Der 20-jährige Hans hatte sich in einer alten Eiche auf dem Gelände verschanzt. „Ich will nicht kooperieren, wenn die Polizei das Gelände räumt“, rief er. Auch in diesem Fall stiegen die Beamten der Spezialeinheit zu dem Tierschützer in den Baum hinauf, seilten ihn an und ließen sich mit dem 20-Jährigen aus der Baumkrone ab.
Gegen 11 Uhr war die Räumung des Geländes abgeschlossen. Der Boehringer-Konzern hatte zu diesem Zeitpunkt bereits damit begonnen, einen Bauzaun um das Areal zu errichten. Am Nachmittag durften einige der Besetzer noch einmal in ihre Zelte zurückkehren, um ihre Sachen zu holen. Ein privater Sicherheitsdienst sorgt ab sofort dafür, dass sich künftig niemand mehr unbefugt auf dem umzäunten Gebiet aufhält.
„Wer sich darüber hinwegsetzt, begeht eine Straftat. Er wird sich dann wegen Hausfriedensbruchs verantworten müssen“, sagte Polizeisprecher Stefan Wittke. Die Boehringer-Besetzer wollen sich offenbar noch nicht geschlagen geben. Am Donnerstagabend planen sie am Aegi eine erneute Demonstration gegen das Impfstoffzentrum.
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Kommentare
hi f1 – 19.08.09
Was ist grün und innen hohl?Boehringer snoopy – 14.08.09
Wer ist eigentlich Fa. Boehringer ?.. mal sehen:
Das war der Tod persönlich“: DER SPIEGEL 48/1992 vom 23.11.1992, Seite 64-67a
http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=13681543&aref=image036/2006/05/12/cq-sp199204800640067.pdf&thumb=false
„Der Tod aus Ingelheim„ : DER SPIEGEL 32/1991 vom 05.08.1991, Seite 106-120
http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=13487619&aref=image036/2006/05/12/cq-sp199103201060120.pdf&thumb=false
„Auffallend, diese Parallele mit Seveso“: DER SPIEGEL 26/1984 vom 25.06.1984, Seite 73-85
http://wissen.spiegel.de/wissen/image/show.html?did=13509406&aref=image036/2006/06/13/cq-sp198402600730085.pdf&thumb=false
„Ein Exempel an der Elbe“: DIE ZEIT, 29.06.1984 Nr. 27 - 29. Januar 1984
http://pdf.zeit.de/1984/27/Ein-Exempel-an-der-Elbe.pdf
"Die Fabrik hat unser Legen zertsört": BILD ZEITUNG
http://www.bild.de/BILD/hamburg/aktuell/2008/10/28/dioxin-skandal/die-fabrik-hat-unser-leben-zerstoert.html##
Das ist also Fa. Boehringer
Boehringer urs – 14.08.09
Europas größe VirenschleuderDie Firma Böhringer-Ingelheim ist dadurch bekannt
geworden, dass ihr Werk in Hamburg 1984 von der
Umweltbehörde zwangsweise geschlossen werden
mußte. Sie hat dort tonnenweise Dioxin-haltiges
Material hergestellt, das im Vietnamkrieg als
Kampfstoff "agent orange" auf die Menschen versprüht
wurde. Bei der Herstellung kamen einige hundert
Arbeiter in Hamburg um -tausende erkrankten, weil
Dioxin austrat. Haben Sie das schon vergessen ?
Diese Firma will nun im Stadtgebiet von Hannover
in einem riesigen Schweinebunker an über 6.000
Schweinen mit genveränderten Viren ( auch H1N1/ 09 u.Ä ) experimentieren, ohne dass die Bevölkerung durch
ausreichende Filter gegen Krankheitserreger und
Gestank geschützt wird.Die Menschen haben davon
nichts, es wird nur an Impfstoffen für Massentierhaltung
geforscht; der Markt ist lukrativer.
Ein Sicherheitsgutachten wird von der Stadt verweigert-
es würde negativ ausfallen. Bei Infektionen der Anwohner
zahlt die Krankenkasse. Fa. Boehringer hat noch schnell
eine GmbH & Co. KG mit 25.000,- Euro Betriebskapital
gegründet; das hat sie aus den Vorfällen in Hamburg gelernt
- ihr eigenes Risiko klein zu halten. Das Gesundheitsrisiko
soll nun die Bevölkerung tragen, das finanzielle Risiko die
Krankenkassen.
Für die Fa. Böhringer ist das alles ein riesiges Geschäft;
sie kann das Grundstück mit Gewinn sogar weiter verkaufen
und die Stadt Hannover hat auch noch Erschließungskosten
übernommen.
Herr Nöker von der Fa. Boehringer behauptet, dass nur mit
Krankheitserregern geforscht werde soll, welche Tiere
krank machen; der Schweinegrippen-Virus H1N1/09 kennt
sich bei Zoonose besser aus ; die Pandemie ist bereits da.
Es geht nicht an, dass der Oberbürgermeister Weil mit
userer Gesundheit Roulette spielt -mit den nächsten Wahlen
kommt die Quittung.
... M.M. – 13.08.09
Der Fritze wieder; niemand steht blöde da, schon gar nicht die Projektvorantreiber, endlich geht es weiter... Gegen derartige Störer ist niemand und bei keinem Projekt gefeit und solche Leute wie die Besetzer wollen nur die Aufmerksamkeit erheischen, die ihnen ansonsten nicht zuteil wird.Absurd ein Leser – 13.08.09
Es ist immer sehr einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen!Interessant wäre in diesem Zusammenhang die Besetzung des möglicherweise vorhandenen "eigenen" Gartens und die damit verbundene ach so kritische Reaktion des "angeblichen" Anwohners.
Vorläufige Nachlese Fritz Tiemann, Stade – 13.08.09
In meinen Augen war die Besetzung ein voller Erfolg. Wer mit solchen Mitteln ein solches Projekt durchdrücken muss steht ganz schön dumm da. Ich bin gespannt, wie`s weitergeht.... Der Konkorrektor – 13.08.09
Scheinbar kennen Sie nicht die Grundprinzipien einer parlamentarischen Demokratie ;-)Wem das nicht passt, soll in Hannover endlich anders wählen...
Wie soll man denn irgendwelche Unterschriften aus irgendwelchen Motiven von irgendwelchen Vorort-Betroffenen in diesem Entscheidungsprozess ernsthaft differenziert bewerten, wenn denen sehr wahrscheinlich das Hemd nur näher ist als die Hose, sprich niemand von denen Einwände gegen den Bau des Forschungszentrums in z.B. Linden hätte?
Antwort Korrektor – 13.08.09
Sie gehen also davon aus, dass die Politik in erster Linie den Kirchrodern dienen sollte, die ihr Haus in der Nähe des Baugrundstückes haben. Das ist sehr interessant.Ich hingegen glaube, das die Politiker allen Hannoveranern dienen sollte, und ich denke, dass der überwiegende Teil der Hannoveraner der Boehringer-Ansiedlung positiv gegenüber steht. Glücklicherweise haben nicht diejenigen Recht, die am lautesten schreien.
Absurd Anwohner – 13.08.09
Jetzt weiß ich wofür ich meine Steuern zahle: Über 500 Polizist_innen (inkl. Reiter- und Hundestaffel, Räumfahrzeugen, Hubschrauber, Spezialeinheit der Bundespolizei, Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit) gegen 30 friedliche Hippies und Tierschützer_innen im jugendlichen Alter auf einem ungenutzten Brachegelände - da ist die innere Sicherheit massiv gefärdet. Nächste mal aber bitte das volle Programm für mein Geld: Räumpanzer, Blend- und Schockgranaten, MEK, SEK mit Scharfschützen und GSG 9, die sich aus Hubschraubern abseilt! Dazu noch weitere Hundertschaften aus anderen Bundesländern, die die ganze Stadt abriegeln und die große Planierraupe der Berliner Polizei. Und wenn das noch nicht ausreicht endlich der Einsatz der Bundeswehr im Inneren.Der Korrektor noch ein Korrektor – 12.08.09
Lieber Korrektor,Demokratie = Volksherrschaft
Ein Projekt aus Profit- und Imagegründen durchdrücken, obwohl 7000 der 10000 direkt Betroffenen per Unterschriftenliste ihr klares Veto eingelegt haben = hat rein gar nichts mit Demokratie zu tun.
Regt es sie wirklich mehr auf, dass ein paar (ausdrücklich friedliche) Menschen auf einer bisher ungenutzten Wiese protestieren, als die komplette Ignoranz der herrschenden Klasse denen gegenüber, denen sie eigentlich dienen sollten?
Die Meinung von 70% der Betroffenen Anwohner (immerhin absolute Mehrheit) unter den Tisch kehren für 50 Arbeitsplätze?
Viele Grüße.
Erinnerungen an Dioxin Böh Ringer – 12.08.09
Boehringer behauptet also, die Räumung nicht veranlasst zu haben. Aber wer sonst? Die Polizei eines Rechtsstaats kann nicht ohne Grund ein Privatgelände betreten. Folglich muss es eine Aufforderung zur Räumung seitens Boehringer gegeben haben. Alles andere wäre staatliche Willkür gewesen. Um schlechte Presse zu vermeiden, sollen jetzt "die anderen die Bösen sein".Das erinnert mich an den Dioxin-Skandal der 80er Jahre. Einige hundert Mitarbeiter von Boehringer wurden damals an ihren Arbeitsplätzen mit Dioxin vergiftet. Schuldig war daran natürlich niemand, erst Recht nicht der Arbeitgeber...
Korrektur Korrektor – 12.08.09
Liebe HAZ, ich habe zwei kleine Korrekturen zu dem Artikel:"Gegen das 35-Millionen-Euro-Projekt protestieren auch Anlieger", weil sie einen Wertverlust ihrer Immobilie fürchten.
Zum letzten Satz:
Demokratie = freie Wahlen, Informationsfreiheit, Meinungsfreiheit
Zelten auf fremdem Eigentum = hat rein garnichts mit Demokratie zu tun
Wer lesen kann ist im Vorteil 123 – 12.08.09
"Die Besetzer legten auf dem Brachgelände mehrere Barrikaden an, außerdem wurden Fallgruben ausgehoben, Polizeibeamten war in den vergangenen Tagen auch ein Steindepot aufgefallen. In der Gesamtbetrachtung stand damit für die Polizeidirektion Hannover fest, dass die Versammlung auf dem Gelände keinen friedlichen Charakter mehr hatte. Daher hat die Polizeidirektion die Beendigung der Versammlung verfügt."Polizeidirektion Hannover
Pressesprecher
... Telefoninhaber – 12.08.09
Boehringer hat mir gegenüber zugegeben, dass alle Schritte gemeinsam mit der Stadt Hannover sowie mit der TiHo abgesprochen sind.Drollig Tolle PR – 12.08.09
Also Boehringer hat den Einsatz nicht veranlasst. War die Polizei dann gegen den Willen von Boehringer auf dem Gelände? Wer hats denn veranlasst und warum, wenn Boehringer die Leute auf dem Gelände ausdrücklich duldet. Ich halte das für eine tolle PR-Leistung: Boehringer hat das Gelände jetzt jetzt so wie man es haben will aber Schuld an der Räumung sind die anderen. Muß sich die Polizei auch überlegen, ob Sie sich die Nacht für so ein Unternehmen um die Ohren haut und dann noch als der Dumme dasteht.