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Eltern weisen Schuld vor Gericht von sich

Tochter stirbt an Insulinmangel Eltern weisen Schuld vor Gericht von sich

Am Landgericht Hannover hat am Dienstag der Prozess um den Tod einer Vierjährigen begonnen. Die Eltern sind angeklagt, ihrer Tochter das lebensnotwendige Insulin verweigert zu haben, sodass sie starb. Die Eltern schilderten vor Gericht die dramatischen Umstände des Todes und weisen die Schuld von sich.

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Die Angeklagten Eltern haben vor Gericht, eine Mitschuld am Tod ihrer vierjährigen Tochter zurückgewiesen.

Quelle: dpa

Hannover. Sighild war vier Jahre alt, als sie starb. Heiligabend 2009, bei der Bescherung vor dem Weihnachtsbaum, setzte ihre Atmung zum ersten Mal aus, in den Armen ihrer Mutter. Am Nachmittag des 25. Dezember war Sighild tot. Das Kind war zuckerkrank, es kam ums Leben, weil ihm seine Eltern kein Insulin mehr verabreichten. Im Schwurgerichtssaal von Hannover wird seit gestern über einen fürchterlichen Verdacht verhandelt: Setzten Baldur und Antje B. ihre Tochter wissentlich einer Todesgefahr aus, weil sie die Schulmedizin ablehnen? Nahmen sie es in Kauf, dass ihr Kind starb, weil sein Leben unter dem Blickwinkel rassistischer Theorien einer „Germanischen Neuen Medizin“ nicht mehr lebenswert war? Oder beruhte der Todesfall nur auf einer grenzenlosen Selbstüberschätzung und tragischen Fehlern der Eltern?

Die Anklage wirft dem 33-jährigen Vater und der 28-jährigen Mutter Körperverletzung mit Todesfolge vor. Laut Oberstaatsanwalt Frank Hasenpusch litt Sighild spätestens am 23. Dezember unter massiver Überzuckerung. Sie war matt, trank übermäßig viel, ließ reichlich Wasser und erbrach sich. Am 24. Dezember war der Auswurf bereits blutig. Doch die Eltern riefen keinen Notarzt, fuhren nicht ins Krankenhaus. „Der tödliche Verlauf war vorhersehbar“, sagt Hasenpusch. Bereits seit Juni 2009 habe das Kind kein Insulin mehr bekommen.

Sighild starb an multiplem Organversagen

Erst nachdem Sighild unter dem Weihnachtsbaum zu atmen aufhörte, so schildern es die Eltern wenig später, hätten sie mit Mund-zu-Mund-Beatmung versucht, ihre Tochter zu retten. Erst dann telefonierten sie von ihrem Hof in der Altmark den Rettungsdienst herbei. Es folgten eine anderthalbstündige Reanimation, ein kurzer Aufenthalt in einer Uelzener Klinik, wo man dem Kind viel Blut aus dem Magen saugte, dann die Verlegung in die Medizinische Hochschule Hannover. Sighilds Blutzuckerwert am Morgen des 25. Dezember lag bei mehr als 700 Milligramm pro Deziliter (mg/dl). Normal ist ein Wert um die 100. Am Nachmittag starb die Vierjährige an multiplem Organversagen.

Die Eltern auf der Anklagebank erzählen ausführlich, wie es zum Tod der Tochter kam. Sie hätten kurz vor Weihnachten unter einem grippalen Infekt gelitten und auch die Beschwerden Sighilds darauf zurückgeführt. Doch soll deren Blutzuckerwert am 23. Dezember schon bei 400 gelegen haben. Alle Fragen, die ihnen das Schwurgericht unter Vorsitz von Wolfgang Rosenbusch stellt, beantworten der Mann mit der Halbglatze und die Frau mit dem langen dunkelblonden Haar bereitwillig. Die beiden Angeklagten können sich gut ausdrücken. Sie sagen, dass man sie ungerechtfertigterweise dämonisiere. Als die Sprache auf die Tragödie unter dem Weihnachtsbaum kommt, versagt den Eltern die Stimme. Sie weinen. Alles nur ein Unglücksfall?
Sighilds Unglück begann im September 2007. Sie war zwei Jahre alt, als bei ihr Diabetes Typ 1 diagnostiziert wurde. Doch schon hier, so schildert es eine Ärztin aus dem Klinikum Braunschweig, verhielten sich die Eltern eigenartig. Routineuntersuchungen wie EKG oder Blutabnahme bei ihrer Tochter lehnten sie ab. Wollten wissen, ob man Diabetes statt mit Insulin mit Rohkost therapieren könne. Beharrten darauf, dass Impfungen des Teufels seien. Der Medizinerin erschien das Gebaren der Eltern so seltsam, dass sie das Jugendamt bat, ein Auge auf die Familie zu werfen: „Ich hatte Sorge, dass sie versuchen würden, ihr Kind ohne Insulin zu therapieren.“ Ausdrücklich auf das Risiko einer hohen oder dauerhaften Überzuckerung habe sie das Paar allerdings nicht hingewiesen, so die Ärztin. Gemeinhin gilt die Unterzuckerung eines Patienten als risikoreicher, kann sie doch eine Bewusstlosigkeit mit katastrophalen Folgen hervorrufen.
Fest steht, dass sich Baldur und Antje B. in den nächsten zwei Jahren reichlich Insulin besorgten. Von der Menge her hätte die Ampullen, die ihnen eine diabetologische Gemeinschaftspraxis in Uelzen verschrieb, für vier Jahre gereicht. Doch wie viel des lebenswichtigen Hormons verabreichten die Eltern ihrer Tochter tatsächlich? Einen Kinderdiabetologen bekam Sighild jedenfalls nie zu Gesicht.

„Wasserkonflikt“ soll Diabetes ausgelöst haben

Die Familie lebte auf einem Hof nahe Werben an der Elbe. Hartz-IV-Unterstützung und Bafög des zeitweise studierenden Baldur B. trugen zum Einkommen bei. Wie die Eltern sagen, trafen sie sich gerne mit Familien, die auch viel Nachwuchs haben. Sie selbst ziehen aktuell fünf Kinder groß, die Mutter hat drei Geschwister, der Vater elf. Namen wie Godwin und Theoderich sind in der Verwandtschaft gang und gäbe. Der Vater von Baldur B., so berichtete dieser, habe nationalsozialistischem Gedankengut durchaus nahe gestanden. Er selbst, so der 33-Jährige, sei Mitglied der Wiking-Jugend gewesen. Heute sehe er sich als „Patriot“, kenne auch ein Mitglied der „Heimattreuen Deutschen Jugend“. Doch rechtsradikal sei er nicht. Seine Frau erklärte, dass ihre Eltern der „Artgemeinschaft“ angehörten. Sie selbst habe durchaus auch vereinzelte persönliche Kontakte zu dieser religiös-völkischen Gruppierung gehabt, ebenso wie zu Menschen, die den Theorien des rassistischen Skandalmediziners Ryke Geerd Hamer anhängen.

Was bedeutete dies für Sighild? Die Eltern sagen, ein früher Sturz in einen See habe bei ihr einen „Wasserkonflikt“ ausgelöst. Dieser habe laut Hamers Lehren die Diabetes verursacht, weshalb sie mit ihrem kranken Kind häufig schwimmen gegangen seien. Sie hätten seine Abwehrkräfte stärken und eine natürliche Regeneration anstoßen wollen, damit die Kleine nicht mehr auf Insulin angewiesen war. Doch den Blutzuckerspiegel beeinflussten die Bäder – natürlich – nicht.
Bereits 2010 stand das Paar wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung seiner  Tochter vor Gericht. Doch dieses Verfahren wurde eingestellt, weil die Juristen die Folgen des Unglücks – den Tod Sighilds – als schwerwiegender ansahen als eine mögliche Strafe.

Abschiedsbrief wird zum Beweismaterial

Erst ein Bruder von Baldur B. trug der Polizei 2013 einen Brief von Antje B. zu – eine Art Abschiedsbrief um ihre Tochter. Dieses Schreiben und die heftigen Anschuldigungen des Bruders sind verantwortlich für das jetzige Verfahren vor dem Schwurgericht. Der 42-Jährige hatte sich mit dem Paar nach 2010 wegen Differenzen um einen landwirtschaftlichen Betrieb, eine Stiftung sowie um dubiose Grundstücks- und Zwangsversteigerungsgeschäfte in der Altmark restlos überworfen, hegt offenbar einen tiefen Groll. Er berichtete vor Gericht von Prügeleien, Morddrohungen, gegenseitigen Anzeigen. Doch sind seine von Rache getragenen Aussagen deshalb nichts wert?

Antje B. bestätigte, dass das auf ihrem Computer abgelegte Schreiben zum weit überwiegenden Teil von ihr verfasst wurde. Dass sie notiert habe, wie sie am
23. Dezember neben ihrer spuckenden Tochter lag und ihr Lieder vorsang. Wie sie ihren „Sonnenschein“ heute vermisse. Und dass das Weihnachtsfest jetzt immer mit Sighild verbunden sei. Das Fragment „Blut gleich Heilung“, das in dem Brief vorkommt, stamme aber nicht von ihr, behauptet die 28-Jährige.

Der Bruder sagte, dass Baldur und Antje B. nichts von der Schulmedizin gehalten hätten. Sie seien „sektenmäßig verbohrt“ gewesen, hätten Insulin abgelehnt, weil es gentechnisch hergestellt werde. Eine Nachbarin, die sich ebenfalls mit dem Ehepaar B. überwarf, äußerte ihre Fassungslosigkeit. Ein Kind im Alter von vier Jahren sei immer in der Lage  auszudrücken, was es plagt – wie hätten es die Eltern nur fertiggebracht, ihrer Tochter nicht zu helfen? Am heutigen Prozesstag wird das Gericht drei Gutachter anhören.

Von Michael Zgoll

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