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Aus der Stadt Tod einer Pizzabotin: Polizist bestreitet Vorwürfe
Hannover Aus der Stadt Tod einer Pizzabotin: Polizist bestreitet Vorwürfe
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00:16 19.11.2017
Von Michael Zgoll
Der Prozess gegen den Polizisten hat begonnen.   Quelle: Heidrich
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Hannover

Unter großem öffentlichen Interessa hat am Donnerstag  der Prozess gegen einen Polizisten begonnen, der bei einer Einsatzfahrt eine 18-jährige Pizzabotin überfahren hatte. Der 54-jährige Rene H. muss sich vor dem Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Die Anklage wirft ihm vor, am 6. November 2016 gegen 20 Uhr auf der Hannoverschen Straße in Misburg einen Üstra-Bus überholt zu haben – ohne Blaulicht und Martinshorn – und dabei die ihm entgegenkommende Frau auf ihrem Kleinkraftrad überrollt zu haben.

Eine Rollerfahrerin ist in Misburg mit einem Polizeiwagen kollidiert. Die Pizzabotin erlag wenig später im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Wie der im Polizeikommissariat Misburg tätige Beamte aussagte, hatte er seinen VW Passat beim Überholen des gerade anfahrenden Busses noch einmal beschleunigt, aber Tempo 50 höchstens „knapp“ überschritten. Laut Staatsanwaltschaft soll der Streifenwagen allerdings 65 bis 75 Kilometer pro Stunde auf dem Tacho gehabt haben.

Reanimation war zwecklos

Der Unfall ereignete sich an einem Sonntagabend stadteinwärts auf Höhe der Kanalstraße. Er habe das Überholen des Busses der Linie 125 in keiner Weise als gefährlich empfunden, so der Angeklagte. Nachdem er wieder auf der rechten Spur gewesen sei, habe er plötzlich das Fahrlicht eines Zweirads wahrgenommen; dieses Fahrzeug sei aus ihm unerfindlichen Gründen ins Schlingern geraten und ihm entgegen gerutscht. Dann habe es auch schon geknallt. Sein Beifahrer habe dem Opfer Erste Hilfe geleistet und versucht, die Frau zu reanimieren, während er selbst den Rettungsdienst rief. Doch die Verletzungen der 18-Jährigen waren so schwer, dass sie wenig später im Krankenhaus verstarb.

Der angeklagte Vater von zwei Kindern ist seit 1980 Polizeibeamter. An jenem Abend, so der 54-Jährige, sei er mit seinem Kollegen zu einem Einsatz in einem Altenheim unterwegs gewesen, wo ein Feuermelder angeschlagen hatte. Er sei aber nur zur Unterstützung angefordert worden. Primär sei dies ein Einsatz der Feuerwehr gewesen, deshalb habe er Martinshorn und Blaulicht nicht eingeschaltet.

H. äußerte sein Unverständnis zu dem Ergebnis des Gutachtens, das ihn erheblich belastet: Damit wolle man ihm offenbar etwas anhängen. Seiner Einschätzung nach verstrichen nach dem Passieren des Busses noch einmal vier Sekunden, sodass er die junge Frau keineswegs während des Überholvorgangs überrollt habe – und auch nicht zu schnell gefahren sei.

„Spürbar beschleunigt“

Sein Beifahrer, ein 29-jähriger Polizeibeamter, bestätigte die Schilderung des älteren Kollegen. Er habe diesen stets als „sehr vorausschauenden Autofahrer“ erlebt, die Botin des Pizzabringdienstes Domino’s sei „wie aus heiterem Himmel“ aufgetaucht. Allerdings habe der 54-Jährige beim Überholen „spürbar beschleunigt“. Der Unfall sei ein „supertragisches Ereignis“, das ihm sehr leid tue.

Ein 47-jähriger Autofahrer, der hinter dem Streifenwagen hergefahren war, sagte gestern allerdings aus, dass dieser beim Überholen zwischen 60 und 70 Stundenkilometer schnell gewesen sei. Und nach der Erinnerung des Busfahrers hatte das Polizeiauto den Überholvorgang vor dem Crash noch keinesfalls beendet. „Normalerweise wären Streifenwagen und Roller aber aneinander vorbeigekommen“, so der 51-Jährige – wäre die Zweiradfahrerin nicht gestürzt

In dem von Amtsrichter Michael Stüber geleiteten Prozess wird am 24. November ein Urteil erwartet.

„Es gibt nur Verlierer“

Der angeklagte Polizist wirkte Donnerstag sehr gefasst – ebenso wie die Eltern des 18-jährigen Opfers. Doch wurden die Misburger durch den Tod ihrer Tochter, die 2016 an der Ricarda-Huch-Schule ihr Abitur abgelegt hatte und Cheerleaderin beim TKH war, zutiefst erschüttert. Die junge Frau, die noch einen jüngeren Bruder hat, war am Abend des Unglücks auf einem Roller unterwegs, dessen erlaubte Höchstgeschwindigkeit 45 Kilometer pro Stunde beträgt. Ob sie stürzte und vor das Polizeiauto rutschte, weil sie sich vor dem ihr entgegenkommenden Wagen erschrak und abrupt bremste, wird der zweite Prozesstag klären müssen. „Das Ziel der Eltern ist aber nicht, dass der Angeklagte schwer bestraft wird“, sagte Rechtsanwalt Jens Boldt, der die Eltern gemeinsam mit Anwältin Susanne Frangenberg als Nebenkläger vertritt. Diese wollten nur möglichst genau wissen, wie und warum ihr Kind starb. Der Ausgang des Verfahrens werde nichts daran ändern, so Boldt, dass es hier nur Verlierer gebe.

miz

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