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Todkranke Laura will mit Buch Hoffnung machen

Lauras Spuren Todkranke Laura will mit Buch Hoffnung machen

Vor neun Jahren starb Lena Wunsch mit gerade einmal 19 Jahren an einem Hirntumor. Auch ihre Schwester Laura ist todkrank. Nun hat die 27-Jährige ein Kinderbuch geschrieben, um ihr Schicksal zu verarbeiten, aber auch um anderen Hoffnung zu machen.

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Laura Wunsch ist mit ihrer Halbschwester Anna (Bild links) und Schwester Lena (Bild rechts oben) aufgewachsen. Das Bild aus dem Familienalbum zeigt Laura und Lena zusammen im Kindesalter. 

Quelle: Kutter/privat

Hannover. Laura Wunsch ist nahezu blind, einzig Farben kann sie noch grob erkennen. Das hält die junge Frau allerdings nicht vom Malen ab: Für den Umschlag ihres ersten Buches „Kenny der kleine Kämpfer“ hat sie ein Bild gemalt, und auch für ein geplantes Kinderbuch hat sie mit Aquarellkreide Bilder entworfen. Im Januar soll das Kinderbuch veröffentlicht werden. Ob Laura Wunsch das noch erlebt, ist ungewiss. Die junge Frau, 1988 in Hannover geboren, ist todkrank und lebt im Hospiz. Laura wird nach Lage der Dinge sehr jung sterben. So wie ihre Schwester Lena vor neun Jahren.

Laura Wunschs Stimme ist kräftig, doch sonst ist die junge Frau geschwächt. Ein paar Schritte kann die 27-Jährige noch gehen, meistens aber liegt sie in ihrem Bett im Hospiz. Dort lebt sie seit Mitte Oktober. Ende September hat sie erfahren, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Vielleicht schaffe sie es noch bis Weihnachten, haben die Ärzte gesagt.

Laura: "Ich habe eine starke Leidensfähigkeit"

Laura Wunsch ist selber eine Kämpferin, ähnlich wie der Held ihres ersten Buches. „Sonst würde ich gar nicht mehr leben“, sagt sie, „ich habe eine starke Leidensfähigkeit.“ Schon als sie fünf Jahre alt ist, lange vor der Schreckensnachricht im Herbst dieses Jahres, erfährt die Familie, dass Laura unheilbar krank ist. Sie hat, genetisch bedingt, einen Tumor, der entlang des Sehnervs verläuft. Nach und nach verliert sie immer mehr ihrer Sehfähigkeit, ständig droht die Gefahr, dass der Hirndruck zu sehr steigt. Jetzt, viele Jahre später, hat sie einen Hirntumor.

Laura wächst in Kleefeld auf. Ihre Mutter Dorothea, die nach der Scheidung wieder ihren Mädchennamen Stein von Kamienski angenommen hat, hat dort eine Arztpraxis. In einem großen Haus an der Kirchröder Straße lebt die Familie: die alleinerziehende Mutter, zwei größere Kinder aus erster Ehe sowie Laura und ihre gerade mal eineinhalb Jahre ältere Schwester Lena. Lauras Krankheit – das Bangen und die Sorgen, die vielen Arztbesuche – prägen das Familienleben. Ihre Schwester Lena arbeitet für die HAZ-Jugendredaktion ZiSH. An Silvester 2002 schreibt sie darüber, wie es war, als ihre Mutter ihr von der schweren Krankheit der Schwester erzählte. „Mir war damals noch nicht klar, dass dieser Vormittag mein Leben so sehr verändern würde. Ab diesem Tag war ich eine andere. Von diesem Tag an begleitete mich dieser grausame Gedanke, der mir nicht aus dem Kopf ging. Er versperrte mir von diesem Tag an den Weg zur kindlichen Unbeschwertheit.“

Mit gerade einmal 19 Jahren stirbt ihre Schwester

Und dann wird auch Lena todkrank. Sie hat einen Hirntumor. „Ich will wieder auf einem Boden stehen, der nicht jederzeit einbrechen könnte“, hatte sie zuvor bei ZiSH über den Moment geschrieben, in dem sie von der Lauras schwerer Krankheit erfuhr. „Meine Schwester steht auf noch viel schwankenderem Boden als ich.“ Nun schwankt ihr Boden auch.

Mit gerade einmal 19 Jahren stirbt Lena – noch vor ihrer schwer kranken Schwester Laura.

Wenn man so am Kleefelder Kaffeetisch sitzt und der Mutter zuhört, fragt man sich, wie Laura, wie ihre Halbgeschwister, wie die Mutter mit so viel Krankheit und Tod haben fertig werden können. „Ich weiß selber nicht, wie ich das damals ausgehalten habe“, sagt Dorothea Stein von Kamienski heute. Und sie sagt auch: „Für Lena war die Krankheit ihrer Schwester schwer: Sie war immer das Schattenkind.“ Schattenkinder – so bezeichnen viel Menschen gesunde Geschwisterkinder in Familien, in denen sich viel um ein krankes Kind dreht.

Laura denkt damals, so sagt sie heute, „ständig über ihre Krankheit nach. Ich habe versucht, Antworten zu finden“. Davon handelt auch das Buch „Kenny der kleine Kämpfer“ (124 Seiten, 11,80 Euro), das Laura eigenständig herausgebracht hat und das man beim Verlag Tredition bestellen kann. Beim Schreiben von „Kenny der kleine Kämpfer“ war auch „Lena irgendwie dabei“, sagt Laura.

Buch soll anderen Hoffnung machen

Kenny, der an einem Hirntumor leidet, stellt ganz viele Fragen. Laura Wunsch betont, dass Kenny nicht autobiografisch sei. Doch die Fragen, die der Junge aus dem Buch sich stellt, sind wohl solche, die auch Laura vor Jahren beschäftigten. Wohl noch immer beschäftigen. Fragen nach dem Warum, danach, wie man die nächste Behandlung übersteht, wie es weitergehen soll und danach, was nach dem Tod kommt.

Laura Wunsch will mit ihrem Buch „Hoffnung machen“, daran erinnern, dass jeder, auch in einem kurzen Leben, „tiefe Spuren hinterlässt“. Ein Buch ist Teil einer solchen Spur. „Ich denke immer an Lena“, sagt ihre Schwester. Auch im Haus der Mutter erinnert ganz viel an die verstorbene Tochter. Lenas Zimmer hat Dorothea Stein von Kamienski genauso belassen, wie es vor dem Tod der Tochter war. Neun Zimmer ist das Haus groß, in dem die Mutter seit Jahren alleine lebt. In fast allen Ecken, auf der Treppe, auf Schränken sitzen und liegen Stofftiere und Puppen. Es wirkt beinahe so, als wolle die 68-Jährige das stille Haus irgendwie füllen und beleben – und sei es mit Stofftieren. Nur unter dem Dach ist es relativ leer. Dort hat Stein von Kamienski einen Raum, in dem sie jeden Morgen eine Stunde Yoga macht. „Ohne Yoga hätte ich das alles nicht überstanden“, sagt sie.

Die Leidensfähigkeit der Mutter ist enorm, ebenso ihre Zähigkeit. Es helfe ihr, dass sie viel über das Schicksal ihrer Töchter sprechen, sagt sie. Auch ihre 27-jährige Tochter hält viel aus. „Laura hat einen Wahnsinnswillen.“
Diese junge Frau mit dem Wahnsinnswillen arbeitet in jeder Minute, in der sie die Kraft dazu hat, oder wenn sie nachts nicht schlafen kann, an ihren Geschichten, an der Spur, die sie hinterlassen will. Und sie klingt ernst, aber auch aufrichtig, wenn sie sagt: „Ich weiß das Leben durch meine Krankheit anders zu schätzen. Ich habe Respekt vor dem Leben.“     

„Kenny der 
kleine Kämpfer“ (124 Seiten, 11,80 Euro) hat Laura Wunsch im Verlag Tredition veröffentlicht. Interessierte können das Buch Online bestellen, aber auch in 
jeder 
Buchhandlung.

Bücher übers Leben und Leiden

In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Bücher erschienen, in denen Menschen über ihre schwere Krankheit – und oft auch ihren nahenden Tod – schreiben. Es gibt Hobbyschriftsteller wie Laura Wunsch, aber auch prominente Autoren, die über ihr Leiden berichten und über Sterben und Tod reflektieren. Eine Auswahl:

Kathrin Schmidt: „Du stirbst nicht“ (btb-Taschenbuch): Die Schriftstellerin erzählt, nach ihrer persönlich erlebten Krankengeschichte, wie eine Frau nach Hirnblutung und künstlichem Koma wieder ins Leben zurückfindet. Für den Roman erhielt Schmidt 2009 den Deutschen Buchpreis.

Jürgen Leinemann, „Das Leben ist ein Ernstfall“ (Hoffmann und Campe): Der bekannte „Spiegel“-Reporter schildert darin seinen Kampf gegen den Krebs.

Christoph Schlingensief, „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein“ (btb-Taschenbuch): Der mittlerweile gestorben Regisseur Schlingensief schrieb ein sehr offenes „Tagebuch einer Krebserkrankung“.
Sophie van der Stap, „Heute bin ich blond“ (Knaur): Die Niederländerin, die an Krebs erkrankt, schildert den Kampf gegen die Krankheit. Dabei helfen ihr ihre Perücken: Je nach Stimmung ist sie mal rothaarig, mal brünett – und mal blond.

Henning Mankell, „Treibsand“ (Zsolnay): Kurz nachdem der schwedische Autor von seiner Krebserkrankung erfahren hatte, machte er die Diagnose öffentlich. In diesem Buch blickt Mankell auf sein Leben zurück und reflektiert die großen Fragen: Woher kommen wir? Was gibt unserem Dasein Sinn?     

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