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Aus der Stadt Trauerfeier für getötete Sprengmeister in der Marktkirche
Hannover Aus der Stadt Trauerfeier für getötete Sprengmeister in der Marktkirche
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21:14 08.06.2010
Von Felix Harbart
Trauer um Gerd Ehler, Torsten Ehrhardt und Thomas Gesk: Zum Gottesdienst in Hannover kamen Kollegen und Weggefährten aus dem In- und Ausland. Quelle: Michael Thomas

Es ist noch kein Wort gesagt bei dieser Trauerfeier in der sonnendurchfluteten Marktkirche, da muss schon kaum noch etwas gesagt werden. Vorn am Altar stehen zwischen Kränzen und Flaggen in großen Rahmen die Fotos von Thomas Gesk, Gerd Ehler und Torsten Ehrhardt. Alle lächeln in die Kamera. Gut gelaunt sehen die drei Familienväter aus, entspannt. Und jung.

Am Abend des 1. Juni riss die Detonation einer amerikanischen Fliegerbombe die drei Sprengstoffexperten des niedersächsischen Kampfmittelbeseitigungsdienstes in Göttingen in den Tod. Unter den mehr als 500, die das noch nicht begreifen können, sind an diesem Dienstagmittag in der Marktkirche die Angehörigen der Verstorbenen, Ministerpräsident Christian Wulff, Innenminister Uwe Schünemann, die Spitzen der niedersächsischen Polizei, Vertreter von Stadt und Land. Und dann ist da so etwas wie eine Solidargemeinschaft. Polizisten in blauen Jacken, Feuerwehrleute mit Schulterklappen, Helfer vom Technischen Hilfswerk (THW) in leuchtend hellblauen Anzügen sitzen da. Französische Kampfmittelräumer in Arbeitskluft sind gekommen und niederländische mit dunkelgrünen Baretts auf den Köpfen. Rettungssanitäter mit orangefarbenen Westen sitzen unter den Trauernden und die Männer vom Kampfmittelbergungsdienst Schollenberger in ihren grünen Overalls.

Viele sind darunter, die gemeinsam mit ihren Familien den Gedanken an den Tod Tag für Tag verdrängen. Heute lassen sie ihn zu. Die Verstorbenen hätten ihr Leben eingesetzt, um das Leben vieler zu retten, wird Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann in ihrer Predigt später sagen. „Und Sie, die Kolleginnen und Kollegen, werden das weiterhin tun. Mit einem hohen Risiko – und Sie werden es zukünftig unter einer noch höheren Belastung tun müssen. Ich hoffe und erwarte, dass die Verantwortlichen Sie unterstützen werden bei Ihrer schweren Arbeit.“

Einer dieser Verantwortlichen ist Innenminister Schünemann. Der Tod der drei Sprengstoffexperten habe eine besondere Tragik, sagt er in seiner Trauerrede. „Sie waren die sprichwörtlichen Männer für heikle Fälle.“ Auch ihr letzter Fall in Göttingen war von vornherein ein besonders heikler gewesen. Das weiß auch die US-amerikanische Ermittlungsbehörde FBI, von der ein Kondolenzschreiben in Hannover eingegangen ist. Man sei sehr traurig, dass eine von amerikanischen Piloten abgeworfene Bombe noch 65 Jahre später Menschen getötet habe, steht darin. Noch immer, sagt Schünemann, werfe der Zweite Weltkrieg lange Schatten auf das Land. „Das macht uns ohnmächtig.“

Mehrmals haben sich die Hannoveraner zuletzt in der Marktkirche zusammengefunden, um gemeinsam zu trauern. Im November 2008 um die Opfer des Busbrandes auf der Autobahn 2. Im November 2009 nach dem Selbstmord von 96-Torwart Robert Enke. Jetzt, an diesem Junitag, erinnert manches an den Schock und die Lähmung von damals. Nur fällt es ein bisschen leichter, so etwas wie einen Sinn in der Tragödie zu sehen. „Der Dienst der Verstorbenen im Kampfmittelbeseitigungsdienst war eine Tat der Nächstenliebe“, sagt Pastorin Kreisel-Liebermann.

Dann spielt das Polizeimusikkorps von der Empore aus einen warmen Choral. Laut tut es das und dabei behutsam. Paukenklänge rollen sanft durch das Kirchenschiff, kräftige Bläserklänge untermalend. Ganz, als wollten die Kollegen die drei Verstorbenen nicht einfach so in aller Stille gehen lassen.

Als die Angehörigen an den Altar treten, um für die Verstorbenen Kerzen anzuzünden, erhebt sich die Trauergemeinde. Wulff und Schünemann folgen, leise klicken die Apparate der Fotografen. Dann wird es still. Die Öffentlichkeit hat Abschied genommen. In den kommenden Tagen werden die Familien dies auch tun. Dann werden Gerd Ehler, Torsten Ehrhardt und Thomas Gesk beigesetzt.

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