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„Trinker sind nicht das Hauptproblem“

Raschplatz „Trinker sind nicht das Hauptproblem“

Seit Monaten dreht sich die Diskussion um die unzumutbaren Zustände am Raschplatz. Doch können Sozialarbeiter bei den Trinkergruppen etwas ausrichten? Eher nicht, meint Harald Bremer, der selbst Sozialarbeiter ist. Er hält allerdings die Partygänger am Wochenende für problematischer.

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Harald Bremer, Geschäftsführer des Karl-Lemmermann-Hauses in Oberricklingen, über die Probleme am Raschplatz.

Quelle: Archiv/Schaarschmidt

Hannover. Herr Bremer, die Stadt will den Raschplatz als Ort für alle Bürger attraktiver gestalten. Kulturprogramm, mehr Reinigungs- und Sicherheitspersonal - reicht das, damit die Trinkerszene Passanten nicht mehr abschreckt?

Der Raschplatz ist generell ein unwirtlicher Ort. Wenn Stadt und HRG hier mehr reinigen lassen und die Lichtverhältnisse verbessern, ist das sicher sinnvoll. Grundsätzlich ist die Idee richtig, den Platz mehr zu beleben statt zuzusehen, wie die Bürger sich zurückziehen. Veranstaltungen können dabei helfen. Allerdings gibt es weiter das Problem, dass der Platz nur für eine begrenzte Zuschauerzahl zugelassen ist. Es ist dringend anzuraten, das mit einem neuen Gutachten zu überprüfen.

Zur Person

Harald Bremer ist Geschäftsführer des Karl-Lemmermann-Hauses in Oberricklingen, seit 2012 ist der 56-jährige Sozialarbeiter auch Vorstand des Trägervereins. Der Verein unterhält zwei Wohnheime für Wohnungslose, einen Tagestreffpunkt und bietet ambulante Hilfe. Die Mitarbeiter betreuen mehrere öffentliche Plätze, auf denen sie zwischen Trinker- und Obdachlosengruppen sowie Anwohnern vermitteln.

Der Oberbürgermeister betont, Umbauten und Belebung sollten keine Gruppe vertreiben. Redet er damit nicht nur höflich um das herum, was jetzt passiert?

Es wäre nicht viel gewonnen, wenn diese Leute einfach 100 Meter weiterwandern. Damit sich nachhaltig etwas ändert, sind mehr Sozialarbeiter vor Ort notwendig.

Es heißt doch aber, diese größeren Trinkergruppen von manchmal rund 50 Leuten seien sehr unzugänglich. Ihr Verein hat sie im Auftrag der Stadt für ein Gutachten ein Jahr lang beobachtet. Was ist das Problem?

Wir betreuen einige andere Plätze in verschiedenen Stadtteilen. Dort treffen sich feste Gruppen, eine Stammkundschaft, mit denen wir ins Gespräch kommen können. Oft halten sie sich eine Weile lang an Regeln, wenn sie hören, dass sie andere Leute mit ihrem Verhalten stören. Am Raschplatz ist die Situation aber schwierig, weil die Szene groß ist und die Leute häufig wechseln. Verschiedene Gruppen setzen sich voneinander ab und halten sich an verschiedenen Ecken des Platzes auf. Wenn einer Stress in der einen Clique hat, geht er zur nächsten. Das Aggressionspotenzial untereinander ist manchmal hoch. Und vor allem gibt es in dieser sehr gemischten Klientel eine neue Gruppe, für die sich keiner so recht zuständig fühlt.

Wie kommt das denn? Rund um den Raschplatz gibt es doch mehrere Beratungseinrichtungen, den Kontaktladen Mecki, Bahnhofsmission, Fixpunkt, Café Connection.

Auf dem Platz halten sich auch Obdachlose und Drogenabhängige auf, die ihre Anlaufstellen in der Nähe haben. Viele der auffälligen Nutzer, die sich dort treffen, kommen allerdings aus osteuropäischen Ländern, hauptsächlich aus Lettland, der Ukraine, Russland. Diese Gruppe nimmt im gesamten Stadtgebiet zu. Viele kommen auf gut Glück, denken, sie könnten hier arbeiten. Die meisten wissen bereits vorher, dass sie hier keine Sozialhilfe bekommen. Manche sind vielleicht auch als Saisonarbeiter gekommen und dann hier hängen geblieben.

Warum scheitert die Kommunikation mit diesen Leuten? Liegt das allein an der Sprache?

Sicher gibt es Verständigungs- und Mentalitätsprobleme. Unsere Mitarbeiter sprechen diese Sprachen nicht. Wir haben dann Einzelne aus der Gruppe übersetzen lassen, aber das ist problematisch, weil es Hierarchien schafft und unzuverlässig ist. Die Stadt hat schon vor einiger Zeit auf das Problem reagiert und extra einen spezialisierten Dienst eingerichtet, der auch Straßensozialarbeit leistet. Das reicht aber personell nicht aus. Diese Mitarbeiter vermitteln die Osteuropäer unter anderem an die Tafeln oder das Medizin-Mobil der Caritas. Es ist aber nicht möglich, die Situation dieser Gruppe grundlegend zu ändern, denn sie haben kein Anrecht auf Sozialleistungen oder Unterbringung.

Sie haben also nicht viel zu erwarten, wenn sie sich auf Sozialarbeiter einlassen?

So ist es. Sie freuen sich nicht über jede Hilfe und beäugen Sozialarbeiter skeptisch. Die bringen kein Geld oder Essen.

Warum treffen sich diese Osteuropäer am Raschplatz?

Sie finden an diesem zentralen Platz Landsleute, die ihnen Tipps geben, wie sie in Hannover zurechtkommen, etwa auch an Essen und Kleidung kommen. Die meisten leben vom Flaschensammeln. Einige haben kurze Zeit sogar direkt unter der ungeschützten Hochbrücke geschlafen. Andere haben ihr Lager unter Brücken in Stadtteilen wie Linden aufgeschlagen oder an der Uhlhorn-Kirche.

Was lässt sich machen?

Wir haben zwei Leuten, die das wollten, über Spenden aus einer Kirchengemeinde verloren gegangene Pässe und damit die Möglichkeit zur Rückreise organisiert. Am Raschplatz sind die Trinkergruppen aus unserer Sicht aber nicht das Hauptproblem, denn sie tragen Streitereien unter sich aus. Ich verstehe, dass sie Passanten unangenehm sind. Aber normale Bürger müssen sich nicht bedroht fühlen. Problematisch ist die Situation eher an den Wochenenden, wenn Partygänger, Jugendliche und junge Erwachsene auf dem Platz „vorglühen“. Dann ist richtig was los.

CDU fordert mehr Aufsicht

Wie kann der Raschplatz in Hannover sauberer und sicherer werden? Fraktionschef Jens Seidel (CDU) findet, dass die Stadt die Probleme verharmlost. Das neue Konzept soll seiner Meinung nach überarbeitet werden. Es würden nur Symptome, aber nicht die Ursachen bekämpft. Stattdessen solle lieber in soziale Hilfeleistungen investiert werden. 

Interview: Bärbel Hilbig

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