Mit einem Lächeln auf den Lippen reicht Kenan Güler der Frau mit dem rosafarbenen Kopftuch das Fladenbrot über die Theke. „Bitteschön“, sagt er. „Und einen schönen Tag noch.“ Das sagt Güler mit gleichbleibender Freundlichkeit zu allen Kunden, die in der türkischen Bäckerei seiner Tante in Linden einkaufen. Mit derselben Heiterkeit spricht der 20-Jährige auch über die Fußball-WM und die deutsche Nationalelf. Wenn man Güler fragt, für wen er am Mittwochabend die Daumen drücken wird, ruft er: „Hurra, Deutschland!“ und wirft hinter der mit Gebäck bestückten Auslage die Arme in die Höhe. „Natürlich bin ich für Deutschland“, bekräftigt er kurz darauf noch einmal, und scheint dabei ein wenig verwundert über die Frage zu sein.
Noch vor zwei Jahren hatte Güler während der Fußball-Europameisterschaft beim Spiel Deutschland gegen die Türkei mit seinem Heimatland gefiebert. Und er war wie viele seiner Landsleute enttäuscht über die 2:3-Niederlage der türkischen Elf. „Das war so ein knappes Spiel“, sagt er. Doch heute stehen die Dinge anders. Die Türkei ist bei der WM nicht dabei und der junge Mann wohnt derzeit auch nicht in Istanbul, sondern in Hannover. Vor drei Monaten kam er in die Landeshauptstadt, um ein Mechatronik-Studium an der Leibniz-Uni aufzunehmen. „Es ist Wahnsinn, was hier los ist und wie die Leute ihre Mannschaft feiern“, sagt er. Güler wird sich am Mittwoch, wie bereits bei den vergangenen Spielen der deutschen Elf, mit seinen Studienkollegen zum Public Viewing treffen. Es werden dieselben Kommilitonen sein, mit denen er auf dem Bolzplatz regelmäßig kickt. „Es herrscht ein tolles Gemeinschaftsgefühl“, sagt er. „Ich habe durch die WM schnell Leute kennen gelernt.“
So wie Güler geht es vielen seiner Landsleute, die in Hannover leben, studieren und arbeiten. Im Vereinsheim der Fußballmannschaft Damla Genc hängen Flaggen mit dem türkischen Halbmond. Alle WM-Spiele flimmern über den Bildschirm. Die Gäste trinken türkischen Cay, vertreiben sich in kleinen Gruppen mit dem Brettspiel „Rummikub“ die Zeit, oder lesen die türkische Zeitung „Hürriyet“. Nur gelegentlich schauen sie auf zum Fernseher. Doch das wird sich ändern, wenn Deutschland am Mittwoch gegen Ghana antritt. Dann werden Betreiber Dumlu Halid und seine Gäste ihre Augen konzentriert auf die Leistungen von Schweinsteiger, Podolski und Co. richten. „Ich lebe und arbeite seit mehr als 30 Jahren in Deutschland“, erklärt Halid. „Da ist es doch klar, dass ich mich mit der Nationalmannschaft verbunden fühle.“ Doch wenn die Sprache auf den deutschen Nationalspieler Mesut Özil kommt, besinnt sich der dreifache Familienvater auf seine Wurzeln. „Unser Trainer Fatih Terim hätte sich mehr dafür einsetzen müssen, dass er in der türkischen Nationalmannschaft spielt“, sagt er und stößt mit dieser Einschätzung auf breite Zustimmung im Vereinsheim.
So genau kennt Burcu Kozal sich mit Sport nicht aus. Den Namen Özil hat sie zwar schon einmal gehört. Doch dass es sich bei dem Mittelfeldspieler um jenen Fußballer handelt, den viele mit dem argentinischen Ausnahmetalent Lionel Messi vergleichen – dem Weltfußballer des vergangenen Jahres – wusste sie nicht. Trotzdem hilft Kozal derzeit besonders gerne in dem Kiosk ihres Vaters Hasan aus. „Ich heize vom Tresen aus die Stimmung richtig an“, sagt die Studentin. Auch wenn es in dem Geschäft keinen Fernseher gibt – auf dem aktuellen Spielstand ist sie immer. „Hier ist so viel los, die Kunden halten mich auf dem Laufenden.“
Stefanie Nickel
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Kommentare
@deniz Karl Wilhelm – 23.06.10
Dieser Kommentar wurde von der HAZ.de-Redaktion gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Nutzungsbedingungen unter: www.haz.de/nutzungsbedingungenNationalisten sind Heimatlos armes würstchen – 23.06.10
Wenn ich in letzter Zeit durch die Straßen gehe, komme ich mir vor wie ´41.Gestern noch Krise, heute Wirtschaftsmotor Krieg und alle schwenken stolz die Fahnen.
[… Beleidigung von der HAZ.de-Redaktion gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Nutzungsbedingungen unter: www.haz.de/nutzungsbedingungen …]
@ ab XtraDry – 23.06.10
Heißt das, dass man jetzt nur noch das Aufenthaltsrecht bekommt, wenn man Fan der deutschen Herren-Fußball-Nationalmannschaft ist??? Meine Güte, das ist nur SPORT, was hat das eine mit dem anderen zu tun? Darf ich jetzt nicht mehr hier wohnen, wenn ich kein 96-Fan bin??? Das wäre echt nur noch dämlich...@ Karl Wilhelm Deniz – 23.06.10
Willst du damit also sagen, dass es in der deutschen Nationalmanschaft auch zu solchen vorkommnissen kommen kann ? Also nur noch "reinrassige deutsche" deiner Meinung nach? Mein Gott, die Meinung die hier manche haben, gleicht einer schlechten Partei in Deutschland....Bildungsauftrag der Zeitung Kerstin – 23.06.10
Dieser Kommentar wurde von der HAZ.de-Redaktion gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Nutzungsbedingungen unter: www.haz.de/nutzungsbedingungenMeine Güte, elena! PI – 23.06.10
Mensch elena,das ist nur Fußball, nur Sport. Mehr nicht! Mach doch da jetzt nicht so eine Grundsatzdiskussion draus. "Ausweisen" und so ein Blödsinn. Meine Güte.
solche rührigen Artikel Karl Wilhelm – 23.06.10
können die Fakten beim Thema Integration nicht verwischen. Auf der einen Seite gibt es Fakten, Statistiken, die eine ganz andere Sprache sprechen als dieses Beispiel (wenn man denn überhaupt von einem vollwertigen Beispiel sprechen kann) und auf der anderen Seite laufend Artikel, Berichte, die uns weismachen sollen, das alles rosarot und prima in Deutschland ist.Ein Blick nach Frankreich genügt. In der dortigen Multikulti-Fußballnationalmannschaft und beim Publikum läßt sich ablesen, wie die Träume von Integration ausgehen. Pfeiffkonzerte beim Abspielen der französischen Nationalhymne in den von Arabern bewohnten Vierteln. Eine Mannschaft, die keine Mannschaft ist etc.
@wittkowski elena – 23.06.10
Dieser Kommentar wurde von der HAZ.de-Redaktion gelöscht. Bitte beachten Sie unsere Nutzungsbedingungen unter: www.haz.de/nutzungsbedingungenDeutschland ANTON – 23.06.10
Hallo Wittkowski, auch ich kenne einige Polen die für Ghana sind, das scheint durchaus an Resonanz zu stossen.ABER LEUTE, NICHT SO ENG DAS GANZE SEHEN. ICH BIN 100% DEUTSCHER, UND SEHE NUR DEN SPORT! WENN ALSO GHANA HEUTE IRGENDWIE WEITERKOMMEN SOLLTE, DANN WÄRE DAS AUCH OK DA SIE ALS AUSSENSEITER MEINE SYMPATHIE HABEN!!!
ALSO, AUF ZU EINEM SPANNENDEM SPIEL (warum muss Deutschland immer gewinnen???)
@Wittkowski ab – 23.06.10
... da erhebt sich die Frage, warum Sie und Ihre gesamte polnische Gemeinde nach Deutschland gezogen sind und nicht nach Ghana ...Fußball Obstranovic – 23.06.10
Wie sieht es denn mit den Griechen aus ???? Sind die Fußballpolitisch korrekt, oder wollen die uns etwa von der Fahne gehen ?Wir hoffen es nicht !
Türken für Deutschland Fleur – 23.06.10
Nach meiner Erfahrung haben die hier lebenden Türken schon immer den Deutschen die Daumen gedrückt.Das war auch bei der letzten WM so.Das sie damals natürlich bei dem Deutschland-Türkeispiel ihrer Mannschaft die Daumen drückten ist doch klar.Auch nach der damals knappen Niederlage wurde weiter zu den Deutschen gehalten.Und die Trauer nach der Niederlage im Halbfinale gegen dei Italiener war auch bei ihnen gross.Ich habe das hautnah erlebt, da ich in einer Gegend wohnte wo viele Türken wohnten und auch beruflich mit ihnen zu tun hatte.richtig so der Typ aus der List – 23.06.10
ist doch auch richtig, das die hier lebenden türken unsere mannschaft unterstützen. irgendwas müssen sie an diesem land ja schätzen, sonst wären sie ja in ihrem land geblieben, oder?! in diesem sinne...weiter so!Spiel Greisolow – 23.06.10
Deutschland hat 5 : 0 gewonnen, yuhuu !normal Deniz – 23.06.10
Das man für Deutschland ist, ist doch normal :-).Eine Niederlage wäre das damit verbundene ausscheiden aus dem Wettbewerb und das heißt wiederrum " nichts mehr zu feiern!".
Also am Morgigen Tag allen der deutschen Nationalelf die DAUMEN DRÜCKEN ! Und Michael Ballack rächen ;-)...
Daumendrücken Wittkowski – 22.06.10
Also ich stamme aus Polen und halte selbstverständlich der Mannschaft aus Ghana die Daumen, so wie meine gesammte polnische Gemeinde auch !!!! Go ! G0 !