Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 15 ° Regenschauer

Navigation:
US-Investor stoppt Umbau des Ihme-Zentrums

Bauruine US-Investor stoppt Umbau des Ihme-Zentrums

Täglich hatten die Anwohner des Ihme-Zentrums auf die entscheidende Nachricht gewartet. Ihre Hoffnungen hatten sie immer wieder auf die positiven Signale gesetzt, die seit Beginn des Baustopps vor fünf Wochen durchgesickert waren.

Voriger Artikel
Salem B. soll in Haft
Nächster Artikel
Ratspolitiker wollen Baustopp nicht hinnehmen

„Moderne Shopping-Welt“? Stillstand auf der Baustelle im Ihme-Zentrum.

Quelle: Michael Thomas

Am Montag kam stattdessen das vorläufige Aus all dieser Hoffnungen: US-Investor Carlyle hat für seine am Umbau des Komplexes beteiligten Projektgesellschaften Insolvenz beantragt. Wie es mit dem Ihme-Zentrum weitergeht, ist derzeit völlig ungewiss.

„Wir sind am Boden“, sagt Wohnungseigentümer Gerhard Baro, der seit vielen Jahren im Ihme-Zentrum lebt. Die Anwohner sorgen sich nun, allein auf den Kosten für den laufenden Betrieb sitzen zu bleiben. Sie haben einen Anwalt eingeschaltet, um ihre Ansprüche zu sichern. Carlyle, so heißt es, sei bereits mit zwei Monatszahlungen in Höhe von zusammen 400.000 Euro im Rückstand.

Noch Anfang des Monats hatte Baudezernent Uwe Bodemann vor Ratspolitikern verkündet, dass Investor Carlyle wohl bald alle ausstehenden Rechnungen begleichen werde und eine Lösung für das Projekt in Sicht sei. Auch Oberbürgermeister Stephan Weil hatte sich stets zuversichtlich zum Fortgang der Gespräche um den Kreditkonflikt zwischen Carlyle und Berliner Landesbank (LBB) geäußert.

Dass nun wohl bald ein Insolvenzverwalter die Geschicke in dem mitten im Umbau steckenden Komplex lenken soll, beunruhigt die Anwohnern sehr. „Eine jahrelange Insolvenzverwaltung wäre das Schlimmste, was passieren kann“, sagt Anwohnervertreterin Monika Großmann. „Wir alle hoffen, dass schnellstmöglich ein neuer Investor einsteigt.“ 2400 Menschen leben in dem Großkomplex, darunter rund 500 Wohnungseigentümer. Gemeinsam mit dem Verwalter Simchen Immobilien ist bereits ein Gespräch mit der Stadt vereinbart.

Im Rathaus wiederum hofft man auf das Gespräch mit Vertretern der Berliner Landesbank heute im Büro von Oberbürgermeister Stephan Weil (SPD). Der Verwaltungschef dürfte auf die Macht des Faktischen setzen. Das war schon im Januar so, als der Baustopp am Ihme-Zentrum Schlimmeres befürchten ließ: Wer bereits mehr als 50 Millionen Euro in den „Linden Park“ investiert habe, dem sei daran gelegen, dieses Geld zu retten. Galt diese Erwartung vor ein paar Wochen noch Carlyle, hofft Weil nun auf die Landesbank Berlin, mit deren Krediten die Fondsgesellschaft Umbauten im Ihme-Zentrum finanzierte. Im Rathaus geht man davon aus, dass die Bank mit weiteren Millionen Carlyle schon beim Kauf des Betonblockes geholfen hat.

Stadt und Stadtwerke sind gemeinsam die größten Mieter im Ihme-Zentrum. Der Energieversorger, der dort 750 Angestellte beschäftigt, zahlt jedes Jahr mindestens 3,5 Millionen Euro, rund zwei Millionen bringt die Landeshauptstadt für 6000 Quadratmeter auf, dort arbeiten 600 Beschäftigte der Fachbereiche Jugend und Familie, Senioren sowie, ausgerechnet, dem Gebäudemanagement.

Weil die Tiefgarage nach dem Baustopp für Mitarbeiter nicht mehr zugänglich ist, minderte die Stadt bereits die Miete. „Sehr maßvoll“, sagte Weil, „aber wenn dort nichts passiert, werden wir deutlicher.“ Dabei würden Stadt und Stadtwerke wohl gemeinsam vorgehen, auch deren Beschäftigte etwa müssen in Nebenstraßen parken. Was das Unternehmen seit Langem sehr ärgert, ist die notgedrungen provisorische Außendarstellung des Versorgers: Gäste werden seit Jahren auf einer Baustelle empfangen.

Natürlich hat Weil Interesse daran, den Lindenpark zum guten Abschluss zu bringen. Bauliches Engagement der Stadt, etwa über die kommunale Wohnungsgesellschaft GBH, lehnte der Verwaltungschef aber ab. Die Stadt tue als Mieter schon sehr viel, „die Verantwortung für die Entwicklung einer Einkaufspassage übernehmen wir nicht“. In den nächsten Tagen geht es nicht nur um langfristige Perspektiven für den Siebziger-Jahre-Komplex, Fragen der Bausicherheit etwa müssen unverzüglich geklärt werden.

Firmen warten auf Millionen: Etliche der von dem Baustopp betroffenen rund 30 Betriebe müssen weiter auf ihre Bezahlung warten. Dem Vernehmen nach belaufen sich die Außenstände auf fünf bis acht Millionen Euro. Manche Firmen erwägen rechtliche Schritte, sie fühlen sich vom Investor getäuscht. „Von den Finanzierungsproblemen weiß Carlyle doch schon lange – trotzdem wurde uns bis kurz vor dem Baustopp immer wieder versprochen, dass wir unser Geld erhalten“, sagt ein Mitarbeiter eines Bauunternehmens, das nicht genannt werden möchte.

Neue Mieter warten ab: Die potenziellen Gewerbemieter, die in die neuen Ladenpassagen im „Linden Park“ einziehen wollen, geben sich vergleichsweise gelassen. „Das ist keine gute Nachricht. Wir haben aber die vage Hoffnung, dass schnell wieder ein neuer Investor einsteigt“, erklärte etwa Edeka-Sprecher Andreas Laubig. Auch die Polizeiinspektion West, die mit 200 Beamten Ende des Jahres ins Ihme-Zentrum ziehen wollte, ist vom Stillstand des Projekts betroffen. „Die Situation sei „außerordentlich misslich, aber nicht dramatisch“, sagte Sprecher Stefan Wittke. Der Mietvertrag in dem Gebäude in der Gartenallee, das aufgegeben werden sollte, könne um ein weiteres Jahr verlängert werden.

von Juliane Kaune und Gunnar Menkens

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Investoren
Ein Ende mit Schrecken: das Ihme-Zentrum.

Der Baustopp im Ihme-Zentrum wirkt sich auch auf die Immobilienbranche aus. „Das Desaster ist nicht nur für die Bewohner tragisch, sondern für den Ruf von ganz Hannover“, sagt Makler Werner Fürst.

mehr
Mehr Aus der Stadt

Sie wollen auch einen kleinen Beitrag leisten, um Flüchtlingen in der Region zu helfen? Dann sind Sie hier genau richtig. Das HAZ-Portal "Hannover hilft" bringt freiwillige Helfer aus der Bevölkerung und die professionellen Hilfsorganisationen zusammen – damit die Hilfe dort ankommt, wo sie benötigt wird. mehr

Anzeige
200 Menschen demonstrieren am Todestag von Halim Dener

Am Steintor demonstrieren am Abend 200 Menschen, es ist der 22. Todestag von Halim Dener. Der junge Kurde wurde 1994 in der Nacht vom 30. Juni von Polizisten erschossen.