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Aus der Stadt Unerbittlich, grauenhaft, optimistisch
Hannover Aus der Stadt Unerbittlich, grauenhaft, optimistisch
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00:15 02.07.2015
Von Gunnar Menkens
Begegnung in der Villa Seligmann: Andor Iszak (von links) begrüßt den Auschwitz-Überlebenden Peter Johann Gardosch, dessen Frau Ramona und Ehrengast Christian Wulff. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Traurig, sagt Peter Johann Gardosch, aber auch an solch einem schönen Tag muss man über diese grauenhaften Zahlen reden. Er berichtet, auf einem Stuhl in der Villa Seligmann, in der Hand hält er seine Notizen. 825.000 Juden lebten in Ungarn, bevor deutsche Soldaten am 19. März 1944 das Land besetzten. Wenig später waren 565.000 Juden tot. Ermordet, deportiert und ins Gas geschickt von Nazis unter willfähriger Beteiligung ungarischer Helfer. „Ein Völkermord“, sagt er, „ein Raub-Völkermord.“

Peter Johann Gardosch, 84, geboren in Neumarkt am Miresch, hat überlebt. Als die Deutschen kamen, war er 13 Jahre alt. Keinen Monat dauerte es, dann war der gelbe Stern eingeführt, alle Juden registriert und in Lager gesperrt. Peter und seine Familie in einer aufgegebene Ziegelfabrik. Ohne Dach, ohne Einrichtung, mit einer Folterkammer in einem Raum, geschlafen wurde auf dem Fußboden. Nutznießer der Besatzer kamen in der Frühe. „Ungarische Gendarmerie, unerbittliche vollgefressene Bauernjungs.“ Sie rissen Juden aus ihren bürgerlichen Leben und ließen sich die Schlüssel geben für voll eingerichtete Wohnungen. Sie stahlen, was ihnen nützlich und wertvoll schien.

Die Brutalität gegen eigene Landsleute hatte natürlich eine Vorgeschichte. Hass und Neid waren nicht von heute auf morgen zu entfesseln, die Lunten waren gelegt. Antisemitismus war in der ungarischen Bevölkerung stark verbreitet. Judengesetze hielten bereits eine große Zahl von Lehrern, Ärzten, Anwälten aus akademischen Berufen fern. Dennoch: Gardosch erinnert sich, dass man sich irgendwie arrangierte. Dann kamen die Deutschen und aus diesem gestattetem Hass konnten Kollaborateure endlich persönlichen Nutzen ziehen.

In Frachtwaggons zusammengepfercht wurde Gardosch mit seiner Familie nach Auschwitz transportiert. Ein Kübel Wasser, ein Kübel für die Notdurft pro Waggon. Dann das Konzentrationslager, die Ankunft, an der Rampe Offiziere der SS. „Sie machten sparsame Bewegungen“, erzählt Gardosch. Er bewegt einen Zeigefinger ein paar Zentimeter nach links, ein paar Zentimeter nach rechts. Es bedeutete: Gas oder Lager, Leben oder Tod. Weil Gardosch log und sagte, er sei 17 Jahre alt, blieb er am Leben. Eine Arbeitskraft für die Nazis.

Die Zeit aus dem Lager nennt Gardosch den optimistischen Teil seines Berichts. Er überlebte. Von Auschwitz wurde er nach Bayern gebracht, wo die Deutschen eine unterirdische Fabrik für Düsenjäger bauen wollten. Schwere Betonarbeiten, er hätte sie kaum lange überlebt. Dann wurde er Laufbursche für die rechte Hand, „Herr Lehmann“, eines Lagerkommandanten und bei einem Durcheinander gelang ihm die Flucht. Dann kamen die Amerikaner.

Schüler fragen den Auschwitz-Überlebenden oft, ob er die Deutschen hasse. „Nein“, sagt er dann. Zwölf Jahre Nationalsozialismus, „das war nur ein Augenblick in der deutschen Geschichte.“

Sonntag erzählte er seine auf Einladung von Andor Iszak und den Freunden der Villa Seligmann. Ehrengast Christian Wulff, um ein paar Worte gebeten, fand die richtigen: „Bei diesen Erlebnissen schweigt man lieber.“

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