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Aus der Stadt Uli Stein fotografiert im alten Bahnausbesserungswerk in Hannover
Hannover Aus der Stadt Uli Stein fotografiert im alten Bahnausbesserungswerk in Hannover
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18:49 20.03.2011
Von Conrad von Meding
Am Drücker: Uli Stein im Bahnausbesserungswerk Leinhausen. Quelle: Catherine Hagemann

Dort hatte der Vater sein Büro. An den Wochenenden ging der Bahninspektor Steinfurth mit seinem Sohn Ulrich gelegentlich Unterlagen aus dem Gebäude holen. Und da, in dem anderen großen Gebäude, da haben sie kurz vor Weihnachten immer gefeiert: Für zahllose hannoversche Eisenbahnerfamilien war die Kantinenhalle im Bahnausbesserungswerk Leinhausen stets ein Treffpunkt im Advent, bei dem ein Weihnachtsmann Geschenke aus dem Sack verteilte und die Kinder Theaterstücke auf der kleinen Bühne improvisierten. Heute sind die kunstvoll gemauerten Backsteinhäuser kaum mehr als Trümmerhaufen, verwahrlost nach jahrzehntelangem Leerstand. Der Eisenbahnersohn Ulrich Steinfurth (in Europa, China und den USA besser bekannt als der Mäuse-Comiczeichner Uli Stein) ist jetzt zurückgekehrt zur Stätte seiner Kindheit. „Ich will die Stimmung in Bildern einfangen, bevor hier alles aufgeräumt wird“, sagt er. In seinem Internetblog veröffentlicht Stein die Fotos, vielleicht soll es irgendwann auch mal eine Ausstellung auf dem Gelände geben.

Etwa 50 Jahre lang war der Künstler nicht mehr in Leinhausen. „Ich bin eigentlich nicht so bahnaffin“, gesteht er verschmitzt, nachdem er aus seinem eleganten Porsche Panamera gestiegen ist. Aber als er vor rund einem halben Jahr zufällig in diesem wenig beachteten Winkel Hannovers war und sah, dass die alten Häuser noch stehen, da kamen Erinnerungen hoch. Und als er dann kürzlich in der HAZ las, dass das gesamte Areal versteigert wurde, da hat er zum neuen Eigentümer Kontakt aufgenommen. Axel Stelter hat ihm die Schlüssel überlassen. Allerdings mit der Bedingung, dass der Künstler sich mit seinen Fotos nicht zu viel Zeit lässt. Denn der neue Eigentümer lässt bereits Haus für Haus aus- und aufräumen und die ersten Reparaturen ausführen. „Wir müssen vor allem die Dächer dicht bekommen, um den Verfall zu stoppen“, sagt Stelter.

Im September hatte er das gesamte Areal bei einer bundesweit beachteten Auktion für 735.000 Euro ersteigert. Das scheint nicht viel zu sein für ein Gelände von der Größe eines Dorfes – die Grundfläche beträgt 26.000 Quadratmeter, die Nutzfläche der Immobilien rund 10.000 Quadratmeter. Doch angesichts des Gebäudezustands sind hohe Investitionen nötig, Stelter rechnet mit fast fünf Millionen Euro. Der studierte Architekt, der bereits Gebäude in der Bothfelder Prinz-Albrecht-Kaserne entwickelt und den alten Bahnhof Leinhausen zum Veranstaltungszentrum umgebaut hat, ist sich sicher, den verschlafenen Winkel wachküssen zu können. „Leinhausen-Park“ will er das von Grünflächen durchzogene Areal nennen. Eine neue postalische Adresse muss ohnehin her, findet Stelter: „Hier heißen alle neun Häuser Einbecker Straße 1a – da bekommt ja jeder Postbote einen Knall, wenn er später mal Briefe auf die Häuser verteilen muss.“

Uli Stein hat in einem Berliner Antiquariat ein Buch über das Bahnausbesserungswerk gefunden, das mehr als ein Jahrhundert lang Tausenden hannoverschen Familien ein Einkommen gab. „Defekte Lokomotiven wurden mit Pferden gezogen“, berichtet er, „und wenn ein Arbeiter im Dunkeln unter einer Lok arbeiten musste, hatte er ein Öllämpchen dabei.“ 1880 wurden die ersten Gebäude errichtet, inzwischen stehen Teile des Geländes mit seinem schmucken Wasserturm unter Denkmalschutz. Das hinderte die Bahnverwaltung allerdings nicht daran, die Abrissgenehmigung für ein großes Magazingebäude und das zierliche Signalwerkstattgebäude zu beantragen. Mit Abrissgenehmigung, so kalkulierte man wohl bei der Bahn, werde das Gelände mehr Geld bringen. Die Denkmalbehörden genehmigten wegen des fortschreitenden Verfalls den Abriss – Belohnung für die lange Verwahrlosung gewissermaßen. Stelter aber will nicht abreißen. „Ich bin mir sicher, dass man sogar das große Magazin erhalten kann“, sagt er.

In einem Gebäude will der neue Eigentümer nach Wiederherstellung der Substanz ein Atelierhaus für Künstler einrichten. Die auf tonnenschwere Gewichte eingestellten Zimmerdecken, große Sandsteintreppenhäuser und Lastenaufzüge und die viel Licht einlassenden Fenster lassen die Immobilie gut geeignet für derartige Nutzungen erscheinen. In der alten Kantine mit dem Saal und der kleinen Bühne kann er sich ein kleines Veranstaltungszentrum vorstellen. „Im Bahnhof Leinhausen fragen oft Hochzeitsgesellschaften an“, sagt Stelter, „für die ist der Bahnhof aber meist zu groß – die könnte man hierher verweisen.“ Auch für andere Gebäude hat er schon Ideen. Die aber müssen zunächst mit der städtischen Bauverwaltung diskutiert werden. Wegen der benachbarten S-Bahn-Werkstatt und dem Üstra-Depot ist derzeit kein Wohnen im Bereich des alten Ausbesserungswerks erlaubt. Auch wenn von störenden Geräuschen kaum etwas zu hören ist – an Wochenenden kommen sogar oft Besucher und flanieren durch den kleinen Park.

Der ist inzwischen weitgehend aufgeräumt. Die Regenwasserrohre an fast allen Häusern sind erneuert, die Eingangstür des Kantinenhauses ist restauriert, die des Wasserturms gerade in der Werkstatt. Urige Relikte wie den Glaskasten mit Aushang des Eisenbahner-Schachklubs hat eine Delegation des Bahnmuseums in Nürnberg kürzlich abgeholt, auch ein historischer Verbandskasten aus Leinhausen und anderes Material wird jetzt dort aufbewahrt. So bleibt vieles für die Nachwelt bewahrt.

Auf dem romantischen Wasserturm aber ist die kugelrunde Stahlkuppel durchgerostet, der Zerfall schreitet wegen des eindringenden Regens schnell voran. Vom Stahlbautrupp der hannoverschen Baufirma Gundlach lässt Axel Stelter derzeit Schweißversuche machen. „Ich kenne das Team von den Umbauarbeiten im Bahnhof Leinhausen“, sagt Stelter. „Das Schweißen der alten Stahlplatten ist eine Herausforderung, aber wenn jemand das schafft, dann Gundlach.“ Stück für Stück arbeitet sich sein kleiner Bautrupp auf dem Gelände vor – und für Uli Stein wird die Zeit zum Fotografieren immer enger. 500 bis 600 Bilder hat der Künstler, der inzwischen in der Wedemark wohnt, schon geschossen, aber noch sind nicht alle Gebäude durchfotografiert. Wenn es nach Eigentümer Stelter geht, werden die Fotos irgendwann im Wasserturm ausgestellt – vielleicht zusammen mit der Uli-Stein-Ausstellung, die derzeit in Goslar gastiert.

Einige der Bilder sind – immer nur für kurze Zeit – im Internet unter www.ulistein.de zu sehen.

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