Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
„Irgendwer hatte immer Wodka dabei“

Umgang mit alkoholisierten Jugendlichen „Irgendwer hatte immer Wodka dabei“

Wie geht man damit
 um, wenn Jugendliche
 sich in einen
 Vollrausch trinken? Zunächst einmal hilft es,
 zu wissen, warum und
 wie sie das tun.
 Annäherungen an ein
 heikles Thema.

Voriger Artikel
Und wie waren Ihre Neunzigerjahre so?
Nächster Artikel
So sieht die neue Sparkasse von innen aus
Quelle: dpa/Symbolfoto

Hannover. Es war nicht einmal einer jener Fälle, die am Ende in einer Klinik und damit auch in einer Krankenhausstatistik landen. 271 Minderjährige wurden nach Angaben der Stadt 2014 mit Anzeichen einer Alkoholvergiftung in die Medizinische Hochschule oder ins Kinderkrankenhaus Auf der Bult eingeliefert. Marie gehörte nicht dazu. Für sie war der erste Absturz nach einem Vollrausch aber auch so schon schlimm genug. Zumal er vollkommen unvermutet kam.

Eine eigentlich gut organisierte Party unter 14- bis 16-Jährigen, bei der es neben Cola, Saft und Wasser auch ein paar Sechserträger Lemon-Bier zu trinken gab, war wegen des Besuchs etlicher ungebetener Gäste aus dem Ruder gelaufen. Viele der Älteren hatten Hochprozentiges in Flachmännern dabei. „Alle haben uns angemotzt, wenn sie etwas nicht gefunden haben“, erinnert sich Marie. „Irgendwann verloren wir den Überblick.“ Irgendwer drückt ihr ein Wodka-Mixgetränk in die Hand, als sie weinend an der Treppe steht. Das „tat einfach gut“.

Marie besorgt sich noch zwei Mixgetränke, nach der Hälfte des dritten ist ihr schlagartig übel. „Alles hat sich gedreht, ich musste mich gefühlt stundenlang übergeben.“ Als der Vater ihres Freundes sie abholt, kann Marie kein Wort mehr sprechen, ihr Kopf sackt immer wieder zur Seite. „Ohne Hilfe hätte ich es weder nach Hause noch ins Bett geschafft.“

Dass Jugendliche ihren Alkoholpegel völlig falsch einschätzen, sei häufig der Grund dafür, dass gleich der erste Rausch in einer Alkoholvergiftung münde, sagt Klaudia Follmann-Muth von der bundesweit agierenden Initiative „Klartext reden“ zur Prävention von Alkoholmissbrauch. Bei Jugendlichen wirke Alkohol oft nicht wie bei Erwachsenen stufenweise, sondern schlagartig, dafür aber umso heftiger. „Die meisten Jugendlichen verlassen sich aber darauf, dass die Wirkung sich langsam einstellt“, sagt Follmann-Muth: „Die Konsequenzen können dramatisch sein.“

Die Diplom-Sozialpädagogin war jetzt zu Informationsveranstaltungen für Eltern in mehreren weiterführenden Schulen in Hannover unterwegs. Wer befürchtet hatte, auf einer Veranstaltung zu landen, auf der Helikoptereltern jetzt auch schon die ersten Alkoholerfahrungen ihrer Kinder unter Kontrolle bekommen wollten, wurde schnell eines Besseren belehrt. Präventionsveranstaltungen wie diese haben in den vergangenen Jahren erstaunliche Erfolge erzielt. Nachdem sich die Zahl der wegen Alkoholmissbrauch stationär behandelten Kinder und Jugendlichen in Hannover zwischen 2005 und 2008 auf 218 nahezu verdoppelt hatte und bis 2012 auf 320 anwuchs, drehte sich der Trend danach. Mit dem städtischen Programm „Mehr Fun – weniger Alkohol“ oder dem Projekt „Halt“ (Hart am Limit), mit Infobroschüren und Veranstaltungen für Eltern konnte die Zahl der Jugendlichen, die im Vollrausch Auf der Bult oder in der MHH eingeliefert wurden, bis 2014 wieder auf 271 reduziert werden.

Bei den „Klartext“-Abenden lernt man zum Beispiel, wie schädlich genau Alkohol für Jugendliche ist. Dass sie viel schneller süchtig werden als Erwachsene, wie Follmann-Muth erklärt, die sagt: „In zwei Jahren kann ein Jugendlicher massiv abhängig sein.“ Und dass wiederholtes Rauschtrinken definitiv das Gehirn schädige. Und was Jugendliche heute so tun, um die Wirkung von Alkohol zu spüren: Brausepäckchen in Korn, Süßgetränke gemischt mit Wodka für den möglichst ungefilterten Rausch. Sogar in Wodka getränkte Tampons führten sie sich deshalb ein. Der Grund: Sie wollten öffentlich nicht mit zu viel Alkohol auffallen.

So wie Timo. Der 16-jährige Gymnasiast hält sich eigentlich für trinkfest, trifft sich jedes Wochenende mit Kumpels in der Eilenriede, an einem geheimen Ort, den doch alle kennen, die unerlaubt trinken oder kiffen wollen. „Ein paar Bierchen wurden da gezischt, irgendwer hatte immer Wodka dabei und eine Flasche Orangensaft“, sagt er heute. Wodka rieche halt keiner, wenn man nach Hause komme, anders als Bier oder Zigarettenqualm, deretwegen es öfter Ärger mit den Eltern gab. Deshalb steigt Timo irgendwann auf Wodka um: „Irgendwann auch ohne Saft.“ Die Stimmung in der Eilenriede ist auf dem Höhepunkt, als Timo irgendwann einfach umkippt. Ohne Erbrechen, von einer Sekunde zur nächsten. Die Freunde alarmieren Krankenwagen und Eltern, versuchen immer wieder, ihn anzusprechen.

Sie tun damit genau das, was Eltern Jugendlichen für so einen Fall mit auf den Weg geben sollten: „Lasst nie jemanden in einem problematischen Zustand zurück. Holt Hilfe“, heißt es bei „Klartext“.

„Wie soll man überhaupt zu Hause über Alkohol reden?“, ist die zentrale Frage von Eltern an diesem Abend. Von strikten Antialkoholikern bis zu Menschen, die gerne abends mal einen Rotwein trinken, ist im Publikum alles dabei. Soll man den Alkohol aus pädagogischen Gründen strikt verbieten? Viel wichtiger sei es, eine stimmige Haltung für sich zu finden – und sie zu Hause entschieden zu vertreten, sagt Follmann-Muth.

Timo wacht erst im Krankenhaus Auf der Bult wieder auf, in einem weißen Nachthemd, hinten offen, mit ausgepumpten Magen: „Ein Albtraum.“ Seine Eltern fotografieren ihn in seinem erbärmlichen Zustand – und löschen das Bild sofort wieder. „Die wollten mir einfach vor Augen führen, wie man aussieht, wenn man vollkommen neben sich steht vor lauter Alkohol.“

Timo wird in der Klinik auch „ziemlich gut“ darüber aufgeklärt, was für Schäden ein Vollrausch verursacht. Dennoch: „Wir treffen uns immer noch zum Trinken“, gesteht er, „aber harte Sachen habe ich seitdem nicht angerührt.“

Marie denkt höchst ungern an den Zustand des totalen Kontrollverlustes zurück. Nach zwölf Stunden Schlaf erwacht sie mit Kopfschmerzen und schalem Geschmack im Mund. Die Erinnerungen kommen nur stückweise zurück, die Lücken füllen später die Freunde.

Eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen, mittlerweile darf Marie Bier und Wein trinken. Beides tut sie, in Maßen. Wodka ist seit der Alkoholvergiftung nicht wieder in ihr Glas gelangt. „Wenn es beim ersten Mal richtig schiefgeht, ist das eigentlich eine gute Lektion fürs Leben.“     

Von Susanna Bauch und Jutta Rinas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr Aus der Stadt
Es war einmal in Hannover. Aber wo?

Auf in eine neue Runde: Sie kennen sich in Hannover aus? Zeigen Sie es! Schauen Sie sich die historischen Stadtansichten an, und erraten Sie, wo die Aufnahmen gemacht wurden. Direkt hinter dem historischen Foto sehen Sie die Auflösung – in Form eines aktuellen Vergleichsbildes.

Die Mega 90er-Party in der TUI-Arena

Fun Factory, Captain Hollywood Projekt oder Culture Beat: Bei der Mega 90er-Party haben die Musikgrößen der Neunziger in der TUI-Arena die gute alte Zeit wieder aufleben lassen. Und das Publikum feierte ungenierte zu den Beats seiner Jugend.