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"Unfallchirurgen sind Machos"

Interview im Friederikenstift "Unfallchirurgen sind Machos"

Das Friederikenstift wird 175 Jahre alt. Ein guter Anlass, zwei "Friederiken" zu fragen, was sie an ihrem Beruf lieben. Im Interview verraten die beiden Schwestern, dass die Hierachie zwischen Arzt und Pflege abgenommen hat. Nur bei Unfallchirurgen träfe das nicht zu – das seien einfach Machos.

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Nadjeschda Schmidt (l) und Gabriele Ehrlich.

Quelle: Rainer Surrey

Hannover. War der Beruf Krankenschwester Ihr Wunschberuf?

Schwester Gaby: Ja! Aber als ich 1981 mit 16 Jahren von der Schule ging, gab es nicht so viele Ausbildungsplätze an unserem Krankenhaus auf dem Land.

Außerdem wurden damals gerade Umschüler bevorzugt, weil sie vom Arbeitsamt bezahlt wurden. So bin ich erst einmal Arzthelferin geworden. Mit 25 Jahren habe ich dann die Ausbildung am Friedrikenstift nachgeholt. Der 1. Oktober 1991 war mein erster Arbeitstag als examinierte Schwester.

Schwester Nadja: Ich habe ein Freiwilliges Soziales Jahr bei einem Unternehmen gemacht, das sich um Behinderte kümmert. Die Arbeit nah am Menschen hat mir gefallen. Am 1. Oktober 2011 habe ich dann meine Ausbildung am Friederikenstift begonnen. Es gab etwa 300 Bewerberinnen für 30 Plätze. Seit einem Jahr arbeite ich als examinierte Schwester ...

... und dürfen die Brosche der Schwesternschaft des Friederikenstifts tragen. Was bedeutet das für Sie?

Schwester Nadja: Mein Ausbildungsjahrgang musste zur Examensfeier noch die alte Tracht der Schwesternschaft tragen. Es war ungewohnt, aber schön.

Schwester Gaby: Die Schwesternschaft gehört einfach zum Haus. Es ist eine gute Tradition. Ich könnte hier auch als „freie“ Schwester arbeiten. Aber ich bin aus voller Überzeugung Mitglied.

Trotz Haubenpflicht und Wohnpflicht, die erst 2014 abgeschafft wurden?

Schwester Gaby: Ja. Als ich hier anfing, musste ich noch eine Haube tragen und in der Schule auf dem Klinikgelände wohnen. Heute haben wir nur noch die Trachtenpflicht an Festtagen. Man kann außerdem zwischen der alten Tracht, Hosenanzug oder glattem Rock nach neuem Design wählen.

Ich wollte es erst gar nicht glauben: Sie durften früher auch nicht verheiratet sein. Erst 1994 wurde das Verbot aufgehoben.

Schwester Gaby: Wir sind eine der wenigen Schwesternschaften, die es wenigstens geschafft haben, die Satzung zu ändern. Einige haben den Absprung verpasst und stehen jetzt vor der Auflösung, weil sie keinen Nachwuchs mehr finden. Nach der Änderung sind viele der freien Schwestern im Haus in die Schwesternschaft eingetreten. Die Einsegnung der Verheirateten 1997 war sehr berührend.

Ein weiterer Modernisierungsschub: Seit einem Jahr nehmen Sie auch Männer auf. Zwei bislang.

Schwester Gaby: Ja, es ändert sich viel. Man kann grundsätzlich sagen, dass die Schwesternschaft früher eine Lebens- und Arbeitsgemeinschaft war. Heute ist sie nur noch Arbeitsgemeinschaft. Das Gefühl, zu einer Familie zu gehören, ist verschwunden?

Schwester Nadja: Nein. Ich lerne nach und nach immer mehr Schwestern kennen. Ich fühle mich verbunden. Ich kann natürlich nicht mit früher vergleichen.

Apropos Vergleich - es wird häufig über die Bürokratie im Krankenhaus geklagt. Wurden früher keine Pflegeberichte geschrieben?

Schwester Gaby: Doch. Aber sie waren deutlich kürzer. Was wir heute dokumentieren müssen, kostet etwa dreimal so viel Zeit. In der Notaufnahme hatten wir vor 20 Jahren einen Aufnahmezettel in DIN-A5-Format, auf dem wir den Namen und den Grund der Aufnahme notierten. Heute ist es ein DIN-A4-Formular mit drei Durchschlägen und Anhängen.

Schwester Nadja: Ich kenne es nur so. Aber es ist zeitraubend. Ich brauche an manchen Tagen zwei Stunden, um alles so zu dokumentieren, wie es verlangt wird. Wenn neue Patienten auf die Station kommen und wir nicht so gut besetzt sind, bleibt dann keine Zeit mehr für Gespräche mit den Patienten.

Schwester Gaby: Es ist wichtig aufzuschreiben, welche Medikamente der Patient bekommt und wie es ihm geht. Aber wir müssen im Grunde genommen alles festhalten, zum Beispiel, ob sich der Patient selbst gewaschen hat.

Was denken Sie, ist der Grund?

Schwester Gaby: Das Dokumentieren hat nur juristische Gründe, zur Absicherung gegenüber Kassen, Behörden und Patienten. Wenn etwas nicht aufgeschrieben wurde, ist das bereits verdächtig.

Gibt es genug Personal?

Schwester Gaby: Wir haben auf dieser Station 32 Betten. Vormittags sind wir in der Regel vier examinierte Schwestern und zwei Schüler. Nachmittags sind wir zu zweit. Nachts und am Wochenende ist jeweils eine Schwester anwesend. Früher waren wir mehr Leute. Als ich anfing zu lernen, galt es als Skandal, wenn am Wochenende auf der größten Pflegestation mit sehr pflegeaufwendigen Patienten weniger als zehn Schwestern waren. Heute freuen sie sich dort, wenn sie morgens zu viert und nachmittags zu zweit sind.

Sie arbeiten in drei Schichten, Früh-, Spätschicht und Nachtwache. Wie sieht es mit dem Verdienst aus?

Schwester Nadja: Das ist unterschiedlich, abhängig von den Diensten. Aber im Schnitt bekomme ich 1600 Euro netto.

Schwester Gaby: Das differiert durch die Zulagen. Für eine Nachtwache bekommt Nadja etwa 12 Euro zusätzlich. Ich verdiene als Stationsleitung im Schnitt 2350 Euro. Für drei Wochenend-Dienste im vergangenen Monat bekomme ich zusätzlich 64 Euro an Zulagen, brutto.

Finden Sie das angemessen?

Schwester Gaby: Nein. Wir sind die einzige Berufsgruppe, deren Gehälter in den vergangenen Jahren gesunken sind. Zum Beispiel gab es früher eine Zulage für den Dienst ab 20 Uhr. Heute erst ab 22 Uhr.

Die Patienten werden immer älter. Spüren Sie das in der Pflege?

Schwester Gaby: Das größte Problem ist, dass ältere Menschen heute nicht mehr alt sein wollen. Sie erwarten, dass sie das Krankenhaus auf Flügeln verlassen. Meine Großmutter hat sich in den Sessel gesetzt und gesagt, die Knochen tun weh, aber sie sind ja auch schon 90 Jahre alt. Das sagt heute keiner mehr.

Die Patienten sind anstrengend?

Schwester Nadja: Manche ja. Aber ich finde die Jüngeren anstrengender. Sie beschweren sich über jede Kleinigkeit. Mal ist das Brot zu trocken, mal ist das nicht gut. Sie sehen gar nicht, was wir alles tun. Ich wünsche mir manchmal, dass sie dankbarer sind.

Schwester Gaby: Die Anspruchshaltung war früher nicht so groß und viele haben verlernt, mit gesundheitlichen Problemen umzugehen. In der Notfallambulanz habe ich unglaubliche Geschichten erlebt. Da kommen nachts Leute, weil sie einen eingerissenen Fingernagel haben. Die jungen Leute wollen alle hoch hinaus, wenn sie auf der Nase liegen, wissen sie nicht, was sie tun sollen.

Ein letzter Vergleich: Früher herrschte im Krankenhaus eine klare Hierarchie zwischen Chefarzt und Assistenzarzt, zwischen Arzt und Pflege. Und heute sind alle per Du?

Schwester Gaby: Das hat sich geändert. Aber es gibt einige Fachabteilungen, in denen der Arzt noch der unumstrittene Herrscher ist. Das wird so bleiben.

Welche Abteilung?

Schwester Gaby: Die Unfallchirurgen sind durchweg Ellenbogenmenschen und Machos.

Schwester Nadja: Stimmt. Sie sehen über einen hinweg.

Ein Blick in die nahe Zukunft: Was halten Sie von der geplanten Zusammenlegung der Ausbildungsgänge für Krankenschwester und Altenpflege?

Schwester Nadja: Nicht so gut. Meine Ausbildung war sehr schwer. Wenn ich mir vorstelle, dass man demnächst auch noch alles über die Altenpflege lernen muss, bin ich skeptisch.

Könnten Sie sich vorstellen, eine Zeit lang im Altenheim zu arbeiten?

Schwester Nadja: Nein. Ich habe während meiner Ausbildung drei Wochen lang ein Praktikum in einem Pflegeheim gemacht. Ich fand es psychisch sehr anstrengend. Alle Bewohner auf der Station waren dement. Man konnte mit ihnen nicht reden, man erreichte sie nicht mehr. Es war furchtbar. Hut ab vor den Leuten, die dort über Jahre arbeiten.

Die Landesregierung gründet gerade eine Pflegekammer als neue berufsständische Vertretung. Was halten Sie davon?

Schwester Nadja: Ich weiß nicht, wozu die gut sein soll.

Schwester Gaby: Ich finde den Ansatz falsch. Es ist ein falscher Weg, sich als Pflege gegen die Ärzte positionieren zu wollen. Ich fürchte, dass eine Pflegekammer den Kampf zwischen den Berufsgruppen verschärft. Dabei haben wir schon genug Druck von Kassen und Behörden. Im Klinikalltag geht es um ein Geben und Nehmen, um Kooperation zwischen Pflege und Ärzten. Diese Zusammenarbeit sollten wir lieber stärken.

Interview: Gabi Stief

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