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"Wir hatten noch so viel vorgehabt"

Unglück an Bahnstrecke bei Kleefeld "Wir hatten noch so viel vorgehabt"

Zwei Tage nach dem Tod dreier junger Erwachsener auf einer Bahnstrecke bei Kleefeld sind viele Fragen noch offen. Einen gemeinsamen Suizid will die Polizei zwar weiterhin nicht völlig ausschließen, doch sie hält einen Unfall für wahrscheinlicher. Freunde geben derweil im Internet ihrer Trauer und Bestürzung Raum.

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Der Unfallort an der Karl-Wiechert-Allee.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“ steht in schlanken Lettern über den Wolken - auf einem Foto. Die junge Frau, die sich im Netz Bina T. nennt, hatte das Bild im August im sozialen Netzwerk Facebook hochgeladen, weil sie es schön fand. Nun ist es eine Art erste Seite in einem virtuellen Kondolenzbuch geworden. „Wir hatten noch so viel dieses Jahr vorgehabt, worauf wir uns so gefreut haben“, hat gestern eine Freundin aus Nordrhein-Westfalen unter das Bild geschrieben. Und: „Ruhe in Frieden, Maus.“

Bina T., 20 Jahre alt, lebt nicht mehr. Ein Güterzug erfasste sie und zwei Freunde in der Nacht zu Dienstag auf den Gleisen am Kleefelder S-Bahnhof Karl-Wiechert-Allee. Keiner der drei überlebte. Drei Tage nach dem Unglück bewegt eine Frage die Menschen, die sie gekannt hatten: Warum mussten die junge Frau aus Lehrte und die beiden jungen Männer sterben?

Polizei: Unfall wahrscheinlicher als Suizid

Einen gemeinsamen Suizid will die Polizei zwar weiterhin nicht völlig ausschließen, doch die Beamten halten einen Unfall für wahrscheinlicher. Berichte, wonach Bina T. und einer ihrer Freunde zum Unfallzeitpunkt nackt gewesen und ihre Kleider auf dem Bahnsteig gefunden worden sein sollen, wollte die Polizei zwar nicht bestätigen, aber ausdrücklich auch nicht dementieren. „Dazu äußern wir uns nicht“, sagt ein Sprecher.

In der Nähe des Bahnhofs Karl-Wiechert-Allee sind drei Menschen von einem Güterzug überrollt und getötet worden. Die Polizei untersuchte den Unfallort.

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Auch über die Identität des zweiten jungen Mannes wird offiziell noch geschwiegen. „Wir haben Hinweise, wer es sein könnte, aber noch keine hundertprozentige Sicherheit“, heißt es bei der Polizei. Soll heißen: Bevor nicht Angehörige den Leichnam zweifelsfrei identifiziert haben, gibt es keine Informationen, etwa über das Alter. Im Internet dagegen machen die Namen der Opfer schon seit Dienstagnachmittag die Runde, weil Freunde und Bekannte entsetzt auf das Unglück reagieren und sich in ihrer Trauer austauschen. Demnach stammen auch Nils B. und Felix H. aus Lehrte und gingen dort zur Schule.

Die Fotos von Nils B. im Netz zeigen einen jungen Mann im Kapuzenpulli mit jungenhaftem Gesicht, dunklen kurzen Haaren und schwarzer Hornbrille. Auf einem Bild blickt er leicht skeptisch in die Kamera, in einem Ohr steckt ein Kopfhörer. Bina T. hat das Bild mit einem Herzchen kommentiert. Dass Felix H. dagegen auf japanische Comics und Computerspiele steht, erkennt ein Besucher seines Facebook-Profils sofort. Er hat seinen Auftritt mit der grau-schwarzen Zeichnung eines Mannes geschmückt, der auf einem Friedhof entlanggeht, während ausgerissene Seiten aus einem Buch um ihn herumfliegen. Ein Bekannter kommentiert ein Foto von Felix vom vergangenen Oktober: Er finde es schade, dass Felix sich die blonden Haare schwarz färbe. Bei Bina T. wiederum findet man keine düster-romantischen Fotos. Selfies und Motive mit Freunden zieren ihren Facebook-Auftritt. Und dann gibt es da noch die lange Liste mit vergangenen und kommenden Partys, bei denen Bina T. auf „Bin dabei“ geklickt hat.

Bahn warnt vor Sog

Die Druckwelle von Zügen wird oft unterschätzt. Bei der Bahn heißt es sehr bildhaft, eine schnelle Lokomotive habe „einen Luftwiderstand wie eine Schrankwand“. Mit 4,50 Metern Höhe und rund drei Metern Breite rauschen etwa 13 Quadratmeter Fahrzeugfront über die Gleise. Sie schiebt eine enorme Luftsäule vor sich her, die sich dann direkt dahinter durch Verwirbelungen in einen Sog verwandelt. „Dieser Sog ist gefährlich für Taschen, Kinderwagen und natürlich auch Menschen“, sagt ein Bahnsprecher.

Bei Güterzügen ist der Sog wegen der Kanten und Ecken von Waggons und Ladung oft noch stärker als bei den relativ gleichmäßig geformten Personenzügen. Sollte an Unfallstellen jemand versuchen, einem Verunglückten zur Hilfe zu eilen, könnte er vom Sog mitgerissen werden. Ob sich so erklärt, dass beim hannoverschen Unfall alle drei Opfer verunglückten, will bei der Bahn ausdrücklich niemand kommentieren – die Ermittlungen liegen bei der Bundespolizei. An Bahnsteigen zeigt die weiße Linie einen Mindestabstand von 80 Zentimetern. An Gleisen, auf denen Hochgeschwindigkeitszüge Bahnhöfe passieren, hat die Bahn sogar Gitter installiert und fordert Wartenende auf, dahinter zurückzutreten.  Mehr Infos auf der Sicherheitsseite der Bahn.

Was aber haben diese drei am späten Montagabend am S-Bahnhof in Kleefeld gewollt, bepackt mit angebrochenen Flaschen Wodka, Whiskey, Orangensaft und Energydrinks? Warum sind sie auf die Gleise gegangen? Und warum sollen sich zwei von ihnen angeblich bei vier Grad ausgezogen haben? Haben sie möglicherweise noch weitere Drogen konsumiert, die sie die Kälte vergessen ließen und die Sinne nahmen, sodass sie den Güterzug nicht hörten? Welche Substanzen sie im Blut hatten, wird derzeit untersucht. Eine Obduktion sei momentan aber nicht geplant, wie ein Polizeisprecher sagt.

Doch auch in Lehrte wird seit Mittwoch über die Antworten gerätselt. „Es redet jeder davon, aber bisher weiß man nicht viel mehr als das, was in der Zeitung steht“, sagt die Bedienung eines Bistros in der Innenstadt. Eine junge Kioskverkäuferin am Bahnhof berichtet: „Heute war eine junge Frau hier, die mit zwei Opfern befreundet war.“ Natürlich sei sie „sehr traurig“ gewesen. Doch viele haben auch noch gar nichts von dem Unglück gehört, das drei junge Lehrter aus ihrer Mitte gerissen hat. „Wenn der Unfall hier bei uns gewesen wäre und nicht in Hannover, dann wäre das wohl anders“, vermutet ein Lehrter.

Vier Gleise für S-Bahnen, Schnell- und Güterzüge

Die Jugendlichen wollten von Hannover aus nach Hause in Richtung Lehrte fahren – anders lässt sich der Unfallort wegen der Lage der Bahngleise kaum erklären. An der Unglücksstelle liegen vier Gleise parallel, getrennt durch eine Lärmschutzwand in der Mitte. Auf den beiden nördlichen Gleisen verkehren die langsameren S-Bahnen zwischen Hannover und Lehrte: oben Richtung Hannover, unten Richtung Lehrte. Auf den beiden südlichen Gleisen rauschen Schnellzüge mit Tempo bis zu 160 Kilometern pro Stunde durch, sie halten nicht am Bahnhof Karl-Wiechert-Allee. Auf den südlichen Gleisen fahren, vor allem nachts, auch alle Güterzüge.

Vom Mittelbahnsteig des Haltepunkts wird der südliche Teil wegen des Schnellbahnverkehrs normalerweise nicht genutzt, sondern nur der nördliche Teil. Dort steigen Fahrgäste für die S-Bahn Richtung Lehrte ein und aus. Für die S-Bahn-Fahrgäste in Richtung Hannover ist extra ein Einzelbahnsteig gebaut. Die Rucksäcke der Jugendlichen lagen auf dem Mittelbahnsteig. Von dort aus müssen sie zu den Schnellbahngleisen geklettert und dann vom Güterzug überrascht worden sein. Täglich sind auf der viel befahrenen Strecke durchschnittlich 350 Züge unterwegs.

isc/cli/med     

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