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Aus der Stadt Ganz Hannover ist Weltkulturerbe
Hannover Aus der Stadt Ganz Hannover ist Weltkulturerbe
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00:16 21.07.2015
Von Gunnar Menkens
Nur Linden soll Weltkulturerbe werden? Hannover hat noch mehr Außergewöhnliches: den Schrägaufzug im Rathaus, das Schützenfest, und und und... Quelle: dpa/Archiv
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Ein Weltkulturerbe, das seinen Namen verdient, muss schon was zu bieten haben: Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität. Orte also, die für mehr stehen als sich selbst. Dokumente des Menschseins. In Linden-Limmer haben sie solch einen Ort entdeckt. Er heißt: Linden-Limmer. In aller Bescheidenheit. Bezirksratspolitiker haben beschlossen, der Stadtteil, obwohl Teil des Gesamtkunstwerks Hannover, möge in die Liste herausragender Kulturleistungen der Menschheitsgeschichte aufgenommen werden. Ein starker Antritt.

Aber Vorsicht: Wer ein Weltkulturerbe zur Welt bringen will, sollte vor der Geburt unbedingt für eine Schwangerschaft sorgen. Wöchentliche Trinkfeste auf der zentralen Hauptflaneursstraße überzeugen keine Jury, die nicht selbst einen im Kahn hat. Da fehlt das Alleinstellungsmerkmal, wenngleich der Rausch wesentliches Merkmal des Menschseins ist. Linden-Limmer hat mehr im Portfolio, sonst hätten sie das ja niemals beschlossen. Das echt authentische Ihme-Zentrum - Symbol für Geburt und Vergänglichkeit. Die drei warmen Brüder - Schornsteine, die für Toleranz aufrecht stehen und damit ja wohl auch ein Stück weit für Integrität. Eine dramatische Dauerbaustelle am Schwarzen Bären - einzigartig in Verpeilung, Unfertigkeit und Unberechenbarkeit, wie ja auch der Mensch ...

Hier werden Touristen stehen, in neu aufgelegten Reiseführern blättern, die Rubrik „Sehenswert!“ suchen und Antwort auf ihre Frage nach diesem drolligen Namen: „Schwarzer Bär, Schwarzer Bär, wo kommt das denn her?“ Ein paar Straßen weiter dann endlich: der Arbeiter. Oder, wie es im Genderstadtteil korrekt heißen muss: ArbeiterInnen, Ikone des Lindeners, verherrlicht im Schrifttum, vergessen beim Latte macchiato. Womöglich sogar echte Arbeiter, sonst müssten vielleicht Staatsschauspiel oder Jobcenter aushelfen. Wohnen im roten Backstein, daneben die letzte SPD-Baracke. Neoromantik. Arbeitertum ist für Linden, was die Herrenhäuser Gärten fürs Stadtmarketing: Wenn nichts mehr geht, das geht immer.

Insgesamt also eine tolle Idee der Politiker, die nicht verzagt, sondern neue Perspektiven sucht. Leider kann man sich ausrechnen, was ein Weltkulturerbetitel bedeutet. Touristenströme. Müll. Erhöhter Kohlendioxidausstoß durch Flugreisende aus den USA, Japan und Berchtesgaden. Leute, die sich im freakigen Linden nicht an Tipps aus Reiseführern halten, die noch zu schreiben sein werden: Der Lindener versteht sich als freier Mensch, der sich ungern Weisungen unterwirft. Selbst wenn es einmal im Restaurant sehr lange dauern kann: Fragen Sie nicht nach, wo Ihre Bestellung bleibt. Sie riskieren eine maulige Antwort.

Aber aufgepasst, Linden-Limmerer. Zu den ersten Weltkulturerben gehörte L’Anse aux Meadows, ein Ort in Kanada, hier siedelten Wikinger. Noch so ein Stamm mit Sendungsbewusstsein weit über die eigenen Hütten hinaus. Und was ist mit denen passiert? Ausgestorben wie die Dinosaurier.

Das wünscht natürlich niemand. Nicht einmal die Leute im übrigen Hannover, die sich fragen könnten, ob die jetzt wieder spinnen in Linden. Oberbürgermeister Stefan Schostok könnte es gar wieder für eine „Provokation“ halten, wie sich dort ganz unsolidarisch eine Gruppe hervortun will, um interessanter zu erscheinen als etwa Steuerzahler in Kirchrode. Es gibt ja auch anderswo genügend Schönheit, um Kriterien einer Jury zu genügen. Im Rathaus etwa der einzige Schrägaufzug der Welt, außer in Paris. Anleingebote für Hunde, um bodenbrütende Zaunkönige zu schützen, zweifellos eine zivilisatorische Leistung. Was noch? Die Gärten, ach so, schon erwähnt. Das größte Schützenfest der Welt. Das dreiwöchigste Maschseefest. Wer nur ein bisschen überlegt, kommt schnell darauf: Ganz Hannover ist Weltkulturerbe. Jetzt muss Schostok übernehmen.

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