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96, kalte Liebe

Unterm Strich 96, kalte Liebe

Hannover 96 droht der Abstieg aus der Fußball-Bundesliga - und der Rest der Stadt quittiert das mit Lethargie und Desinteresse. Warum? Weil der Club aktuell für wenig steht - meint unser Redakteur Felix Harbart.

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96-Fans im Stadion in Hannover.

Quelle: Symbolbild

Hannover. Hannovers Marketingchef Hans Nolte hat in dieser Woche etwas scheinbar Unerhörtes gesagt: Auf die Frage, warum die Stadt keine Kampagne zugunsten des strauchelnden Fußball-Bundesligisten Hannover 96 starte, sagte er, um das zu tun, brauche man ein starkes Produkt. „Das fehlt derzeit.“ Unverschämt. Und doch wahr.

Hannover 96, ein Produkt?

Vielleicht ist es an der Zeit, über Hannover 96 nicht mehr so sehr als „Produkt“ zu sprechen. Zuletzt ging es zu häufig um „die Marke“: „Die Marke 96 ist zurzeit noch stark bezogen auf das Produkt Fußball“, sagte Präsident Martin Kind etwa im Jahr 2011. 96 schwamm auf einer Welle des Erfolges, und Kind versuchte, den Verein „stabil aufzustellen“. Der Club leierte allerlei an, um auch überregional Beachtung zu finden. Man brauche eine „höhere Stabilität - auch bei Misserfolgen“, sagte Kind.

Heute steht 96 vor dem Abstieg. Und nicht nur, dass das überregional kaum jemanden betrübt - selbst in der Region machen sich Lethargie und Desinteresse breit. Von Kampfgeist, der angesichts von zwölf ausstehenden Spielen durchaus noch angebracht wäre, kaum eine Spur. Woran liegt das?

Fotos vom Hannover-96-Training am 24. Februar. Mit dabei sind auch wieder André Hoffmann und Kenan Karaman.

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Man könnte jetzt auf die Idee kommen, die Fußballfans in Hannover seien grundsätzlich Schönwetterfans, die nur kommen, wenn es gut läuft. Natürlich gibt es diese Fans wie in jeder Stadt auch in Hannover, dennoch wäre der Vorwurf insgesamt ungerecht. Die 96-Sympathisanten haben oft gezeigt, dass sie kommen, wenn sie sich mit ihrer Mannschaft identifizieren können.

So war es in der 3. Liga

Nach dem Abstieg in die 3. Liga Ende der Neunzigerjahre etwa sorgte 96 bei seinen Gegnern stets für volle Provinzstadien, auch die Heimspiele waren gut besucht. Der Grund war eine junge Mannschaft mit Talenten aus der Region und von anderswo, die in Hannover eine glänzende Karriere starteten - Otto Addo, Gerald Asamoah, Fabian Ernst oder Sebastian Kehl etwa. Auch national stand 96 damals für etwas: Für einen ehemaligen Pleiteclub nämlich, der sich zum Talentschuppen mauserte.

Aber wofür steht Hannover 96 heute? Tja. Eben.

Talentschuppen war gestern

Die Zeiten als Talentschuppen jedenfalls sind vorbei. Während die Vereinsführung das Ziel von der „starken nationalen Marke“ im Auge hatte, bröselte in der Eilenriede das Jugendleistungszentrum vor sich hin - in vielerlei Hinsicht. Zuletzt kamen von dort mehr Skandale als Jungprofis. In der Jugendarbeit sei jahrelang viel versäumt worden, sagte der neue Geschäftsführer Martin Bader zuletzt in der HAZ. Das war ein Offenbarungseid. Währenddessen kaufte der Verein teure Spieler aus aller Herren Länder zusammen, die kamen, nach erfolgreichem Torschuss das Wappen küssten und wieder verschwanden.

Natürlich: Es gab eine Zeit, in der Hannover 96 pleite war und nichts mehr brauchte, als seriös geführt zu werden. Das tat Martin Kind, als die Not am größten war, und er rettete damit einen siechen Klub. Inzwischen hat er den Profifußball als Firma ausgegründet, die ihm de facto gehört. Und nun steht er ratlos vor dem Widerspruch, dass die teuerste 96-Mannschaft aller Zeiten die schlechteste seit dem Bundesliga-Wiederaufstieg im Jahr 2002 ist.

Eben doch nicht nur ein Produkt

Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass ein Fußballverein nur begrenzt als Wirtschaftsunternehmen zu führen ist. Natürlich hilft viel Geld dabei, erfolgreich Fußball zu spielen. Aber wenn man nicht gerade einen fernen Scheich als Eigentümer hat, hängt viel davon ab, wie Menschen zusammenarbeiten. Spieler miteinander. Manager mit Trainern. Präsidenten mit Managern. Und da hatte 96 zuletzt jahrelang deutliche Schwächen.

Nichts gegen die Hoffnung, die zuletzt stirbt. Wahrscheinlicher als der Klassenerhalt ist allerdings, dass sich die 96-Firma in der zweiten Liga neu erfindet, vielleicht mit Rückgriffen auf die Vergangenheit. Wenn sie das überzeugend tut, ist die Stadt auch wieder dabei.

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