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„Jammern hilft nicht weiter, wenn Leute fehlen“

Unternehmen und Flüchtlinge „Jammern hilft nicht weiter, wenn Leute fehlen“

Unternehmen in Hannover qualifizieren zehn Flüchtlinge für eine Ausbildung. Sechs schaffen den Sprung, vier bekommen noch Zeit. Viele bürokratische Hürden und Fragen stehen im Raum und der Ansprechpartner in den Behörden fehlt häufig. Gibt es dennoch einen Hoffnungsschimmer für die Unternehmen?

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Ein Stück Polyester für Fahrzeuge? Meister Marco Messal (Mitte) zeigt den Flüchtlingen Rahmatullah Kamran (links) und Hekmat Kheder, um was es geht.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Am kommenden Montag beginnt ein junger Mann aus Afghanistan ein neues Leben. In Hainholz, Siegmundstraße 17, als Lehrling für den Beruf des Fachlageristen. Sein Arbeitgeber ist die Vereinigte Schmirgel- und Maschinen-Fabriken (VSM), sie zahlt ihm 900 Euro im Monat, und wenn alles gut läuft, dann hat der Flüchtling Rahmatullah Kamran, 24, in zwei Jahren seine Chance genutzt. Hängt er zwölf Monate dran, kann er es bis zum Meister bringen. Im Betrieb nehmen sie den künftigen Kollegen als zielstrebigen Menschen wahr. Er spricht gut Deutsch, sein größtes Problem sind die Umstände seines Lebens. Wenn er schlafen oder lernen will, interessiert das seine Mitbewohner im Flüchtlingsheim kaum. „Lernen im Zimmer, das geht nicht.“ Kamran muss um fünf Uhr morgens raus, die anderen nicht, umso mehr haben sie Zeit für späte Stunden. Ruhe kehrt in Kamrans Nächten erst spät ein.

Dass Flüchtlinge Gelegenheit für eine Ausbildung bekommen, ist noch immer eine Besonderheit im Wirtschaftsleben. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ haben die 30 Dax-Konzerne zusammen nur 54 Flüchtlinge eingestellt. Hinter der Qualifizierung von Rahmatullah Kamran und seinem syrischen Kollegen Hekmat Kheder, 23, steckt die Initiative von sechs Unternehmen, die sich vor fünf Jahren zusammengeschlossen haben, um dem erwarteten Mangel an Facharbeitern zu begegnen. Der Versuch mit Flüchtlingen, jetzt abgeschlossen, zählte dazu.

„Ich bin positiv überrascht, dass es so gut geklappt hat.“

Personalchef Fritz Kelle begleitete das Projekt bei VSM. Das Unternehmen beschäftigt in Hannover 450 Mitarbeiter, und Kelle, der in einem früheren Leben einen Abschluss zum Diplom-Pädagogen gemacht hat, weiß aus Erfahrung, dass es in der Personalentwicklung auf zwei Dinge ankommt: „das Können und das Wollen“. Später nennt er noch ein besonderes Kriterium: die Bereitschaft der Belegschaft, Flüchtlinge zu akzeptieren, was kein Problem gewesen sei. Kelles Fazit nach drei Monaten Sprachkurs und drei weiteren Monaten Praktikum: „Ich bin positiv überrascht, dass es so gut geklappt hat.“

Im Kern ging es darum, Flüchtlinge  für eine Ausbildung zu qualifizieren. Stadt und Region Hannover halfen in Unterkünften bei der Suche nach Kandidaten, es folgte eine Art Speed-Dating, um sich kennenzulernen. Insgesamt 13 Flüchtlinge begannen in den sechs Unternehmen Praktika, an deren Ende jetzt sechs Ausbildungsverträge stehen. Vier junge Männer werden ein weiteres Jahr auf eine Lehre vorbereitet, was bedeutet, dass sie Zeit brauchen, besser Deutsch zu lernen. Kelle stellt fest: Jeder gewinnt. Die Unternehmen haben Nachwuchs gefunden in Berufen, für die junge Leute fehlen, die Migranten haben Arbeit, eine Perspektive und die Chance auf ein selbstständiges Leben in Deutschland. „Wir sehen das als Erfolg.“ Drei Flüchtlinge schieden aus, es ging um mangelnde Bildung und Motivation.

Fachkräfte fehlen

Industrieelektriker, Zerspanungsmechaniker, Drehtechniker, Maschinen- und Anlagenführer, das sind technische Berufe, für die Fachkräfte fehlen. Aus der Wirtschaft kommt nicht selten der Vorwurf, junge Menschen verließen Schulen oft unfähig für eine Ausbildung. In früheren Jahrgängen des Projekts „Fit für die Ausbildung“, das benachteiligten Jugendlichen Lehrstellen zu vermitteln versuchte, erlebte Personalchef Fritz Kelle selbst, dass es mitunter sehr an Fähigkeiten und Interesse fehlte, am Können und am Wollen. „Aber das Jammern hilft mir nicht weiter, wenn mir Leute fehlen.“ Deshalb haben sie die Ausbildungsinitiative auf Flüchtlinge erweitert.  Man müsse sich eben, sagt Kelle, von Idealvorstellungen bei Bewerbern verabschieden.

Die Arbeitgeber haben noch mehr dazugelernt. Deutschkurse müssen getrennt werden, je nach Niveau der Teilnehmer. VSM überlegt zudem, ob man seine neuen Lehrlinge in einer gemeinsamen Wohnung unterbringt, damit sie dem Lärm der Heime entkommen. Unternehmen wünschen sich außerdem bei Behörden einen einzigen Ansprechpartner, wenn es um schwer durchschaubare Fragen des Aufenthaltsrechts geht und darum, was Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt dürfen und, eher noch, was nicht. Auch der Mindestlohn, den Praktikanten bekommen, ist Fritz Kelle zufolge ein Problem. Ihm gefiele es besser, wenn er erst vom fünften statt vom dritten Monat an gezahlt werden müsste, damit nicht ungelernte Flüchtlinge mehr Geld verdienten als etwa weit kompetentere Auszubildende kurz vor ihrem Abschluss.

VSM übernimmt alle vier seiner Flüchtlinge. Zwei erhalten einen Ausbildungsvertrag, zwei machen ein Jahr weiter. Klar ist: Die Flüchtlinge wollen bleiben. Zurück nach Syrien, in den Krieg? Hekmat Kheder, der Syrer, der sein Deutsch verbessern muss, schüttelt den Kopf: „Krieg?“, fragt er, „nein.“

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