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Aus der Stadt Verein will Flusswasserkunst wieder aufbauen
Hannover Aus der Stadt Verein will Flusswasserkunst wieder aufbauen
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20:37 23.04.2009
Von Conrad von Meding

Sie wollen Hannovers alte Flusswasserkunst am Friederikenplatz wieder aufbauen und sich auch andernorts in der Stadt für die „Steigerung der städtebaulichen Attraktivität“ einsetzen: Gestern Abend haben gut ein Dutzend Gründungsmitglieder den Verein „Hannoversche Stadtbaukultur“ ins Leben gerufen.

Ein Stück weit war Hannovers neuer Baudezernent Uwe Bodemann Auslöser für die Initiative. Im Stadtrundgang mit der HAZ hatte er im April eher beiläufig gesagt, Hannover müsse „langfristig“ über eine neue Bebauung am Standort der 1963/64 abgerissenen Wasserkunst nachdenken, weil der Platz ohne ein Bauwerk „unräumig“ wirke. Ob er den Originalbau oder etwas Modernes wollte, ließ er offen. Schon damals warnte er allerdings: „Ein Gebäude auf einer Brücke – das wird teuer“ – es müsse Investoren und sinnvolle Nutzungen dafür geben.

Darum will sich der neue Verein nun kümmern. In jedem Fall sollten in einer neuen Wasserkunst, dem jahrhundertealten Standort innerstädtischer Wassergewinnung, Turbinen zur Stromerzeugung installiert werden, hieß es gestern Abend. Eine Kontaktaufnahme mit den Stadtwerken hat es schon gegeben, eine Wirtschaftlichkeitsberechnung ist in Arbeit. Was im übrigen Gebäude passieren soll, da ist der Verein noch offen. Vorrangig gehe es darum, Hannover „ein Wahrzeichen zurückzugeben“, das „Identität“ stiftet, hieß es: Der Abriss sei „ein Frevel an der Seele der Stadt“ gewesen. Deshalb steht es für die Gründungsmitglieder auch außer Frage, dass das Gebäude in der historisierenden Form wieder aufgebaut werden soll, mit der Architekt Hubert Stier 1895 den Planerwettbewerb gewonnen hatte.

Der Verein will Investoren und Sponsoren für seine Idee gewinnen. Aktuell will er zudem verhindern, dass der geplante Plenarsaalneubau für den Landtag zu dicht ans Wasserkunstgebäude grenzt und einen Wiederaufbau damit auf lange Sicht verhindert. Später will man sich aber auch für den Erhalt anderer stadtbildprägender Bauten stark machen – wozu ausdrücklich auch Bauwerke der fünfziger und sechziger Jahre zählen. Der Jurist Felix Hoffmeyer wurde zum Vorsitzenden gewählt, seine Stellvertreter sind der Student Carsten Schepers und der Controller Christian von Spreckelsen.

„Der Platz ist Bedeutungsvollerem zugedacht“

Im Jahr 1962 räsonierte HAZ-Redakteur Friedrich Lüddecke über „Baukünstler, die es 1898 ausgezeichnet verstanden, ein Wasserwerk wie ein Schloss aussehen zu lassen, während sie heute durchaus Nachfolger haben, die ein ,Palais“ zum Verwechseln ähnlich mit Wasserwerken gestalten“. Ob er mit dem modernen „Palais“ den benachbarten Landtags-Plenarsaal meinte, der kurz zuvor als Leineschloss-Erweiterung errichtet worden war, ist nicht bekannt. Mit dem schlossähnlichen Bau jedenfalls meinte er Hannovers Flusswasserkunst, jenes von Zinnen und Türmchen übersäte Großbauwerk, über das damals gerade das Urteil gefällt war. Es lautete auf Abriss, denn: „Der Platz, auf dem es steht, ist Bedeutungsvollerem zugedacht“, wie der Autor mit einem Anflug von Zynismus schrieb.

Es war nämlich mitnichten so, dass die Wasserkunst baufällig war. Selbst ein Kriegstreffer hatte nur die Turmhaube demoliert. Es war auch nicht so, dass sie überflüssig war: Zum Ersatz musste ein neues Pumpwerk in der nahen Culemannstraße gebaut werden. Das versorgte ein fast 100 Kilometer langes Rohrnetz mit Flusswasser aus der Leine, mit dem die Stadt Grünanlagen sprengte und Abwasserkanäle spülte – so wurde kostbares Trinkwasser gespart. Es war auch nicht so, dass der „etwas Bedeutungsvollerem“ gewidmete Platz etwa einem Neubau zugedacht war. Der Platz sollte Mittelpunkt des Regierungsviertels werden – und deshalb schlichtweg frei bleiben.

Damals war noch die Hoffnung, dass der Ministerpräsident sich eine Staatskanzlei auf dem Gelände des ebenfalls abzureißenden Friederikenschlösschens schräg gegenüber bauen würde. Dorthin und zur Marktkirche, zur Waterloosäule, zum Hauptstaatsarchiv und natürlich auf den Landtagssitz Leineschloss sollten die Passanten freie Sicht haben, die dort in Scharen entlangflanieren würden. Das dachte man zumindest damals. Die Realität zeigt heute: Die große Freifläche am Landtag ist trostlos, niemand kommt auf die Idee, dort zu flanieren. Und die Kreuzung am Friederikenplatz ist völlig überdimensioniert – am Standort der Wasserkunst fehlt nach weitgehend übereinstimmender Meinung von Städtebauexperten ein Bauwerk als „Tor zur Altstadt“.

Die renaissancehaft verzierte Flusswasserkunst, die nach Plänen des Architekten Helmut Stier errichtet wurde, war nicht nur von außen ein echtes Schmuckstück. Kurz vor dem Abriss zeigte die HAZ noch Bilder aus dem Inneren. Blitzeblank geputzte Hanomag-Pumpmaschinen strahlten Redakteur Hans Reichelt und seinen Fotografen Wilhelm Hauschild im August 1963 an, als sie der „Alten Kunst“ den letzten Besuch abstatteten. Blauweiße Delfter Kacheln, eine in leuchtenden Farben bemalte Holzdecke und ein mehrere Meter hohes Wandgemälde zur Geschichte der Brunnenbaukunst waren zu bestaunen. Dem Redakteur kamen damals Bedenken: Es „weckt durchaus ein Bedauern, dass dies nun verschwinden muss“, schrieb Reichelt vor 45 Jahren.

Heute würde man wohl ein Technikmuseum in dem Bauwerk einrichten, in dem dann die Geschichte der Trinkwassergewinnung gezeigt würde. Oder es als exklusives Hotel nutzen, wie es wenige Meter weiter flussabwärts am Hohen Ufer geplant war. Oder darin die Staatskanzlei einrichten – schließlich ist sie immer noch nicht im Regierungsviertel gebaut. Der frisch gegründete Förderverein für Baukultur wird solche Nutzungsmöglichkeiten für einen Wiederaufbau wohl ausloten.

Immerhin hat sich die alte Flusswasserkunst nach Kräften gegen ihren Abriss gesträubt. Zehn Wochen Abbruchzeit waren zunächst kalkuliert worden, und diese lange Zeitspanne auch nur deshalb, weil der „Rückbau“ nicht so brachial erfolgen sollte wie beim kurz zuvor beseitigten Gefängnisbau. Trotzdem dauerte es länger. Ständig brachen die Meißel am harten Stein, und besonders der 32 Meter hohe Wasserturm widersetzte sich der Zerstörungswut. Das ging so lange, bis es dem Bauunternehmer reichte und er nach mittlerweile sechs Monaten Bauzeit doch die Abrissbirne kommen ließ. Mit schlimmen Folgen: Der gesamte Turmhelm krachte auf die Karmarschstraße.

Da war schon längst aus dem Gebäude geholt, was rauszuholen war – die Stadt hatte versprochen, wichtige Bauteile für spätere Generationen aufzubewahren. Etwa die in einer Außenmauer eingemauerten Kanonenkugeln oder das Bronzerelief vom Eingang. Später wurde dann doch nicht so genau darauf geachtet, was wo blieb. Ein HAZ-Leser entdeckte Anfang der achtziger Jahre einen 30 Zentner schweren, steinernen Neptunkopf von der Flusswasserkunst an einer Hauswand in Stadtoldendorf. Das Haus gehörte einem Steinmetz. Er habe schlicht vergessen, das Stück nach der Restaurierung zurückzugeben, entschuldigte er sich später. Der Neptun hängt jetzt mit anderen Reliefs an der Seitenmauer des Leinebetts am Landtag, dort, wo nur noch ein Rauschen an die alte Flusswasserkunst erinnert.

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