Sie wollen Hannovers alte Flusswasserkunst am Friederikenplatz wieder aufbauen und sich auch andernorts in der Stadt für die „Steigerung der städtebaulichen Attraktivität“ einsetzen: Gestern Abend haben gut ein Dutzend Gründungsmitglieder den Verein „Hannoversche Stadtbaukultur“ ins Leben gerufen.
Ein Stück weit war Hannovers neuer Baudezernent Uwe Bodemann Auslöser für die Initiative. Im Stadtrundgang mit der HAZ hatte er im April eher beiläufig gesagt, Hannover müsse „langfristig“ über eine neue Bebauung am Standort der 1963/64 abgerissenen Wasserkunst nachdenken, weil der Platz ohne ein Bauwerk „unräumig“ wirke. Ob er den Originalbau oder etwas Modernes wollte, ließ er offen. Schon damals warnte er allerdings: „Ein Gebäude auf einer Brücke – das wird teuer“ – es müsse Investoren und sinnvolle Nutzungen dafür geben.
Darum will sich der neue Verein nun kümmern. In jedem Fall sollten in einer neuen Wasserkunst, dem jahrhundertealten Standort innerstädtischer Wassergewinnung, Turbinen zur Stromerzeugung installiert werden, hieß es gestern Abend. Eine Kontaktaufnahme mit den Stadtwerken hat es schon gegeben, eine Wirtschaftlichkeitsberechnung ist in Arbeit. Was im übrigen Gebäude passieren soll, da ist der Verein noch offen. Vorrangig gehe es darum, Hannover „ein Wahrzeichen zurückzugeben“, das „Identität“ stiftet, hieß es: Der Abriss sei „ein Frevel an der Seele der Stadt“ gewesen. Deshalb steht es für die Gründungsmitglieder auch außer Frage, dass das Gebäude in der historisierenden Form wieder aufgebaut werden soll, mit der Architekt Hubert Stier 1895 den Planerwettbewerb gewonnen hatte.
Der Verein will Investoren und Sponsoren für seine Idee gewinnen. Aktuell will er zudem verhindern, dass der geplante Plenarsaalneubau für den Landtag zu dicht ans Wasserkunstgebäude grenzt und einen Wiederaufbau damit auf lange Sicht verhindert. Später will man sich aber auch für den Erhalt anderer stadtbildprägender Bauten stark machen – wozu ausdrücklich auch Bauwerke der fünfziger und sechziger Jahre zählen. Der Jurist Felix Hoffmeyer wurde zum Vorsitzenden gewählt, seine Stellvertreter sind der Student Carsten Schepers und der Controller Christian von Spreckelsen.
„Der Platz ist Bedeutungsvollerem zugedacht“
Im Jahr 1962 räsonierte HAZ-Redakteur Friedrich Lüddecke über „Baukünstler, die es 1898 ausgezeichnet verstanden, ein Wasserwerk wie ein Schloss aussehen zu lassen, während sie heute durchaus Nachfolger haben, die ein ,Palais“ zum Verwechseln ähnlich mit Wasserwerken gestalten“. Ob er mit dem modernen „Palais“ den benachbarten Landtags-Plenarsaal meinte, der kurz zuvor als Leineschloss-Erweiterung errichtet worden war, ist nicht bekannt. Mit dem schlossähnlichen Bau jedenfalls meinte er Hannovers Flusswasserkunst, jenes von Zinnen und Türmchen übersäte Großbauwerk, über das damals gerade das Urteil gefällt war. Es lautete auf Abriss, denn: „Der Platz, auf dem es steht, ist Bedeutungsvollerem zugedacht“, wie der Autor mit einem Anflug von Zynismus schrieb.
Es war nämlich mitnichten so, dass die Wasserkunst baufällig war. Selbst ein Kriegstreffer hatte nur die Turmhaube demoliert. Es war auch nicht so, dass sie überflüssig war: Zum Ersatz musste ein neues Pumpwerk in der nahen Culemannstraße gebaut werden. Das versorgte ein fast 100 Kilometer langes Rohrnetz mit Flusswasser aus der Leine, mit dem die Stadt Grünanlagen sprengte und Abwasserkanäle spülte – so wurde kostbares Trinkwasser gespart. Es war auch nicht so, dass der „etwas Bedeutungsvollerem“ gewidmete Platz etwa einem Neubau zugedacht war. Der Platz sollte Mittelpunkt des Regierungsviertels werden – und deshalb schlichtweg frei bleiben.
Damals war noch die Hoffnung, dass der Ministerpräsident sich eine Staatskanzlei auf dem Gelände des ebenfalls abzureißenden Friederikenschlösschens schräg gegenüber bauen würde. Dorthin und zur Marktkirche, zur Waterloosäule, zum Hauptstaatsarchiv und natürlich auf den Landtagssitz Leineschloss sollten die Passanten freie Sicht haben, die dort in Scharen entlangflanieren würden. Das dachte man zumindest damals. Die Realität zeigt heute: Die große Freifläche am Landtag ist trostlos, niemand kommt auf die Idee, dort zu flanieren. Und die Kreuzung am Friederikenplatz ist völlig überdimensioniert – am Standort der Wasserkunst fehlt nach weitgehend übereinstimmender Meinung von Städtebauexperten ein Bauwerk als „Tor zur Altstadt“.
Die renaissancehaft verzierte Flusswasserkunst, die nach Plänen des Architekten Helmut Stier errichtet wurde, war nicht nur von außen ein echtes Schmuckstück. Kurz vor dem Abriss zeigte die HAZ noch Bilder aus dem Inneren. Blitzeblank geputzte Hanomag-Pumpmaschinen strahlten Redakteur Hans Reichelt und seinen Fotografen Wilhelm Hauschild im August 1963 an, als sie der „Alten Kunst“ den letzten Besuch abstatteten. Blauweiße Delfter Kacheln, eine in leuchtenden Farben bemalte Holzdecke und ein mehrere Meter hohes Wandgemälde zur Geschichte der Brunnenbaukunst waren zu bestaunen. Dem Redakteur kamen damals Bedenken: Es „weckt durchaus ein Bedauern, dass dies nun verschwinden muss“, schrieb Reichelt vor 45 Jahren.
Heute würde man wohl ein Technikmuseum in dem Bauwerk einrichten, in dem dann die Geschichte der Trinkwassergewinnung gezeigt würde. Oder es als exklusives Hotel nutzen, wie es wenige Meter weiter flussabwärts am Hohen Ufer geplant war. Oder darin die Staatskanzlei einrichten – schließlich ist sie immer noch nicht im Regierungsviertel gebaut. Der frisch gegründete Förderverein für Baukultur wird solche Nutzungsmöglichkeiten für einen Wiederaufbau wohl ausloten.
Immerhin hat sich die alte Flusswasserkunst nach Kräften gegen ihren Abriss gesträubt. Zehn Wochen Abbruchzeit waren zunächst kalkuliert worden, und diese lange Zeitspanne auch nur deshalb, weil der „Rückbau“ nicht so brachial erfolgen sollte wie beim kurz zuvor beseitigten Gefängnisbau. Trotzdem dauerte es länger. Ständig brachen die Meißel am harten Stein, und besonders der 32 Meter hohe Wasserturm widersetzte sich der Zerstörungswut. Das ging so lange, bis es dem Bauunternehmer reichte und er nach mittlerweile sechs Monaten Bauzeit doch die Abrissbirne kommen ließ. Mit schlimmen Folgen: Der gesamte Turmhelm krachte auf die Karmarschstraße.
Da war schon längst aus dem Gebäude geholt, was rauszuholen war – die Stadt hatte versprochen, wichtige Bauteile für spätere Generationen aufzubewahren. Etwa die in einer Außenmauer eingemauerten Kanonenkugeln oder das Bronzerelief vom Eingang. Später wurde dann doch nicht so genau darauf geachtet, was wo blieb. Ein HAZ-Leser entdeckte Anfang der achtziger Jahre einen 30 Zentner schweren, steinernen Neptunkopf von der Flusswasserkunst an einer Hauswand in Stadtoldendorf. Das Haus gehörte einem Steinmetz. Er habe schlicht vergessen, das Stück nach der Restaurierung zurückzugeben, entschuldigte er sich später. Der Neptun hängt jetzt mit anderen Reliefs an der Seitenmauer des Leinebetts am Landtag, dort, wo nur noch ein Rauschen an die alte Flusswasserkunst erinnert.
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Kommentare
Mehr Sachlichkeit Pro – 26.04.09
Sorry, meine beiden Vorredner. Ihr habt mich nicht richtig verstanden. Es geht mir darum, dass man die Initiatoren nicht wie in Dresden auch, als Spinner brandmarkt. Was hat das bitte mit Geschichtsverständnis zu tun! Was die Beurteilung die Architektur, Baugeschichte angeht, habe ich nichts dergleichen gesagt - ich bezweifle, dass das überhaupt jemand kann.Dresden? Ludwig G. – 25.04.09
Das ist ja wohl nicht vergleichbar! Die Frauenkirche passt sich in ein entsprechendes Ensemble von Bauten ein, während die Wasserkunst heute eher wie ein Fremdkörper wirken würde. Ausserdem ist der Aufbau der Frauenkirche sehr umstritten gewesen, sollten die Trümmer doch immer ein Denkmal gegen den Krieg sein.Nicht vergleichbar Lutz Jansen – 25.04.09
Dresdner Frauenkirche ? Ach du meine Güte, ein Minimum an Geschichtsverständnis sollte man doch haben. Die Kirche ist (bzw. war) ein fast 300 Jahre altes barockes Meisterwerk, welches im Kontext seiner Zeit gebaut wurde. Dazu noch eines der Zentren des Protestantismus. Trotzdem hat man über den Wiederaufbau sehr gestritten.Die Wasserkunst wurde Ende des 19. Jahrhunderts in einem wild-romantischen, das Deutsche Mittelalter idealisierenden Stil gebaut. Noch dazu mit einem, nach meiner Meinung, sehr schwerblütigen und plumpen Ergebnis. Dabei hatte sie mit Hannoverscher Geschichte damals wie heute überhaupt nichts zu tun, sondern war eine reine Erfindung ihrer Erbauer. Wenn man diesen Bereich der Innenstadt wieder attraktiver gestalten will, dann könnte man der Markthalle ihr ursprüngliches Aussehen wiedergeben. Das wäre dann wenigtens authentisch.
Hannover hat ein Recht auf schöne Architektur! Pro – 24.04.09
Die Argumente gegen die Flusswasserkunst dins immer dieselben belanglosen Kommentare ("Spinner", "Kleinbürgertum", "Warum nicht gleich die Mauer wieder aufbauen", blablabla) Hallo?! Auch in Dresden wurden die Initiatoren mal als Spinner abgefertigt. Und heute? Die Frauenkirche ist gar nicht mehr wegzudenken.Anachronismus Stier – 24.04.09
Dies ist eine Phantomdiskussion, weil die Chance auf eine Realisierung gleich Null ist. Und das ist gut so. Anachronismus hat im Stadtbild nichts zu suchen. Für nostalgische Männerphantasien sind Modelleisenbahnanlagen besser geeignet.Verunstaltet? J.P. Nielsen/USA – 24.04.09
Stadtentwicklung/Neubauten sind immer etwas Dynamisches, Veränderung ist der konstante Faktor auch im Aussehen einer Stadt. "Verunstaltet" ist Ausdruck eines Geschmackes, der im Auge des Betrachters liegt und daher individuell ist. Dieses als Motivation für die Rekonstruktion einer Wasserkunst zu bemühen, ist schon recht arm an Argumentation. Hannover hat Bauten aus allen Epochen und Zeiten, und das ist auch gut so. Warum sollte man ständig alte Gemäuer wieder aufbauen? Die Mauer will doch auch niemand zurück, oder?Rückwärts = Vorwärts Pro – 24.04.09
Hannover hat eine Rekonstruktion dringend nötig. Architekten haben die Stadt genug verunstaltet (Ihme-Zentrum, Bredero, Ernst-August-Gallerie). Alles Bauten ohne Bezug zu Hannover. Nur, weil man etwas Altes aufbaut, heißt es nicht, dass man rückwärtsgewandt sei. Das sind die Architekten selbst, da sie intolerant alles verdammen, was nicht "modern" ist.P.S.: Wenn der Plenarsaal aus dem 19. Jh. wäre, wären alle Architekten für den Abriss. Traurig ist das.
Vorwärts immer, rückwärts nimmer... Heinrich W. Leine – 24.04.09
Ich will auch meinen Harmann wiederhaben!Weg mit dem Maschsee, zurück zu den Sumpfwiesen! Renaturierung so wie es früher war, Kleinbürger der Stadt, vereinigt euch!
Typisch Hannover... leider Carsten – 24.04.09
Da bringt ein Verein den lobenswerten Idealismus auf, die Innenstadt von Hannover aus ihrem tristen Nachkriegseinerlei zu befreien und ihr ein Stück urbane Identität wiederzugeben. Und die Reaktionen darauf schwanken zwischen pseudointellektuell-blasierten Abfälligkeiten über die 'Belanglosigkeit' solcher Bauten und der ewigen Angst der Kleinbürger um 'ihre' Steuergelder.Da muss man sich als Hannoveraner wohl doch leider eingestehen: der Grund für den allgemeinen Ruf Hannovers ist nicht primär das Erscheinungsbild der Stadt, sondern die Mehrheit ihrer Bürger. :-(
Träumer Willi B. – 24.04.09
Es ist schon erstaunlich, wie diese ewig rückwärtsgewandten Träumer ständig irgendwelche alten Immobilien aufbauen wollen, Herrenhäuser Schloss, jetzt die Wasserkunst,...Und wer glaubt, dass die Finanzierung allein von einem Verein aufgebracht werden kann? Schon gemerkt, dass diese Stadt ganz andere Probleme hat und Stadt und Land regelmäßig jedes Jahr an einem "Staatsbankrott" vorbeischlittern? Ich bin schon lane für die Einsetzung eines Staatskommissars, der die Finanzen langfristig ordnet und auf Lobbyinteressen u.Ä. keine Rücksicht nehmen muss.
So ein Schnörkelbau und ein dahinter liegendes neues Parlamentsgebäude ist so überflüssig wie ein Kropf.
@ M1 Gastautor – 24.04.09
Mit Verlaub - wo wird in dem Artikel erwähnt, dass der Steuerzahler für einen Wiederaufbau herangezogen würde??Es ist eindeutig von Investoren die Rede.
Originelle Nutzungskonzepte, die Investoren interessieren könnten, sind bereits angedacht. Auch dies vermittelt der Artikel.
städtebaulicher Ehrgeiz M1 – 24.04.09
Tolle Vorschläge.Hoffentlich gibt es auch Vorschläge zur Finanzierung. Es gibt genügend andere Problem. Wann verabschiedet man sich endlich vom Anspruch an die Steuerzahler, die diese phantasien finanzieren sollen.
Es wäre mal an der Zeit marode Straßen zu sanieren, anstatt jeden Morgen eine kulturelle Sau durch die Stadt zu jagen oder nach Kitas oder Sporthallen zu rufen, deren Pflege und Unterhalt sowieso aufgrund gesunkener Einnahmen obsolet stellen wird. Die Forderungen scheinen aus einer Ecke zu kommen, deren Befürworter im Wolkenkuckucksheim leben.
Mehr Ehrgeiz ist gut js.b – 24.04.09
Hannover könnte in der Tat etwas mehr städtebaulichen Ehrgeiz ganz gut gebrauchen. Was das äußere Erscheinungsbild angeht, hat die Stadt nicht gerade ein sonderlich positives Image in Deutschland, scheint mir.Gleichzeitig fragt man sich bei solchen Themen immer wieder, was die Leute damals in den 50er- und 60er-Jahren geritten hat, schützenswerte Bauwerke (wie in diesem Fall die Flusswasserkunst) abzureißen und gleichzeitig die berühmt-berüchtigten "Bausünden" zu errichten, von denen Hannover nun wirklich eine Menge "abgekriegt" hat. Das muss wirklich ein seltsamer Geschmack gewesen sein.
Umso mehr ist es zu begrüßen, wenn sich ein Verein nicht von leeren Kassen und dem wahrscheinlich häufig zu hörenden Argument "Wir haben doch wichtigere Probleme" abschrecken lässt und sich für ein architektonisch hochwertiges Stadtbild einsetzen möchte. (Auch wenn ich bisher noch überlege, welche Gebäude aus den 50er- und 60er-Jahren in diesem Zusammenhang wohl positiv zu erwähnen wären.) Das verdient Anerkennung und Unterstützung - ich wünsche alles Gute.
Von den Parteien im Rat der Stadt Jens Böning - WfH – 23.04.09
...hat sich übrigens nur die WfH bisher klar für einen Wiederaufbau der Flusswasserkunst ausgesprochen!!Wir hatten bereits Mitte 2008 eine Anfrage im Rat zu genau diesem Thema.
Wen es interssiert: Die vollständige Anfrage finden Sie auf der WfH-Homepage (wir-fuer-hannover.de)unter Aktuelles / Ratsarbeit.
Ich wünsche viel Erfolg!
MfG
Jens Böning
Handeln Dirk H. – 23.04.09
Während Sie nur schlecht reden, handeln andere und bauen dieses wundervolle Bauwerk wieder auf!Alle Achtung und weiter so!
Noch einer Lutz Jansen – 23.04.09
Noch ein architektonischer Homunculus - und wieder mit der kulturhistorischen Bedeutung des Cinderella-Schlosses in Disneyland. Hannover geht konsequent seinen Weg, hin zum open air Gruselkabinett.Wie wäre es, wenn einmal etwas wirklich Wertvolles wieder aufgebaut würde, z.B. das alte Ständehaus ?