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Aus der Stadt Wie fährt sich eigentlich ein Üstra-Elektrobus?
Hannover Aus der Stadt Wie fährt sich eigentlich ein Üstra-Elektrobus?
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00:16 11.11.2015
Von Isabell Rollenhagen
Einmal aufladen in sechs Minuten: Auf dem Dach des Busses ist ein Ladearm ­installiert, mit dessen ­Hilfe der Bus sich an der Schnellladestation andocken kann. Quelle: Arp
Hannover

Die besten Schweißer Polens kämen aus der Gegend rund um die Stadt Sroda, sagen die Menschen in der Gegend um die Stadt Sroda. Und erzählen das auch beim Besuch von Vorstand und Aufsichtsrat der Üstra. Dort, in einem Werk des Omnibusbauers Solaris nahe Posen, werden die Fahrzeuge für das neue Pilotprojekt der hannoverschen Verkehrsbetriebe gebaut. Drei Elektrobusse für je rund 600.000 Euro hat die Üstra mithilfe einer Förderung des Bundesumweltministeriums, der Region Hannover und der Stadtwerke bei der polnischen Firma bestellt - damit sind sie rund dreimal so teuer wie Dieselbusse. Und aufs gute Schweißen legt die Üstra heute besonderen Wert. Wegen der Probleme mit den Schweißnähten der neuen Stadtbahnen TW 3000. Knapp ein Jahr hatte es gedauert, bis die Mängel beseitigt waren. Wenn diesmal alles nach Plan verläuft, sollen die drei E-Busse im kommenden Frühjahr auf den Ringlinien 100 und 200 eingesetzt werden.

Die HAZ hat sich im polnischen Posen den neuen Üstra-Bus angesehen.

Hin und wieder, wenn die Üstra neue Busse oder Bahnen kauft, reist die Konzernspitze zu den Fabriken und schaut mal nach dem Rechten. In der vergangenen Woche bereisten die Üstra-Vorstände André Neiß und Wilhelm Lindenberg sowie die Mitglieder des Aufsichtsrates also Polen, um sich ein Bild von der Produktion des Solaris Modell Urbino 12 zu machen. Solaris hat schon einige der herkömmlichen Dieselbusse für Hannover gebaut. Nun hat sich das Unternehmen bei der europaweiten Ausschreibung der Busse gegen Mitbewerber wie Siemens durchgesetzt, die unter anderem Hamburg mit der Technologie für E-Busse beliefern. „Als wir vor Jahren mit der Zusammenarbeit begonnen haben, haben viele die Nase gerümpft“, sagt Neiß. „Wir sind selbst überrascht, wie Solaris gewachsen ist. Es ist eine innovative Firma, die in der Entwicklung neuer Technologien vorbildlich ist.“ Von Vorteil sei auch, dass Solaris die Gesamtverantwortung für die Herstellung übernimmt, findet Lindenberg. Bei anderen Angeboten, etwa dem von Siemens, habe es immer mehrere Unternehmen gegeben, die am Bau beteiligt gewesen waren.

Die Firma Solaris, die 1998 von einem polnischen Ehepaar gegründet wurde, hat in den vergangenen zwei Jahren bereits 50 E-Busse gebaut. Auch nach Oberhausen hat Solaris das Modell schon geliefert, das später in Hannover fahren wird. „Die Verkehrsgesellschaft hat uns bisher nur positive Rückmeldung gegeben“, sagt Projektleiter Ulrich Meyer.

Dass auch die E-Busse der Üstra einwandfrei laufen, können Vorstand und Aufsichtsrat der Üstra auch gleich auf dem Werksgelände testen. Denn einer der drei Busse ist bereits fertig. Hans-Jürgen Walter ist der Erste, der sich hinter das Steuer des grün lackierten, zwölf Meter langen Wagens setzen darf. Mit einem leisen Surren nimmt der Bus die Fahrt auf. Neiß, Lindenberg und die anderen haben auf den 27 grün-weiß gepunkteten Sitzen Platz genommen. Den Batteriestand können sie während der Fahrt auf einem Monitor hinter der Fahrerkabine sehen. Auf einer Landstraße kann Fahrer Walter, der seit 34 Jahren für die Üstra fährt, Gas geben. „Das ist ein wirklich sauberes Fahren, weil man durch den Elektroantrieb die Gangschaltung nicht so sehr spürt“, sagt er. Bei höherer Geschwindigkeit sind die Fahrgeräusche durch die Reifen deutlich hörbar, die sonst durch das Brummen des Dieselmotors übertönt werden. Damit es im Einsatz in der lauten Stadt nicht zu Unfällen kommt, weil Passanten den Bus nicht hören, soll noch ein Soundgenerator eingebaut werden, der ein akustisches Signal abgibt, wenn der Bus langsamer wird.

Die Produktion des Urbino 12 beginnt im Busrohbauwerk in Sroda. In der großen Halle wird das Gerippe der Busse im Zwei-Schicht-System geschweißt und zusammengesetzt. Weil die Stückzahlen im Busbau zu gering für eine rein maschinelle Fertigung sind, geschieht das hier noch in Form von Handarbeit. Rund fünf Tage benötigen die 296 Schweißer für eine Karosserie. 12,50 Euro bekommen sie pro Arbeitsstunde gezahlt. Sie werden in der eigenen Schule intensiv geschult, versichert Werksleiter Marian Mistrzak. Doch obwohl hier nur die besten Schweißer beschäftigt würden, könne er menschliche Fehler bei der Produktion natürlich nicht ausschließen. Deshalb setze Solaris auf eine ausgiebige Qualitätsprüfung. In Stichproben werden Material und Verarbeitung regelmäßig in einem Labor unter die Lupe genommen.

Das Vertrauen der Üstra in die Facharbeiter von Solaris ist groß. Denn auch die Karosserie des TW 3000 soll in Zukunft hier gefertigt werden, verrät Lindenberg (siehe Kasten). Dafür schafft Mistrzak zur Zeit zusätzlichen Platz in der Manufaktur, damit die Produktion im Januar starten kann.

Wenn die Buskarosserien geschweißt und zusammengebaut sind, lässt sie der Hersteller ins gut 45 Kilometer entfernte Owinska bringen, wo das Ominibuswerk von Solaris steht. Hier werden die Gerippe lackiert und mit dem Innenleben ausgestattet. Die Arbeiter setzen in den nächsten Produktionsschritten Motoren ein, verlegen Kabel und bauen Sitze ein - auch das geschieht ohne Produktionsroboter. Fünf bis sechs Monate braucht Solaris von der Bestellung eines Busses bis zur Auslieferung. Denn viele Teile, die verbaut werden, haben eine lange Lieferzeit. Für die Fertigung benötigen die Arbeiter etwa 40 Tage.

Auch Vorstandsmitglied Wilhelm Lindenberg will den E-Bus einmal Probe fahren. Nach einigen Anfahrschwierigkeiten lenkt er das Fahrzeug durch den trüben polnischen Nachmittag. Nach einigen Kilometern muss die Gruppe wieder umkehren. Die Batterie ist bald leer. „Aber wenigstens halten die Nähte“, scherzt jemand.

Von Isabell Rollenhagen

Einmal aufladen in sechs Minuten

Die neuen Solaris-Elektrobusse der Üstra werden mit einem Batteriepack und einem Elektromotor betrieben, die den herkömmlichen Dieselmotor ersetzen. Die Batterie wiegt 2,1 Tonnen und hat eine Kapazität von 120 Kilowattstunden. Der E-Bus wird auf den Ringlinien 100 und 200 eingesetzt. Auf einer Tour, die rund 16 Kilometer lang ist, verbraucht er rund 25 Kilowattstunden, also etwa ein Viertel des Fassungsvermögens. Auf jeder Route fährt der zwölf Meter lange Bus die Schnellladestation an, die am August-Holweg-Platz steht. Auf dem Dach ist ein Ladearm, der sogenann­te Pantograph, montiert, den der Fahrer unter der Station ausfahren und damit verbinden kann. Der Strom wird über vier Pole aufgenommen. Für einen Umlauf der Linie dauert der Ladevorgang je nach Verbrauch und Menge etwa sechs Minuten. Der Strom für die Busse kommt aus der Fahrleitung der Stadtbahn. Weil er aus erneuerbaren Energien wie aus Wasserkraft erzeugt wird, liegt der CO2-Ausstoß bei Null. „Auch die Schadstoffemissionen wie Feinstaub und Stickoxid werden mit diesem Projekt auf Null gesetzt“, sagt Jens Ernsting, Projektleiter für Elektromobilität bei der Üstra. Die Üstra ist einer von rund 25 Verkehrsbetrieben in Deutschland, die in E-Mobilität investieren. „Auch wenn die Fahrzeuge im Moment noch sehr teuer sind, wollen wir die Innovation voranbringen.“ sagt der Projektleiter. Außerdem wolle der Verkehrsbetrieb zum Umweltschutz in der Stadt beitragen. Ein E-Bus kostet rund 600.000 Euro und ist damit dreimal so teuer wie ein herkömmlicher Dieselbus.

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Solaris fertigt jetzt TW-Karosserie

Nach den Startschwierigkeiten mit den neuen Üstra-Stadtbahnen TW 3000 zieht der Verkehrsbetrieb Konsequenzen: Die Karosserie wird in Zukunft bei Solaris gefertigt. „Zum Jahreswechsel werden die ersten beiden Bahnen in Polen geschweißt“, sagt Gunnar Straßburger, der die Abteilung Straßenbahn bei der Üstra leitet. Bei Qualitätskontrollen war noch vor Inbetriebnahme der neuen Bahnen im Frühjahr 2014 eine fehlerhafte Schweißnaht im Bereich des sogenannten Gelenkträgers aufgefallen. Zurzeit fahren 28 Straßenbahnen vom Modell TW 3000 in Hannover auf den Linien 3 und 7. Bis 2018 sollen es 100 sein. Als nächstes wird auch die Linie 4 der Üstra von den neuen Bahnen befahren – Straßburger rechnet damit, dass es in zwei Jahren soweit sein wird. Da der TW 3000 keine Trittstufen hat, müssen auf der Strecke die Haltestellen umgebaut werden. Außerdem müssen die Fahrer für das Fahrzeug ausgebildet werden. Geplant war ursprünglich, dass Ende diesen Jahres bereits 61 neue Bahnen durch Hannover rollen.

iro

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