Carl Fingerhuth, Chef der Jury Landtagsumbau.
Sind Sie als Jury-Vorsitzender vom Verlauf der Debatte über den Plenarsaal überrascht?
Ja, sehr. Damit habe ich nicht gerechnet. Hier zeigt sich die besondere Bedeutung der fünfziger Jahre für Deutschland mit der Nachkriegssituation. In anderen Ländern haben wir diese intensive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht.
Nervt es Sie nicht, wie intensiv hier über das Thema gerungen wird?
Nein, ich finde das außerordentlich wichtig und sogar vorbildlich. Nur: Erwartet hatte ich das eben nicht. Als in Berlin über den Umbau des Reichstagsgebäudes diskutiert wurde, war das eher ein Dialog zwischen Bundesregierung und Architekten. Hier ist es ganz anders, es bewegt die Leute.
Aber Sie waren darauf nicht eingestellt ...
Nein. Wir haben im Preisgericht zwar Architekten gehabt, in der Mehrheit aber Politiker. Wir Architekten mussten annehmen, dass diese politischen Vertreter die Diskussionen in der politischen Öffentlichkeit abbilden würden. Ich ging davon aus, die politische Vertretung sei repräsentativ. Aber die öffentliche Diskussion geht weit über die Kompetenz der Jury als Beurteilungsgremium hinaus.
Verändert sich die Rolle der Architekten?
Ich glaube, wir erleben einen radikalen Wechsel. Die traditionelle Rolle des Architekten in der klassischen Moderne war die des Propheten, Künstlers und auch Besserwissers, auch die des Retters der Gesellschaft. Dies wird nun immer stärker infrage gestellt. Künftig muss der Architekt der Dolmetscher sein für die Bedürfnisse in der Gesellschaft. Der Architekt muss diese Bedürfnisse in Räume übersetzen, der Journalist muss sie in Schrift übersetzen. Am Beispiel der Diskussion über den Plenarsaal erleben wir das gegenwärtig sehr stark.
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