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Aus der Stadt Viele Migrantinnen leiden unter Gewalt
Hannover Aus der Stadt Viele Migrantinnen leiden unter Gewalt
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09:53 03.07.2012
Von Veronika Thomas
Im Frühjahr wies die Wanderausstellung „Rosenstraße 76" im Pavillion am Raschplatz auf die Probleme mit häuslicher Gewalt hin. Quelle: dpa
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Hannover

Besonders betroffen sind offenbar Migrantinnen, obgleich hierzu nur wenige Daten zur Verfügung stehen. In einer gemeinsamen Anhörung von Schul-, Jugendhilfe-, Sozial- und Internationalem Ausschuss berichteten am Montag verschiedene hannoversche Fach- und Beratungsstellen über die Lage betroffener Frauen und Kinder und ihre Unterstützungsangebote.

Im Frauen- und Kinderschutzhaus Hannover, das seit 34 Jahren besteht, wurden von 2008 bis 2011 jährlich rund 100 Frauen sowie ihre Kinder aufgenommen. 85 Prozent der Betroffenen waren Frauen mit Migrationshintergrund, berichtete Leiterin Dorit Rexhausen. Viele dieser Frauen hätten einen ungesicherten Aufenthaltsstatus und damit verbunden häufig Angst vor Abschiebung. Aus diesem Grund trauten sie sich oft nicht, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen oder Hilfe zu suchen. Hinzu kämen Sprachschwierigkeiten, weil die Frauen darin gehindert würden, Sprachkurse zu besuchen.

Eine weitere wachsende Gruppe seien junge Frauen zwischen 18 und 25 Jahren mit starken psychischen und sozialen Problemen. In fast allen Fällen sei es notwendig, Frauen zu Behörden, Anwälten oder Prozessen zu begleiten und ihnen unter anderem finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten und Perspektiven aufzuzeigen. 

Simin Nassiri von der Beratungsstelle Suana für von Männergewalt betroffene Migrantinnen berichtete, dass die Zahl der Fälle seit Jahren ansteige – von 599 im Jahr 2007 auf 826 im vergangenen Jahr. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres wandten sich bereits 550 Betroffene an die Beratungstelle unter dem Dach von kargah, wo auch das Krisentelefon gegen Zwangsheirat angesiedelt ist. Häufig würden die Frauen von ihren eigenen Sippen und Clans bedroht, wenn sie Hilfe suchten. Oft fehle es jedoch an Dolmetschern sowie mehrsprachigen Therapiemöglichkeiten, um den Frauen nachhaltig zu helfen.

„Gewalt kann jede Frau treffen“, sagte Silke Dietrich vom Autonomen Frauenhaus Hannover. Laut Statistik habe jede vierte Frau Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt. Auch seien die Formen der gegen sie gerichteten Gewalt vielfältig. Sie reichten von körperlicher Misshandlung über psychische, ökonomische und sexualisierte Gewalt bis zu sexuellem Missbrauch der Kinder.

Im vergangenen Jahr fanden 146 Frauen mit 88 Kindern Zuflucht im Frauenhaus. Das Alter der Betroffenen lag zwischen 18 und 76 Jahren, die größte Gruppe mit 51 Frauen waren die 21- bis 30-Jährigen. Außerdem wurden fünf Kinder in dem Schutzhaus geboren. „Viele Schwangere werden Opfer von Gewalt“, berichtete Dietrich.

Laut Prof. Barbara Kavemann vom Sozialwissenschaftlichen Frauenforschungsinstitut in Berlin sehen sich behinderte Mädchen und Frauen einem besonders großen Risiko ausgesetzt, Opfer von körperlicher und sexueller Gewalt zu werden. Behinderte Kinder seien häufiger als andere Kinder von elterlicher Gewalt betroffen, hinzu kämen Übergriffe in Institutionen wie Internaten oder kirchlichen Einrichtungen.

Unter der Gewalt gegen ihre Mütter leiden in besonderem Maß auch deren Kinder. Sie sind Augen- oder Ohrenzeugen der Auseinandersetzungen oder werden direkt darin verwickelt und wachsen in einem Klima der Angst und Unterdrückung auf. Die Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser und Beratungsstellen berichteten von Kindern, die unter Schlafstörungen, Einnässen oder Schulproblemen litten. Das Miterleben von Gewalt habe gravierende Folge für ihre Entwicklung und Auswirkungen auf ihre Einstellung zur Gewalt, sagten die Expertinnen. Auch für diese Kinder fehlten Therapiemöglichkeiten.

Als Vertreter der „Gegenseite“ berichtete Almut Koesling vom Männerbüro Hannover, dass sich von 1242 im vergangenen Jahr durch die Polizei gemeldeten Fällen immerhin 204 Täter beraten ließen. 60 von ihren hätten einen sechsmonatigen Trainingskurs abgeschlossen mit dem Ziel, Beziehungskonflikte und -krisen gewaltfrei zu lösen.

Diese Kurse werden im Rahmen des Strafvollzugs häufig als Bewährungsauflage verordnet. „Alle Männer, die wir nicht erreichen, stellen aber weiterhin eine potenzielle Gefahr für Frauen und Kinder dar“, sagte Koesling. Der Großteil der Männer habe selbst häusliche Gewalt im eigenen Elternhaus erlebt.  

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