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Viele Schüler in Hannover wiederholen die 11. Klasse

Probleme mit Doppelabitur Viele Schüler in Hannover wiederholen die 11. Klasse

Weil sie Probleme mit dem Doppelabitur befürchten, wiederholen viele Schüler an Hannovers Gymnasien aus eigenem Antrieb die 11. Klasse, um mehr Zeit zum Lernen zu gewinnen. Eltern und auch Lehrer haben Verständnis – und die Schülerzahlen im vermeintlich übervollen Jahrgang sinken spürbar.

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Die Schüler, die bisher – wie auf diesem Bild 2009 an der Bismarckschule – über den Abituraufgaben saßen, hatten noch 13 Jahre Zeit bis zur Reifeprüfung. Dieses Jahr gehen die letzten G-9- und die ersten G-8-Gymnasiasten gemeinsam in die Prüfung.

Quelle: Martin Steiner

Es ist eine Art stiller, individueller Protest, den manche Schulleiter am liebsten kleinreden würden: Etliche Schüler, die als erste bereits nach zwölf Jahren Schulzeit das Abitur machen sollen, haben sich freiwillig zurückversetzen lassen – und holen sich so das von der Politik eingesparte Schuljahr zurück. „Die Schüler empfinden es als sehr große Belastung, dass die Schulzeit verkürzt wurde. Dazu kommt der Stress, in einem Doppeljahrgang mit besonders vielen anderen fertig zu werden“, sagt Winfried Baßmann, Leiter des Kurt-Schwitters-Gymnasiums Misburg. Denn gleichzeitig mit dem 12. geht auch der letzte 13. Jahrgang an den Gymnasien im Frühjahr ins Abitur. An seiner Schule hätten darum ein paar Eltern entschieden, dass ihre Kinder die 11. Klasse wiederholen. „Das ist bei uns aber keine breite Bewegung. Die meisten akzeptieren das G-8, also acht Jahre Gymnasium“, betont Baßmann.

Tatsächlich haben sich an manchen Gymnasien ganze Schülergruppen entschieden, ein Jahr zu wiederholen, an anderen Schulen war das eher kein Thema. Diskussionen um solche Fragen entwickelten oft eine eigene Dynamik, meint Baßmann. Habe sich erst eine erkleckliche Gruppe von Eltern oder Schülern für einen Weg entschieden, erscheine er auch den anderen gangbarer. Als zum Beispiel die Tochter von Doris Vehlies, Elternsprecherin der Elsa-Brändström-Schule, nach einem Jahr im Ausland im Sommer die 11. Klasse zum zweiten Mal begann, traf sie dort fast ihre komplette frühere Klasse wieder. Von den ursprünglich fast 30 Schülern hatten sich nur fünf in den 12. Jahrgang der Elsa-Brändström-Schule versetzen lassen, einige einzelne waren abgegangen.

Auch an der Goetheschule ging der Trend unter den Schülern dahin, lieber noch ein Jahr dranzuhängen. „Als wir bemerkt haben, dass wir mehr Überzeugungsarbeit leisten müssten, hatten viele Schüler ihre Entscheidung schon gefasst“, sagt Schulleiter Wilhelm Bredthauer. Die Lehrer haben in den Diskussionen aber zumindest genau hingehört – an anderen Gymnasien ging man den Motiven der Wiederholer lieber gar nicht erst auf den Grund. „Rund 30 unserer Schüler wiederholen die 11. Klasse, weil sie ein besseres Abitur erzielen wollen und der Meinung sind, dass sie mehr Zeit brauchen“, sagt Bredthauer. Diese Schüler hätten definitiv nicht in Gefahr gestanden, im Abitur zu versagen. Auch die Haltung der Lehrer habe beeinflusst, ob an einer Schule vermehrt Jugendliche die 11. Klasse wiederholen, sagt Bredthauer. „Wenn der Oberstufenkoordinator eher abweisend reagiert, überlegen manche Schüler es sich noch einmal.“

Die 17-jährige Kendra Rensing gehört zu denen, die eigentlich dieses Frühjahr im Doppeljahrgang Abi machen sollten. Doch als sie im vergangenen Schuljahr mit den älteren Schülern in der Oberstufe zusammentraf, die noch ein Jahr mehr Zeit zum Lernen hatten, war das ein Schock. „Sie wussten einfach viel mehr. Unser Jahrgang sollte in einem Jahr den Stoff von zwei Jahren lernen, das haben wir in keinem Fach geschafft.“ Kendra sackte von der Zwei als Durchschnittsnote auf Drei bis Vier, litt unter Schlafstörungen und Bauchschmerzen. „Ich hätte das Abi zwar geschafft. Aber ich wusste, ich kann mehr.“ Einige von Kendras Mitschülern an der Ricarda-Huch-Schule sind an eine Integrierte Gesamtschule gewechselt, wo sie ein Jahr länger Zeit bis zum Abitur haben, andere haben die Schule ganz hinter sich gelassen.

Kendra wiederholt nun die 11. Klasse an ihrem alten Gymnasium, jetzt läuft alles wieder besser. Mit den neuen Mitschülern fühlt sie sich eher auf dem gleichen Stand. „Sie haben ja auch das Problem mit dem Turboabitur. Unsere Schulzeit wurde gekürzt, aber die Lehrpläne nicht.“ Einige Wissenslücken entdeckt Kendra immer noch bei sich, doch nun hat sie wieder mehr Zeit aufzuholen. Sie hat sich vorgenommen, eine Durchschnittsnote von mindestens 2,5 im Abitur zu erreichen. „Ich weiß noch nicht, was ich studieren werde, will mir aber gerade deshalb die bestmöglichen Voraussetzungen schaffen“, sagt sie. Und Kendras Eltern sind erleichtert, dass es ihrer Tochter wieder besser geht. „Wir haben Glück gehabt“, sagt Volker Rensing.

Auch Peter Müsse ist froh, dass seine ältere Tochter Paula – nach einem Jahr in den Vereinigten Staaten – nun den 11. statt den 12. Jahrgang am Gymnasium Burgdorf besucht. „Zum Glück wollte sie auch gerne ins Ausland gehen. Wir finden es gut, dass sie so Erfahrungen gesammelt hat und gleichzeitig dem doppelten Abiturjahrgang entgeht.“ Ein paar ihrer Mitschüler seien an ein Wirtschaftsgymnasium oder eine Waldorfschule gewechselt, wo erst nach 13 Schuljahren das Abi ansteht, berichtet Müsse. Es werde deutlich, dass etliche Eltern diverse Vermeidungsstrategien entwickelt hätten, um ihren Kindern bessere Chancen zu eröffnen, sagt Müsse. Leistungsprobleme habe seine Tochter nicht gehabt. In der Familie Müsse bestand aber durchaus die Sorge, dass es am Ende für die Abiturienten des Jahres 2011 nicht genügend Ausbildungs- und Studienplätze geben könnte. Der Vater glaubt nicht, dass Firmen und Hochschulen tatsächlich in nur einem Jahr Absolventen aus zwei Jahrgängen aufnehmen können. „Deshalb ist es doch gut, wenn sich das Ganze jetzt entzerrt. Und unsere Kinder sind so jung und nie sitzen geblieben. Sie können es sich leisten, ein Jahr später fertig zu werden.“

Zwölfter Jahrgang verliert weiter

Zu Beginn dieses Schuljahres gab es nur noch 994 Zwölftklässler an Hannovers städtischen Gymnasien. Der Jahrgang, der als Erstes bereits nach zwölf Jahren Abitur macht, ist damit besonders klein. Im 13. Jahrgang gibt es 1467 Schüler, im 11. Jahrgang sogar 1836 Schüler. Seit die Stadt im September ihre Schülerstatistik erstellt hat, haben sich die Zahlen noch weiter verschoben – in der Regel hat der 12. Jahrgang weitere Schüler verloren. Die Wilhelm-Raabe-Schule zählt inzwischen (abweichend zur unten abgedruckten Tabelle) nur noch 115 Abiturienten im Doppeljahrgang, davon 32 Schüler im 12. Jahrgang. Der 11. Jahrgang, der im Jahr 2012 das Abitur macht, ist dagegen auf 122 Schüler angewachsen. Schulleiter Martin Thunich sieht darin allerdings keinen Effekt des verkürzten Abiturs. Als die Schüler des aktuellen 12. Jahrgangs am Gymnasium starteten, litt die Schule unter sehr schwacher Nachfrage. Die Anmeldungen reichten damals nur für zwei Klassen. Auch die Helene-Lange-Schule verweist darauf, dass ihr 12. und 13. Jahrgang jeweils von Anfang an sehr klein gewesen sei.

An der Käthe-Kollwitz-Schule bereiten sich jetzt noch 185 Schüler im Doppeljahrgang auf das Abitur vor. In den 11. Jahrgang gehen 165 Schüler. „Aus unserem Doppeljahrgang sind rund 35 Schüler ein Jahr zurückgegangen. Die Zahl wirkt natürlich gigantisch“, sagt Oberstufenkoordinatorin Elke Kantian. Doch die Fachfrau sieht das etwas anders: In der Regel ließen sich rund zehn Prozent der Schüler zurückversetzen – im Doppeljahrgang gab es zunächst 220 Schüler, zumindest 22 bis 25 Wiederholer wären also normal.

Der Leiter der Humboldtschule, Henning Lawes, hat jetzt noch 180 angehende Abiturienten im Doppeljahrgang gezählt sowie 138 Schüler im 11. Jahrgang. Doch er sieht darin eher ein generelles Problem, das er nicht mit der verkürzten Schulzeit am Gymnasium in Verbindung bringt. „Ich beobachte seit einigen Jahren eine deutliche Abnahme der Leistungsbereitschaft.“ Es gebe zunehmend Schüler, die trotz schwacher Leistungen bis in die Oberstufe gelangten und dann erst dort ein Jahr wiederholten.

Im Umland Hannovers berichten rund die Hälfte der Schulleiter an Gymnasien, dass ihr 12. Jahrgang auffallend geschrumpft sei. Betroffen sind auch Kooperative Gesamtschulen, an denen die Gymnasiasten jetzt ebenfalls nach zwölf Schuljahren in die Abiprüfung gehen. An der KGS Ronnenberg gibt es 174 Gymnasiasten im 11. Jahrgang, der schon von Anfang an größer als üblich war. Der Doppeljahrgang 12/13 kommt aber nur noch auf 188 Schüler. Deutlich mehr Schüler als sonst hätten sich in den 11. Jahrgang zurückversetzen lassen, sagt Schulleiter Frank Hellberg. „Ungefähr die Hälfte ist freiwillig zurückgegangen, um ihre Zensuren zu verbessern.“

Am Gymnasium Burgdorf sind die Zahlen dagegen unauffällig. 106 Elftklässler stehen 160 Schülern im Doppeljahrgang gegenüber. Der jetzige 11. Jahrgang startete ursprünglich mit fünf Klassen, die Jahrgänge davor bestanden aus jeweils vier Klassen.

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