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Türken in Hannover fürchten den Einfluss Erdogans

Leben in Angst Türken in Hannover fürchten den Einfluss Erdogans

Viele Anhänger der Gülen-Bewegung sind nach dem Putschversuch 2016 in der Türkei nach Deutschland geflüchtet. Trotzdem fürchten Sie den langen Arm Erdogans, auch in Hannover herrschen Angst und Misstrauen in der Gemeinde. 

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Leben in Angst vor dem türkischen Geheimdienst: Zwei türkische Journalisten, die Asyl in Deutschland beantragt haben. 

Quelle: Villegas

Hannover. "Ich möchte meine Sicht der Dinge schildern.“ Wieder und wieder sagt der Mann im schwarzen Jackett diesen Satz. Wieder und wieder setzt er an, um davon zu erzählen, warum er die Türkei nach dem Putschversuch 2016 fluchtartig verlassen hat. 

Müde wirkt er, älter, als er in Wirklichkeit ist. Es ist kein Wunder, dass gerade er so ein Redebedürfnis hat. Der Mann, der anonym bleiben will, weil er Repressalien für Verwandte in der Türkei befürchtet, ist Journalist. Lange hat er für die Gülen-nahe Zeitung „Zaman“ gearbeitet. Mit einer Auflage von fast einer Million galt sie als größte Tageszeitung des Landes, bis sie 2016 unter dem Druck der türkischen Regierung geschlossen wurde.

Plötzlich Asylbewerber

Jetzt sitzt dieser Mann des Wortes in einem unscheinbaren Haus an der Vahrenwalder Straße in einem Raum, der für den Sprachunterricht von Kindern gedacht ist. Bilder von Gegenständen wie „Hals“ oder „Giraffe“ mit den dazugehörigen Begriffen hängen an der Wand. Sie betonen auf fast zynische Weise, dass der Journalist - der deutschen Sprache nicht mächtig und ohne Job - in Hannover von vorn anfangen muss. Seine Frau sei von der „Hexenjagd“ auf Gülen-Anhänger so zermürbt gewesen, dass am Ende ein Klopfen an der Tür reichte, um sie in Panik zu versetzen, erzählt er. Nie habe er, der in der Türkei „ein gutes Leben“ führte, sich vorstellen können, Asylbewerber in einem deutschen Flüchtlingsheim zu sein. Den Kontakt zu anderen Türken meidet er. Es könnten Spitzel darunter sein, sagt er, Erdogan-Anhänger, die ihn dem Geheimdienst melden: „Die Denunzianten tragen viele Masken.“

Die Türken in Deutschland haben Staatspräsident Erdogan mit ihren hohen Zustimmungswerten beim Verfassungsreferendum einen deutlichen Machtzuwachs beschert. Wie geht es jetzt denen, die hierzulande den langen Arm des türkischen Machthabers fürchten? Die Anhänger des Predigers Fetullah Gülen, die Erdogan für den Putschversuch 2016 verantwortlich macht, werden in ihrer Heimat verfolgt. Wie leben sie in Hannover, während es in der Türkei zu immer neuen Verhaftungswellen kommt?

Man muss nur eine Veranstaltung des Sprechers der Gülen-Bewegung in Deutschland, Ercan Karakoyun, im Forum Dialog Niedersachsen in Hannover besuchen, um einen Eindruck zu bekommen. Voll ist es an diesem Abend, stickig, eng. Etwa 60 Leute drängen sich in dem nüchternen Vortragssaal, Studenten, ältere Männer mit wettergegerbten Gesichtern. Manche sind einfach gekleidet, andere im Anzug. Frauen mit und ohne Kopftuch sind dabei, viele Deutschtürken, aber auch Deutsche wie der hannoversche Politologe Heiko Geiling, der über die Gülen-Bewegung geforscht hat. Karakoyun, 36 Jahre alt, Soziologe, zeitweise in der SPD aktiv, diskutiert über sein Buch über die Gülen-Bewegung, das im Herder-Verlag erschienen ist. Bis zum Putschversuch 2016 sei sein Leben ein Zeichen dafür gewesen, wie gut Integration in Deutschland funktioniere, sagt er. Aus dem Sohn eines Metallarbeiters, eines Gastarbeiters der ersten Generation, wurde nicht nur ein Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung. Karakoyun sagt, er habe fast nie Diskriminierung erlebt.

Die Gülen-Bewegung

Die Gülen- oder Hizmet-Bewegung ist ein religiöses soziales Netzwerk des türkischen Predigers Fetullah Gülen. Nach Angaben von Ercan Karakoyun hat es derzeit rund 50 000 Mitglieder in Deutschland, in der Region Hannover sind es nach Angaben vom Forum Dialog Niedersachsen etwa 1000.

Die Gülen-Bewegung betreibt vor allem Schulen und Bildungsstätten in ganz Deutschland. Befürwortern gilt die Bewegung als eine moderne, pazifistische Auslegung des Islam, Kritiker bemängeln, dass die Organisation intransparente Strukturen aufweist.  jr     

Lesung unter Polizeischutz

Das hat sich seit dem Putschversuch gründlich geändert. Karakoyun wird in sozialen Medien als Verräter beschimpft, auf offener Straße bedroht. Mehr als ein Dutzend Morddrohungen habe er erhalten, sagt er an diesem Abend. Manche Lesung halte er unter Polizeischutz ab. Auch an diesem Abend in Hannover fährt aus Sicherheitsgründen ein Polizeiwagen regelmäßig vorbei. Das hat nicht nur mit Karakoyun zu tun, sondern auch mit dem gülennahen Forum Dialog Niedersachsen, das in engem Kontakt mit der Polizei Hannover steht. Über die sozialen Netzwerke würden Forumsmitglieder beschimpft, auch hier gebe es Morddrohungen, sagt Forumssprecher Samet Er. Ein Mann habe eine Whatsapp-Nachricht bekommen, dass seine Ehefrau allein in der Wohnung nicht mehr sicher sei. Er sorge seitdem aus Angst dafür, dass sie dort nicht mehr alleine ist. Einige Anhänger der hannoverschen Gülen-Bewegung hat der türkische Geheimdienst im Visier. Sie stehen auf der sogenannten „Pistorius-Liste“. Niedersachsens Innenminister machte Ende März öffentlich, dass der türkische Geheimdienst dem Bundesnachrichtendienst eine Liste mit Namen von Gülen-Anhängern mit der Bitte um Bespitzelung übergab. Pistorius warnte stattdessen die Betroffenen. Wie geht Samet Er mit solchen Bedrohungen, Bespitzelungen um. „Ich vertraue auf den deutschen Rechtsstaat, hier fühle ich mich sicher“, sagt der 27-Jährige. Es sei wichtig, dass es Leute gebe, die trotzdem weiter offen über die Gülen-Bewegung sprechen: „Ich fahre eben ein paar Jahre nicht in die Türkei.“

So einfach ist es für die Gülen-Anhänger, die sich aus Angst vor politischer Verfolgung nach Deutschland abgesetzt haben - und die zu einem Gespräch mit der HAZ bereit sind -, nicht. Da ist ein zweiter, früherer Redakteur von „Zamat“, der mit Frau und Kindern im Flüchtlingslager Friedland lebt. Auch er hat Angst, denunziert zu werden. Das Schlimmste sei, dass es in der Türkei keine Rechtsstaatlichkeit mehr gebe. Niemand wisse, ob und wegen was er inhaftiert werden könne, betont er. Umso mehr hat ihn beeindruckt, dass Boris Pistorius die Liste des türkischen Geheimdienstes öffentlich machte - und damit demonstrativ deutsche Gesetze über türkische Begehrlichkeiten stellte. „Er hat es ja nicht gemacht, weil er die Gülen-Bewegung liebt“, sagt der Journalist, „sondern weil Deutschland ein Rechtsstaat ist.“

Ist der
Nachbar
ein Spitzel?

Die Angst vor dem langen Arm Erdogans greift zurzeit nicht nur unter Gülen-Anhängern um sich. Wer in Hannover unter Deutschtürken recherchiert, stößt auch bei normalen Bürgern auf ein Klima der Angst. Manche rufen gar nicht zurück. Andere, die sich sonst gern öffentlich äußern, lehnen plötzlich aus fadenscheinigen Gründen Interviews ab. Wieder andere sagen: „Wir können über alles reden, nur über Politisches nicht.“

Nur wenn man Menschen gut kennt und ihnen Verschwiegenheit zusichert, bekommt man Antworten auf die Frage nach der neuen Mauer des Schweigens. Von Angst ist da die Rede mitten in Deutschland, von totaler Verunsicherung angesichts der Verhaftungswellen in der Heimat. Man wisse nicht mehr, was als Straftat gelte und was nicht. Man habe den Eindruck, es reiche, bei einer Veranstaltung in einem Menschenpulk neben einem Gülenisten zu stehen, um als Terrorist zu gelten. Deutschtürken erzählen, dass sie es nicht wagen, schwer kranke Verwandte in der Heimat zu besuchen, weil sie nicht wissen, was an der Grenze passiert. Andere schweigen, um Verwandte in der Türkei zu schützen.

Dazu kommt die Angst vor Denunziation. Niemand wisse mehr: „Wie steht mein Nachbar wirklich zu mir? Arbeitet er mit dem türkischen Geheimdienst zusammen?“ Vergleiche mit der DDR oder Nazi-Deutschland fallen. Immer wieder fällt zudem der Name des „Welt“-Journalisten Deniz Yücel. Naiv sei es gewesen, sich in Erdogans Hände zu begeben und an Gerechtigkeit zu glauben. Der türkische Staatspräsident statuiere an Yücel ein Exempel: Er wolle zeigen, was einem „Verräter“ passiere, obwohl die deutsche Bevölkerung, ja sogar die Regierung hinter ihm stehe. Er diene als abschreckendes Beispiel für alle Deutschtürken. jr     

Ein Mediziner, einst nach eigenen Angaben in der Türkei eine Kapazität, der in Forschungsprojekten auch mit Kollegen von der MHH zusammenarbeitete, stimmt ihm zu. Eloquent wirkt er, mit großer Selbstverständlichkeit verständigt er sich auf Englisch. „Wir wissen nicht, wer für den Putsch verantwortlich ist“, beteuert er: „Ich bin Arzt, kein Terrorist.“ Schon nach dem Korruptionsskandal in der Türkei Ende 2013 seien er und Gülen-nahe Kollegen unter Druck gesetzt worden. Als es nach dem Putschversuch zu Verhaftungen kommt, reist er über Afrika aus, mietet in Hannover eine Wohnung. Frau und Kind fliehen später über Bulgarien zu ihm. Der Mann, der versuchen will, in Deutschland als Arzt zu arbeiten, beweist selbst jetzt noch Sinn für Humor. „Ich bin zurzeit Hausmann“, antwortet er auf die Frage, wie sein Alltag verläuft. „Es ist ein Absturz, der einem den Boden unter den Füßen wegzieht“, sagt er dann plötzlich ernst und wirkt ebenfalls sehr müde. „Es ist ein Albtraum, aus dem man nie mehr aufzuwachen droht.“

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