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„Erdogan ist gut für die kleinen Leute“

Türken in Hannover „Erdogan ist gut für die kleinen Leute“

Jan Böhmermanns Schmähgedicht, die Armenien-Resolution, Kritik an Staatschef Erdogan: Wenn es um Politik geht, fremdeln viele unter Hannovers Türken neuerdings mit den Deutschen.

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"Der Streit zwischen Deutschen und Türken wird sich legen": Mustafa Yagiz (Mitte) kam 1980 als Jugendlicher vom Schwarzen Meer nach Deutschland. 

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Vorm Friseur sind alle Menschen gleich. Die Türken kommen genauso in den Laden von Ömer Gecinez wie die Deutschen. Das ist seit Jahren so. Doch in jüngster Zeit geht es oft um die große Politik, wenn der 43-Jährige seinen Kunden die Haare schneidet. Besonders, wenn die Kunden in seinem Salon an der Langen Laube Deutsche sind. Vielleicht ist das so, weil ein Türke für die meisten Deutschen immer noch vor allem ein Türke ist. Einer, zu dem einem als erstes die Lage am Bosporus einfällt und nicht das Wetter.

„Mit Jan Böhmermann fing es an“, sagt Gecinez, während er einem Kunden den Nacken ausrasiert. Mit dem Schmähgedicht des Satirikers über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan also. „Wir können über so etwas nicht lachen“, sagt der Friseur in perfektem Deutsch. „Seit 50 Jahren leben wir jetzt hier – da könnten die Deutschen schon langsam wissen, dass wir bei Witzen über Religion und Ehre wenig Spaß verstehen, weil uns das wichtig ist.“ Es klingt nicht drohend, wenn er das sagt, sondern eher gekränkt. „Anpassung darf doch nicht einseitig sein“, sagt der Friseur, der seit Jahrzehnten in Hannover lebt.

Wenn es um die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei geht, driften die Meinungen auseinander. Seit Jan Böhmermanns Schmähgedicht, der Armenien-Resolution und der Kritik an ihrem Staatschef Recep Tayyip Erdogan fremdeln Hannovers Türken mit den Deutschen.

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Wo eine Mehrheit der Deutschen die Fahne der Meinungsfreiheit hochhalten will, fordern viele Türken jene Rücksichtnahme ein, die Minderheiten gebührt. In einer Verteidigungshaltung sehen sich beide – zumal sich im deutsch-türkischen Verhältnis gleich mehrere Konflikte aufgetan haben, etwa durch jene Resolution des Bundestages, die osmanische Massaker an Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord verurteilte. „Es wäre besser gewesen, sich mit den Armeniern an einen Tisch zu setzen und darüber zu diskutieren“, sagt der Friseur: „Warum stimmt das deutsche Parlament über so etwas ab?“

Beim Thema Politik tun sich Gräben auf

Spricht man in Döner-Läden und Gemüsegeschäften am Steintor über Politik, dort, wo Hannover am türkischsten ist, tun sich plötzlich Gräben auf, die man längst überwunden glaubte – und die plötzlich tiefer erscheinen denn je. Fast 60 Prozent der türkischen Wähler in Deutschland wählten zuletzt Erdogans islamisch-konservative Partei AKP. Das Gros der Deutschen hingegen sieht in Erdogan einen Despoten am Rande des Wahnsinns, irgendwo zwischen Donald Trump und Kim Jong Un. Wo zwei Welten sich so unversöhnlich gegenüber stehen, wird Integration zum Ernstfall – und für beide Seiten stellt sich die Frage, ob Toleranz hier anfangen oder hier aufhören muss.

In einem Café an der Langen Laube sitzt Mustafa Yagiz. Seit 1980 lebt der Kälteanlagenbauer in Deutschland, seine Frau ist Deutsche. „Ich habe Erdogan gewählt, und ich werde es wieder tun“, sagt der 52-Jährige ruhig: „Erdogan ist gut für die kleinen Leute.“ Und der Fall Böhmermann? „Sein Gedicht war unter der Gürtellinie, so was macht man nicht.“ Und Armenien? „Darüber sollen Historiker urteilen, nicht Politiker.“ Und die Drohungen gegen türkischstämmige Abgeordnete, die für die Resolution stimmten? „In sozialen Medien wird leider viel geschrieben, was nicht in Ordnung ist.“ 

Böhmermann-Gegner möchten nicht namentlich zitiert werden

Beileibe nicht alle Türken am Steintor sind Parteigänger Erdogans. Doch dessen Gegner möchten in der Zeitung oft lieber nicht namentlich zitiert werden: „Böhmermann hat den Deutschen endlich die Augen über Erdogan geöffnet“, sagt eine 38-Jährige. Ein Ladenbesitzer sieht das genauso: „Das mit den Armeniern war Völkermord, meine Urgroßmutter hat mir davon erzählt“, sagt er. Ein Bäcker kann von Deutschtürken berichten, die aus Angst vor Erdogans rigidem Regime keinen Urlaub mehr in Anatolien machen. Er selbst ist neuerdings nicht mehr bei Facebook aktiv: „Ich will doch nicht bei der Einreise als angeblicher Terrorist verhaftet werden“, sagt er. Dass viele seiner Landsleute Erdogan vertrauen, liege an dessen Propaganda: „Die türkischen Medien sind längst gleichgeschaltet.“

Mustafa Yagiz hingegen macht die deutschen Medien für das schlechte Image Erdogans in Deutschland verantwortlich: „Die sind einseitig – die Berichterstattung muss man doch mal hinterfragen“, sagt er. Der Meinung ist auch Mehmet Zengin, der gerade auf dem Weg zum Gebet in die Merkez-Moschee in der Stiftstraße ist: „Noch nie war ein Präsident so gut für die Türkei wie Erdogan“, sagt er beschwörend. Der Busfahrer zählt an den Fingern auf: „Die Wirtschaft wächst, es werden Straßen gebaut, es gibt neue Flughäfen“, sagt er: „Die Türkei war klein, und jetzt können wir erhobenen Hauptes durch die Welt gehen.“
Respekt. Für ihr Land, ihre Kultur, für sich selbst. Das ist es, was sich viele Türken in Hannover von Erdogan erhoffen. Etwas, das ihnen in Deutschland lange verwehrt blieb. Sie sind bereit, Erdogan viel zu verzeihen, wenn er ihnen zu Größe und Anerkennung verhilft. Die Fremdheit zwischen ihnen und den Deutschen wächst dabei.

„Es gibt schon große Unterschiede. Unterschiede zwischen Deutschen und Türken, politische und religiöse“, sagt Celal Mermertas nachdenklich. Der 60-Jährige steht vor dem Saray-Supermarkt, den er an der Langen Laube gegründet hat. Seit fast 40 Jahren lebt er in Deutschland, er hat sich hier etwas aufgebaut. Dass die große Politik Türken und Deutsche entzweien könnte, glaubt er nicht: „Die Menschen ändern sich nicht, weil sich die politische Lage verändert“, sagt er. Da ist er Optimist.

Von Simon Benne

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