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Hannover presst wieder Schallplatten

Vinyl-Presswerk EDC Hannover presst wieder Schallplatten

Vor 25 Jahren stellte die Entertainment Distribution Company in Langenhagen die industrielle Produktion von Schallplatten ein. Nun haben sie die Arbeit mit den schwarzen Scheiben wieder aufgenommen – denn Vinyl ist wieder in Mode.

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Ein paar Geräte gibt es noch – und ein paar Experten auch: Maschinenführer Tamen Yazgan zeigt eine Matrize, die er in die Maschine einspannt.

Quelle: Kutter

Hannover. Alle 30 Sekunden spuckt die Maschine, an der Temel Yazgan in der Produktion der Entertainment Distribution Company (EDC) in Langenhagen arbeitet, einen schwarzen Kuchen aus. Der Rundling sieht aus wie ein zu groß geratener Eishockeypuck und besteht aus Polyvinylchlorid, kurz: Vinyl, sowie Zuschlagsstoffen wie Ruß und Wachs. Die Maschine schickt den Kuchen auf den Pressteller. Er wird mit Dampf auf rund 200 Grad erhitzt, dann mit rund 100 Tonnen Druck zusammengepresst und schließlich mit Wasser gekühlt. Heraus kommt, nachdem die Maschine noch die überstehenden Ränder abgeschnitten und ein Label in die Mitte geklebt hat: eine Schallplatte. Oder, wie Fans sagen, eine Scheibe, eine Langrille. So etwas ist in Hannover einst jahrzehntelang in rauen Mengen hergestellt worden. Und dann seit 25 Jahren überhaupt nicht mehr.

In Zeiten, in denen sich einerseits Fans immer mehr Musik aus dem Internet herunterladen, wird andererseits die gute, alte Vinyl-Schallplatte wieder salonfähig. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, dass Produzenten nicht mehr bloß Klein- und Kleinstserien für Liebhaber pressen, sondern wieder in die industrielle Serienfertigung einsteigen. „Musiklabels haben uns angesprochen, wir haben Marktanalysen angestellt. Anschließend hat das EDC-Management im April die Entscheidung gefällt, wieder in die Vinyl-Produktion einzusteigen“, sagt Thomas Moss, zuständig für Verkauf und Marketing.

Vor 25 Jahren stellte die Entertainment Distribution Company in Langenhagen die industrielle Produktion von Schallplatten ein. Nun haben sie die Arbeit mit den schwarzen Vinyl-Scheiben wieder aufgenommen.

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Die Entscheidung zu fällen war die eine Sache, sie umzusetzen, eine andere. Der Grund: „Es ist schwierig, Pressmaschinen aufzutreiben“, sagt Produktionsleiter Gerhard Eggers. 1983 ist weltweit die letzte Schallplattenpresse hergestellt worden. „Danach dachte man, die Dinger würden nie mehr gebraucht“, erzählt der Ingenieur. Was noch in den Produktionshallen stand, wurde zum großen Teil verschrottet. Das gilt auch für die rund 100 Maschinen, die bis 1990 in der alten Fertigung des EDC-Vorläufers Polygram an der Podbielskistraße pressten. Lediglich ein kleiner Teil von ihnen ging damals in die Niederlande. Eggers ließ alte Kontakte spielen, forschte im Internet und trieb schließlich bislang sieben Maschinen aus schwedischer Herstellung auf. Die tun nun in der EDC-Halle an der Emil-Berliner-Straße in Langenhagen wieder Dienst.

Überhaupt ist Eggers – „bei uns der Stubenälteste“, wie Moss sagt – für die Wiederaufnahme der Schallplattenherstellung fast nicht zu ersetzen. Der 63-jährige Ingenieur arbeitet seit 40 Jahren im Betrieb. Somit kennt er den leicht teerigen Geruch der Vinyl-Produktion noch aus deren Hochzeiten in den Siebzigerjahren. Und er weiß, wie sie laufen muss. Die Pressen, deren Funktionsweise seit knapp 30 Jahren mangels neuer Produkte keinerlei Innovationsschübe erfahren hat, arbeiten teilmechanisiert. Mit anderen Worten: Hier steuert kein Computer die Technik. Temperaturen, Drücke und Hydraulik müssen von Hand reguliert werden. Der Dreh an der Stellschraube, heute gern von Führungskräften mit Hang zur Bildsprache bemüht, hat in der Schallplattenproduktion noch seine eigentliche Bedeutung. „Ich besitze zum Glück noch alte Handbücher und Berichtshefte. Die konnte ich wieder nutzen“, sagt Eggers.

Auch sonst ist Handarbeit gefragt, ein Umstand, um den Fans wissen und den sie schätzen. So darf zum Beispiel das Loch in der Schallplatte nur um höchstens 0,2 Millimeter aus der Mitte abweichen. Um diese Toleranz auf der aus Edelstahl bestehenden Pressvorlage für Schallplatten einer einzelnen Serie, den sogenannten Matrizen, einzuhalten, zentriert sie der Mitarbeiter durch Klopfen mit der Hand und nutzt zur Ergebniskontrolle ein Mikroskop.

Das Duo Heymoonshaker, das Bluesmusik macht, ist im Nachbarland Frankreich schon eine große Nummer, hierzulande aber noch eher ein Insidertipp. Die beiden Briten können für sich verbuchen, dass ihr neues Album „Noir“ das erste ist, das bei EDC nach Aufnahme der Produktion gefertigt wurde. Was sonst noch so aus den Pressen kommt, bleibt vorerst Betriebsgeheimnis. „Die einzelnen Künstler und die Musiklabels wollen die Wiederentdeckung der Schallplatte für sich selbst promoten“, sagt Marketingleiter Moss. Verraten darf er aber, dass erstens die gesamte Bandbreite der Musik von Punk über Pop bis Klassik vertreten ist und dass sich Freunde des sich drehenden Plattentellers mit laufendem Tonarm demnächst über neue Schallplatten auch von Superstars freuen dürfen.

Bei der Rückbesinnung auf Vinyl handelt es sich nach Angaben von Moss um einen weltweiten Trend, den derzeit in Deutschland rund ein halbes Dutzend Unternehmen bedient. In der Bundesrepublik wurden zuletzt jährlich etwa zwölf Millionen der schwarzen Tonträger verkauft. Die Szene erwartet, dass die Kurve steil ansteigen wird. EDC fertigt Serien von 500 bis zu 20.000 Exemplaren, in der Regel ordern die Auftraggeber in der Größenordnung zwischen 1000 und 2000. Nach Angaben von Eggers können die Langenhagener 15.000 Scheiben am Tag fertigen, also rund fünf Millionen im Jahr. Zum Vergleich: Das alte Polygram-Werk in der List schaffte 250.000 – allerdings pro Tag.

„Derzeit ist die Nachfrage am Markt nach Schallplatten höher als die Produktionskapazitäten hergeben“, sagt Moss. Wer einen Tonträger produzieren lassen will, muss deshalb drei Monate warten – „in der CD-Produktion wären solche langen Fristen undenkbar.“

Die EDC, die in die neue, alte Produktion schon rund eine Million Euro gesteckt hat, will deshalb die Kapazitäten in ihrem Werk noch aufstocken und möglichst zehn weitere Pressmaschinen beschaffen. Bloß: Woher nehmen und nicht stehlen? Produktionsleiter Eggers war noch einmal im Internet unterwegs. „Dort ist die Rede davon, dass es noch 70 Maschinen geben soll“, sagt er. Wer eine besitzt, kann dafür je nach Zustand mehrere 100.000 Euro verlangen. Die guten Stücke sind noch aus einem anderen Grund wichtig: Sie können als Ersatzteillager für besser erhaltene Exemplare dienen. „Was wir hier machen, ist in etwa das, was Autoliebhaber tun, die einen Oldtimer kaufen und möglichst originalgetreu restaurieren wollen“, sinniert Eggers.

Mehr als Schall und Rauch

Die Chefs von EDC sind sich sicher, dass es sich bei der Renaissance der Vinyl-Schallplatte nicht bloß um eine kurzfristige Erscheinung handelt. „Wir richten uns auf eine stabile, dauerhafte Produktion ein“, sagt Marketingleiter Thomas Moss. Dafür gibt es Gründe.

Die Qualität: „Nichts geht über den weichen, vollen, echten, analogen Klang einer Schallplatte“, findet EDC-Produktionsleiter Gerhard Eggers, der selbst eine umfänglichere Sammlung zu Hause stehen hat. Besonders merkbar sei der Qualitätsunterschied im Vergleich von Schallplatte zu MP3-Playern. Schallplattenmusik klinge nach Handarbeit, digitale Musik nach Massenproduktion.

Das Erlebnis: „Wer Musik von der Schallplatte hört, tut dies bewusster“, sagt Moss. Das Aussuchen einer Scheibe, das Herausziehen aus der Hülle, das Entstauben, das Auflegen auf den Plattenteller, die Spannung, wann die Musik einsetzt – all das gehöre zum Hörerlebnis mit dazu.

Das Gefühl: „Wenn man Musik aus dem Internet herunterlädt, hantiert man mit Daten. Eine Schallplatte verschafft den Musikfans ein gutes haptisches Gefühl“, sagt Ralf Herring, Chef beim Kundenservice des Unternehmens. Das ist einer der Gründe dafür, dass die neuen Schallplatten 180 Gramm wiegen und damit bis zu einem Drittel schwerer sind als diejenigen, die vor 30 Jahren gepresst wurden. Der Kunde hält mehr in der Hand.

Die Retrowelle: Möbel, Haushaltsgegenstände, Fahrräder, Autos, Mode und, ja, auch Plattenspieler – Retro, also die guten Stücke von gestern, sind in. Manchmal kommen sie original daher, manchmal in Form von moderner Technik, verpackt in Retrodesign. „In unserem Freundeskreis ist eine Schallplattensammlung gerade ein Imageding“, sagt EDC-Mitarbeiterin Saskia Bernard, die 28 Jahre alt ist und damit Kleinkind war, als die Scheibe zwischenzeitlich aus der Massenmode kam.

Sie war nie ganz weg: Liebhaber und Sammler haben sich nie von der Schallplatte verabschiedet und auch viele der angesagten Disc-Jockeys nicht. DJs legen auf, heißt es schließlich – und nicht: laden herunter. 

Hannover und die Schallplatte

Unesco City of Music – diesen Titel trägt Hannover neuerdings. Was die Bedeutung der Stadt für das Tonträgerwesen angeht, ist er mehr als gerechtfertigt. Der Erfinder der Schallplatte, Emil Berliner, ist gebürtiger Hannoveraner. Als Unternehmer gründete er die Deutsche Grammophon, die 1898 als erste weltweit mit der Massenfertigung von Schellackplatten startete. Der Legende nach geschah dies in einem Kuhstall in der heutigen Nordstadt.

Im Werk an der Podbielskistraße kamen 1951 die ersten Langspielplatten aus Vinyl aus den Pressen, im Langenhagener Werk erlebten 1982 CDs ihre Weltpremiere. Damals dachte man, die neuen Tonträger würden die Schallplatten zum Fall für die Industriegeschichte machen. Die Produktion wurde immer weiter heruntergefahren und 1990 schließlich komplett beendet. Die Fabrikationsstätte in der List wurde geschlossen.

Wechselvoll ist die Geschichte des Unternehmens. Die Deutsche Grammophon kam zur Philips-Tochter Polygram, wurde von dort an den kanadischen Seagram-Konzern weitergereicht und mit dessen Musiktochter Universal verschmolzen. Die entließ die Langenhagener 2005 unter dem Namen EDC in die Selbstständigkeit. Nachdem zwischendurch der berüchtigte Hedgefondsmanager Robert Chapman ein kurzes Gastspiel gab, übernahm 2011 das Management die Firma mit aktuell 700 Mitarbeitern und 100 Millionen Euro Jahresumsatz.

Wer sich für die Historie der Schallplatte interessiert: Im Museum für Energiegeschichte an der Humboldtstraße 32 in Hannover läuft derzeit die Ausstellung „78,45,33 – vom sanften zum starken Sound“. Nähere Informationen gibt es unter  www.energiegeschichten.de.

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