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"Noch im Untergehen hatte sie gesiegt"

Schlacht von Langensalza vor 150 Jahren "Noch im Untergehen hatte sie gesiegt"

Vor 150 Jahren kapitulierten Hannovers Truppen, das Königreich fiel an Preußen – doch die Besatzer stießen auf erbitterten passiven Widerstand. Die Schlacht bei Langensalza am 27. Juni 1866 - vor 150 Jahren - markiert einen der wichtigsten Wendepunkte in der Stadtgeschichte Hannovers. Ein Blick zurück.

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Quelle: Archiv/Schaarschmidt/M

Hannover. Das Bild sollte den Soldaten noch Jahrzehnte lang verfolgen. Nach der Schlacht sammelte ein Leiterwagen die Gefallenen ein: „Wie man Heu aufladet, so liegen sie da, noch hoch über den Leitern hinweg. Bis zur Unförmigkeit angeschwollen, mit ganz schwarzen Gesichtern, die schrecklichen Wunden von Fliegenschwärmen bedeckt“, erinnerte sich der hannoversche Jäger Georg Steinberg später. „Dazu eine gewitterschwüle Luft und dieser unsagbar schreckliche Geruch – es ist nicht wahr, daß der Mensch ein Ebenbild Gottes ist.“ Das Gefecht, das der jüdische Soldat überlebt hatte, markiert den vielleicht wichtigsten Wendepunkt in der Geschichte Hannovers. Ein Schicksalsdatum. In einem berühmten Bonmot konstatierte der Historiker Theodor Mommsen, dass 1866 „die Weltgeschichte um die Ecke bog“. In Hannover machte die Weltgeschichte auf dem Weg zur Reichsgründung allerdings einem ganzen Königreich ein Ende: Das Land wurde zur preußischen Provinz degradiert.

Die Schlacht von Langensalza vor 150 Jahren gehörte zum letzten innerdeutschen „Bruderkrieg“: Preußen und Österreich rangen damals um die Vormacht in Deutschland. Hannovers blinder König Georg V. pochte auf die Neutralität seines Landes. Ob Starrsinn oder Prinzipientreue – bei dieser Haltung blieb er auch, als die Preußen ihm ein Ultimatum stellten, um ein Bündnis gegen Österreich zu erzwingen. Dabei musste Georg V. wissen, dass Hannover den Preußen ohnehin ein Dorn im Auge war, da das Königreich wie ein Keil zwischen Preußens Stammlanden und seinen westlichen Provinzen lag.
Hannovers Truppen waren nur bedingt abwehrbereit, als die Preußen im Sommer 1866 einmarschierten. Mit ihren hoffnungslos veralteten Vorderladern waren sie den Invasoren, die moderne Zündnadelgewehre hatten, technisch unterlegen. Auch fehlte es ihnen an Wasser und Verpflegung, nachdem sie per Zug – der Eisenbahn kam erstmals in der deutschen Geschichte kriegsentscheidende Bedeutung – in den Süden verlegt worden waren. Dennoch schlugen sie die Preußen, als es bei Langensalza in Thüringen zur Schlacht kam.

Es war ein drückend heißer Tag, als die Preußen mit 8500 Soldaten ihrer insgesamt mehr als 50 000 Mann starken Armee die rund 20 000 Hannoveraner angriffen. Es ist überliefert, dass der preußische General Flies bei mehr als 30 Grad einen Sonnenstich erlitt. In einem zehnstündigen Kampf, der 1436 Hannoveraner und 830 Preußen das Leben kosten sollte, behielten Hannovers Truppen – auch dank ihrer Artillerie – die Oberhand.
Es war ein Pyrrhussieg: Die zahlenmäßig überlegenen Preußen kesselten die Hannoveraner ein; diesen fehlte es an Verpflegung und Munition. Einer ihrer Heerführer fand gegenüber Georg V. denkwürdige Worte: „Ich darf Eurer Majestät zu diesem glänzenden Siege Glück wünschen; es ist indes der Todestag unserer Armee.“ Zwei Tage nach der Schlacht, am 29. Juni 1866, kapitulierte Georg V. „Noch im Untergehen hatte sie gesiegt“, beschied der Preuße Theodor Fontane der hannoverschen Armee in ritterlich-jovialem Ton.

Blinder Georg V. wird zum König der Herzen

Georg V. hatte von Hannover tränenreich Abschied genommen, ehe er zu seinen Truppen gefahren war: Nachts, um 2.30 Uhr, hatte er noch einmal das Mausoleum im Berggarten besucht, in dem seine Eltern ruhten. Er ahnte, dass er Hannover für immer verlassen musste: Nach der Kapitulation ging er nach Österreich ins Exil. Womöglich hätte der blinde König sein Land mit Zugeständnissen an die Preußen retten können, doch er ging lieber unter, als der Macht zum Sieg über das Recht zu verhelfen. Als „Christ, Monarch und Welf“ könne er nicht anders handeln, erklärte er pathetisch.
Paradox: Als er sein reales Reich verloren hatte, wurde der erzkonservative König, der nie sonderlich beliebt gewesen war, zum König der Herzen. Generös entband er seine Beamten von ihrem Treueeid, um ihnen den Eintritt in andere Dienste zu ermöglichen. Doch er selbst verzichtete bis zu seinem Tod 1878 nicht auf seinen Thron. Stattdessen organisierte er von Österreich aus trotzig den Widerstand gegen Hannovers Besatzer – und dieser war groß.
Unbekannte sammelten im Sommer 1866 Unterschriften gegen die drohende Annexion Hannovers. Ein heimlich gegründetes „Central-Comitée“ rief zu passivem Widerstand gegen die Preußen auf: „Protestirt in lautloser und geräuschloser Weise gegen den Act der Vergewaltigung unseres Landes“, hieß es auf anonym geklebten Plakaten. Preußengegner sollten die Läden geschlossen halten und Trauerkleidung tragen. Der Dichter Christoph Nieschmidt schmiedete in jenen Jahren wacker Verse wider die Besatzer: „Fluch dem preußschen Räuberreiche! / Fluch der Hohenzollerschar! / Fluch dem bösen Usurpator! / Fluch dem räuberischen Aar!“

1866 kapitulierten Hannovers Truppen und das Königreich fiel an Preußen. Bei der Schlacht von Langensalza stießen die Besatzer allerdings auf erbitterten passiven Widerstand.

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„Der König von Preußen hat unseren rechtmäßigen König und Herrn, Georg V. von Hannover, in unrechtmäßiger Weise mit Krieg überzogen“, stand auf einem Flugblatt, das 1866 überall kursierte. Bei Spendenaufrufen zugunsten der verwundeten Soldaten kamen immense Summen zusammen. „Eine organisierte Form des Widerstandes“, urteilte der Historiker Arne G. Drews. Alle Proteste waren vergebens: Der 3. Oktober 1866 wurde zum Tag einer unfreiwilligen deutschen Einheit: Die Annexion des Königreiches trat in Kraft, den Staat Hannover gab es nicht mehr.

Die große Wende in Hannovers Geschichte

Eine historische Zäsur: Die Schlacht bei Langensalza vor 150 Jahren steht für den vielleicht größten Einschnitt in Hannovers Geschichte: Die Truppen des Königreichs siegten dabei zwar gegen die Preußen, mussten aber am 29. Juni 1866 kapitulieren, da sie von einer Übermacht eingekesselt waren. Hannover, bis dato ein eigenes Königreich, wurde annektiert und verschwand als unabhängiger Staat von der Landkarte.
Der Krieg von 1866 war der letzte „Bruderkrieg“, bei dem Deutsche gegen Deutsche kämpften. Die Stadt Hannover wurde von einer stolzen Residenzstadt zur preußischen Provinzhauptstadt degradiert. Mit dem königlichen Hof verlor Hannover auch ein Zentrum für Wirtschaft und Kultur – und die Stadt büßte einen Teil ihres Selbstbewusstseins ein.

Noch über Jahrzehnte hielten welfische Klubs, von den Preußen als Partikularisten und rückständige Spalter des Reiches diffamiert, die Erinnerung an Langensalza wach. Die welfisch gesonnene Deutsch-Hannoversche Partei (DHP) prangerte preußischen Militarismus an und forderte, Hannover zu einem eigenen Gliedstaat im Deutschen Reich zu machen. Und Georg V., der entrechtete König in seinem Exil, wurde zum Sinnbild für fairen Föderalismus und hannoversche Freiheit. Als Opfer eines Eroberungskrieges wurde ausgerechnet der reaktionäre Monarch zum Helden hannoverscher Freiheitsfreunde. Und zur Galionsfigur eines Widerstands gegen die Obrigkeit, wie es ihn in der deutschen Geschichte nur selten gab.

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