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Aus der Stadt Als 15.000 Schüler einen Minister in die Knie zwangen
Hannover Aus der Stadt Als 15.000 Schüler einen Minister in die Knie zwangen
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00:16 15.03.2017
Von Saskia Döhner
Größte Schülerdemonstration Niedersachsens: Die Kundgebung vor dem Portikus des Landtags. Quelle: HAZ-Archiv
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Hannover

Facebook und WhatsApp gab es noch nicht. Trotzdem gelang es einer Handvoll Schülervertreter vor 30 Jahren, innerhalb von sechs Wochen die bis heute größte Schülerdemonstration Niedersachsens auf die Beine zu stellen. „Wir hatten Festnetztelefon und Flugblätter“, erinnert sich Daniel Dunkhase, damals Sprecher des Landesschülerrates und Schüler an der Gesamtschule Brinkum bei Bremen, heute Unternehmensberater in Berlin. Mobilisiert wurde persönlich, nicht virtuell. „Ich bin ganz viel herumgefahren, habe Schulen in Gifhorn, Oldenburg und Osnabrück besucht und dort diskutiert“, sagt der damalige Vorsitzende des Landesschülerrates, Siamak Pourhassan (47), einst Gymnasiast aus Hameln, mittlerweile Chirurg.

Etwa 15.000 Jugendliche protestierten am 12. März 1987 gegen die geplante Oberstufenreform des CDU-Kultusministers Georg-Berndt Oschatz, aber auch gegen allgemeine Missstände in den Schulen. Die Großdemo stand am Ende einer landesweiten Aktionswoche. „Wir haben eine Restauration eines Schulsystems wie aus den Fünfzigerjahren befürchtet“, sagt Daniel Terner. Der Abiturient von der Tellkampfschule war damals Vorsitzender des hannoverschen Stadtschülerrates. Heute ist er Anwalt für Verkehrsrecht.

Etwa 15.000 Jugendliche protestierten am 12. März 1987 in Hannover gegen die geplante Oberstufenreform.

Initialzündung war ein landesweiter Schülerkongress in der Integrierten Gesamtschule (IGS) Linden Ende Januar 1987. „Die Forderungen von damals sind immer noch aktuell“, sagt Pourhassan: „Kleinere Klassen, mehr Lehrer, mehr Wahlfreiheit in der Oberstufe, mehr Chancengleichheit, Durchlässigkeit des dreigliedrigen Schulsystems, neue Technologien, Modernisierung. Viele der heute 43 bis 49 Jahre alten Eltern werden teilweise die gleichen Missstände bei ihren Kindern in den Schulen vorfinden.“

Die Wucht des Protests überraschte damals nicht nur die konservative Landesregierung, sondern auch manchen Schulleiter, der so viel Rebellentum bei seinen Schülern nicht gewohnt war. Es sei keineswegs nur eine Bewegung der IGS-Schüler gewesen, wie es der Philologenverband behauptete, betonen Dunkhase, Terner und Pourhassan. Auch viele Gymnasiasten, sowohl Oberstufenschüler wie auch Neunt- und Zehntklässler, skandierten vor dem Landtag „Paris, Madrid, Hannover“. In ganz Europa demonstrierten in den Achtzigerjahren Schüler und Studenten.

2017 auf Mallorca: Siamak Pourhassan (v. li.), Daniel Terner und Daniel Dunkhase feiern die Aktion von damals. Quelle: privat

Kultusminister Oschatz wurde vom Sturm der Protestbewegung weggefegt. Er trat im April 1987 zurück, auch sein Nachfolger Prof. Wolfgang Knies (CDU) musste nach nur einem Jahr seinen Hut nehmen. Nach dem Regierungswechsel 1990 wurde Prof. Rolf Wernstedt Kultusminister. Er hatte die demonstrierenden Schüler 1987 unterstützt.

Den Jahrestages des Protests feiern Pourhassan, Dunkhase und Terner auf Mallorca. An die Großdemonstration, bei der auch Gerhard Schröder sprach, erinnern sie sich gern. Ist ihnen die Schülergeneration 2017 zu brav? „Nein“, sagt Pourhassan. Immer wieder gebe es Schüler, die für ihre Rechte einträten: „Das finde ich gut.“ Mobilisieren könne man heute aber leichter als 1987 - per Knopfdruck auf dem Smartphone.

Darum ging es damals – und so ist es heute

1987 wendete sich der Schülerprotest in Hannover gegen eine Einschränkung der Wahlmöglichkeiten in der Oberstufe, die Abschaffung des Kurssystems, die Verdrängung gesellschaftswissenschaftlicher Fächer wie Gemeinschaftskunde und die Verpflichtung, Deutsch, Mathematik und eine Fremdsprache bis zum Abschluss zu behalten. Zudem ging in Niedersachsen das Drohgespenst von der geplanten Einführung von Studiengebühren um: 1000 Mark sollte der Hochschulbesuch angeblich pro Semester bald kosten. 

Heute ist die zurückreformierte Oberstufe wie damals wieder dreijährig. Die Wahlfreiheit ist tatsächlich verringert: Mathematik etwa darf nicht abgewählt werden. Die Studiengebühren betrugen zwischenzeitlich 500 Euro – aber auch sie sind wieder abgeschafft.

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