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Aus der Stadt Fuffzig Mark für die „Deutsche“
Hannover Aus der Stadt Fuffzig Mark für die „Deutsche“
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00:15 02.07.2013
Von Volker Wiedersheim
Finale 1938: Hannover 96 gewann gegen Schalke mit 4:3 nach Verlängerung. Quelle: Philipp von Ditfurth
Hannover

Für Hannover 96? Nein, Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten dürfte eher ein Anhänger der Fußballer vom FC Schalke 04 gewesen sein. Und als die Hannoveraner als krasser Außenseiter am 3. Juli 1938 deutscher Fußballmeister wurden, da ließ sich die Zerknirschung des SA-Mannes aus seinem Telegramm an die Sieger herauslesen. „Die aufrichtigsten Glückwünsche“ übermittelte er etwas förmlich den 96ern und fügte eine Ode an die Unterlegenen an: „Die Pionierarbeit (der Gelsenkirchener; d. Red.) der letzten Jahre möge ihnen niemals vergessen sein. Möge das Beispiel der Schalker die jungen Sieger mit der Würde des Deutschen Fußballmeisters anspornen.“ Der 96-Siegesfeier am Abend nach der Entscheidung im Berliner Hotel „Russischer Hof“ blieb von Tschammer und Osten fern. „Arbeitsüberlastung“, so lautete seine knappe Begründung.

Die Hannoveraner haben trotzdem gefeiert. 110.000 Menschen hatten das Spiel im Berliner Olympiastadion gesehen. Es werden mehr als 20.000 aus Hannover darunter gewesen sein. Aufgebrochen schon nächtens in „Kraft durch Freude“-Sonderzügen und Autos, wie Berichte der Gauleitung vermerken. Es waren jedenfalls viel mehr Hannoveraner in Berlin als eine Woche zuvor. Bereits am 26. Juni hatten sich 96 und S 04 im Olympiastadion gegenübergestanden. Aus Sicht des deutschen Fußballpublikums war für die „Knappen“ aus dem Ruhrpott nach drei Titeln in Serie auch die vierte „Deutsche“ sicher - so hieß die Meisterschaft damals im Volksmund. Allein die Höhe des erwarteten Sieges war umstritten.

Doch es kam anders. 96 zwang den Favoriten im Spiel am 26. Juni durch ein 3:3 in die Verlängerung und, weil die ohne Tor und Entscheidung blieb, in das Wiederholungsspiel am 3. Juli. Dieses ging wieder in die Verlängerung und endete schließlich mit 4:3 Toren für die 96er - ein überraschender Triumph (siehe rechts).

Nach der Feier im „Russischen Hof“ und der Heimkehr am Montag gab es einen spektakulären Empfang durch die 96-Fans, ja, eigentlich durch die ganze Stadt. Es sollen, so berichtet der Hannoversche Anzeiger, Vorläufer der HAZ, mehr als 100.000 Menschen auf den Beinen gewesen sein. Sie standen an den Straßen Spalier, als die Spieler um den Trainer Robert Fuchs am Bahnhof in vierspännige Droschken stiegen und zum Klubheim am Misburger Damm fuhren, der heutigen Achse Marienstraße/Hans-Böckler-Allee.

„Niedersachsen ist stolz auf euch!“, kommentierte der Anzeiger, und die Hannoveraner ließen die Helden von Berlin hochleben: Ludwig Männer, den Kapitän, Ernst Deike, den Halblinken Peter Lay und den Halbrechten Edmund Malecki. Natürlich Trainer Fuchs, der der erste Berufstrainer in der Geschichte der 96-Fußballer war. Der Klub hatte diesen Experten, der einen ganz und gar unzeitgemäßantiautoritären Führungsstil gepflegt haben soll, eigens aus Idar-Oberstein vom dortigen FC nach Hannover engagiert. Und Fuchs hatte von dort Spieler mitgebracht, die zu Helden hätten werden können - hätte sich Deutschland nicht kurz darauf in einen Krieg gestürzt: vier Brüder der Familie Meng.

Es wird bei 96 flott kombiniert, gegrätscht, gerannt, gekämpft

Ohne zwei von diesen, Richard und Erich, wäre die Meisterschaft mit der Trophäe „Viktoria“ wohl unerreicht geblieben. Der Mittelstürmer Richard und der Halblinke Erich hatten über die gesamte Saison 1937/1938 viele Treffer erzielt. Aber die Krönung ihrer Karriere waren die beiden Finalspiele. Richard, 1915 geboren, erzielte im ersten Spiel den Anschlusstreffer zum 1:2; Erich, Jahrgang 1918, gelang in der 89. Minute der rettende 3:3-Ausgleich. In der zweiten Partie traf Richard sogar doppelt - und Erich in der Verlängerung zum 4:3-Sieg.

Burkhard Meng, Jahrgang 1947, Sohn von Richard, gräbt in diesen Tagen in alten Mappen und zeigt Besuchern Fotokopien von Zeitungsschnipseln und Original­andenken. Weniges konnten die Mengs durch die Kriegswirren retten. Der Sohn des Meisterspielers hat deshalb für einiges Geld bei Händlern sowie bei Auktionen für Fußballfans und Sammler Erinnerungsstücke erstanden. Eine Eintrittskarte, ein Programmheft. Einen Dreiminutenfilmschnipsel aus der Wochenschau von Anfang Juli 1938 hat er auch. Einzig dafür steht der Videorekorder noch in der Schrankwand der guten Stube in der Misburger Wohnung. Die Qualität ist ganz gut - filmisch und fußballerisch. Es wird bei 96 flott kombiniert, gegrätscht, gerannt, gekämpft. Typische Spielweise für einen Außenseiter, der eigentlich nur gewinnen kann - die heutigen 96er haben das in ihren besseren Europapokalspielen in jüngster nicht viel anders gezeigt.

Wie weit hätten es die Mengs wohl bringen können? Nicht wenige Mitspieler aus der Meisterelf hatten den Sprung in die Nationalelf geschafft. Ernst Deike, Edmund Malecki, Helmut Sievert, Kapitän Ludwig Männer etwa, später auch Ludwig Pöhler und Johannes Jakobs. Aber Burkhard Meng winkt ab. „Bei Leuten wie Männer und Malecki hat das gepasst. Richard und Erich hätten sie allerdings niemals genommen, weil die dunkle Haare und einen dunkleren Teint hatten. Aber die Nazis wollten nur blonde Recken.“

Der Zweite Weltkrieg beendete schließlich die kaum begonnenen Karrieren der beiden Mengs auf brutale Weise. Sie wurden zur Wehrmacht eingezogen und spielten - in den ersten Kriegsjahren durchaus üblich -, wo ihre Einheiten stationiert waren. Erich lief deshalb einige Male für Wormatia Worms auf, fiel aber schon 1940 an der Front in Frankreich. Richard trug einige Zeit das Trikot des VFR Köln. Nach dem Krieg kehrte er nach Hannover zurück und spielte 1945/1946 für 96 um die Stadtmeisterschaft. Aus heutiger Sicht unvorstellbar: Die Stadt lag in Trümmern, aber gleich wurden wieder offizielle Spiele angepfiffen. Die Motivation: „Nach dem Krieg konnte man sich durch Fußball schon mal ein Essen erspielen“, sagt Burkhard Meng.

Bald jedoch gab es einen Streit des Meisterspielers mit seinem Klub. Für eine Saison half er daher bei Linden 07 aus, weil sein Mentor und 96-Trainer Robert Fuchs diese Mannschaft quasi nach Feierabend auch noch betreute. 1947 war er wieder bei den 96ern in der neu gegründeten Oberliga Nord am Ball. Anfang der Fünfziger wechselte er dann zur Altherrenriege des Klubs und hängte schließlich die Fußballschuhe an den Nagel.

Zweite Meisterschaft und DFB-Pokalsieg

„Er hat nie vor sich hergetragen und sich damit wichtig gemacht, dass er mal deutscher Fußballmeister geworden ist“, sagt Burkhard Meng. Einzig der Applaus, den eine Meisterschaft 1938 einbrachte, ist noch mit der heutigen Zeit zu vergleichen. Sonst ist alles anders. Schließlich erhielten die Spieler nicht einmal eine regelmäßige Entlohnung für ihren Einsatz, für zwei-, höchstens dreimal Training pro Woche nach Dienstschluss und die Spiele am Wochenende. Der Vorteil der Feierabendmeister bestand darin, dass der Klub den jungen Leuten in schwierigen Zeiten eine Anstellung - oft bei Continental - und eine gute Wohnung besorgte. Für den Triumph in Berlin erhielten die Spieler der Meisterelf je 50 Mark Handgeld vom Verein, der indes 70.000 Reichsmark für die Vereinskasse einstreichen konnte - was diese in jenen Jahren bitter benötigte.

Richard Meng, so sagt sein Sohn, sei stets ein bescheidener Mann gewesen. Doch trotzdem sei ihm das große private Glück verwehrt geblieben. Er trennte sich von seiner Frau und verlor die Anstellung in einer Firma für Brauereibedarf - denn sein Schwiegervater war dort der Chef. Der Sohn blieb bei der Mutter, sah den Vater aber noch oft. Sie gingen zusammen zum Fußball. Zu 96 natürlich. Sie sahen Spiele auf der Hindenburg-Kampfbahn, bald nach dem Krieg in Eilenriedestadion umbenannt, und auf der Radrennbahn am Pferdeturm. 1965 starb Richard Meng.

Den Sohn hat er da aber schon so nachhaltig auf den Fußball-Geschmack gebracht, dass dieser selbst mit dem Kicken anfing. Natürlich beim 96-Nachwuchs.

Die Leidenschaft für die „Roten“ ist in der Familie bis heute ungebrochen. Die zweite, bisher letzte, Meisterschaft des Teams 1954 erlebte Burkhard Meng als Steppke vor einem Radiogerät. Lange Zeit war er als Erwachsener Stammgast im Niedersachsenstadion. Er erinnert sich gern an die großen Pokalfights der „Roten“. 1992 war er beim DFB-Pokalgewinn im Berliner Olympiastadion - dem Ort des großen Sieges seines Vaters. „Das war schon was Besonderes“, sagt Meng. Heute geht er aber nicht mehr in die Arena. „Ist mir zu teuer. Ich gucke lieber im TV.“ Und Ehefrau Petra? „Na ja, Fußball … Ich bin ja eigentlich ein Beatles-Fan.“ Das Poster der Viererkette aus Liverpool hängt im Flur gleich hinter der Wohnungstür. „Ich wusste aber von vornherein: Fußball - musst du mitmachen, oder man lässt es mit dem Mann“, sagt sie schmunzelnd. Die ständige Vertretung bei 96-Heimspielen im Stadion hat unterdessen Sohn Marc-Oliver übernommen. Der Ingenieur, Jahrgang 1972, hat eine Dauerkarte für die Nordkurve. Das Trikot ist beflockt mit der Nummer 13 und dem Namen Meng. Aber vielen sagt dieser Name heute nichts mehr.

So lief die Finalrunde für 96

In der Meisterschaftsendrunde von 1938 spielen die Ersten der 16 Gau­ligen. In der Gruppenphase überrascht 96 mit je zwei Siegen gegen den FC Hanau 93, den 1. FC Nürnberg und Alemannia Aachen. Im Halbfinale in Dresden gegen den Nordrivalen Hamburger SV liegt 96 zur Halbzeit schon 0:2 zurück, gleicht aber aus und gewinnt in der Verlängerung mit 3:2. Die Finalpaarung im Olympiastadion lautet 96 gegen Schalke 04. Wieder liegt Hannover zur Halbzeit schon 0:2 hinten. Dann gelingt Richard Meng zunächst der Anschlusstreffer. Kurz vor Schluss steht es 2:3, doch in der 89. Minute gleicht Erich Meng aus. Keine Tore in der Verlängerung, deshalb gibt es das Wiederholungsspiel am 3. Juli. 96 tritt erneut in der Aufstellung Pritzer – Sievert, Petzold – Jacobs, Deike, Männer – Malecki, Pöhler, Erich Meng, Lay – Richard Meng an. Dieser erzielt das 1:0. Ernst Kuzorra gleicht aus und schießt die Schalker in der 69. Minute in Führung, die wiederum Richard Meng egalisiert. Nur Sekunden später trifft Fritz Szepan zur Schalker 3:2-Führung. Ein verwandelter Handelfmeter von Hannes Jacobs (87.) erzwingt wie im ersten Spiel die Verlängerung. Bliebe das Ergebnis, wäre ein drittes Spiel notwendig. Doch in der 117. Spielminute trifft Erich Meng und macht 96 zum Meister.

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