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Aus der Stadt Vor zehn Jahren löste der Euro die D-Mark ab
Hannover Aus der Stadt Vor zehn Jahren löste der Euro die D-Mark ab
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20:11 30.12.2011
„Die hatte ich ganz vergessen“: Manfred Mylius mit seinen 18 Einsteigerpäckchen aus dem Wohnzimmerschrank. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Wenn Manfred Mylius in Erinnerungen schwelgen möchte, dann öffnet er seinen Wohnzimmerschrank. Dort bewahrt der 76-Jährige allerlei Dinge aus seiner Vergangenheit auf. Etwa die Kinderfotos seiner Enkeltöchter oder Bilder aus seiner 30-jährigen Tätigkeit im Stöckener VW-Werk. Vor knapp zwei Wochen, es ist wenige Tage vor Weihnachten, stöbert er wieder in dem Schrank. „Plötzlich sehe ich diese Kiste, die ich ganz vergessen hatte“, erzählt der Rentner aus dem Stadtteil Burg. Darin liegen 18 Plastiktütchen, jede enthält Euro- und Cent-Münzen im Wert von insgesamt 10,23 Euro. Es sind sogenannte Euro-Starterkits, die kurz vor Einführung der neuen Währung im Dezember 2001 ausgegeben wurden. Mylius hatte gleich mehrfach zugegriffen.

An diesem Sonntag gibt es den Euro seit genau zehn Jahren. Die neue Währung wurde am 1. Januar 2002 als Zahlungsmittel eingeführt, nach 53 Jahren hatte die Deutsche Mark ausgedient. Schon zwei Wochen zuvor verkauften die Banken Beutelchen mit Euro-Münzen im Gegenwert von 20 DM – als Appetithappen und um den Menschen die Skepsis vor dem fremdartigen Geld zu nehmen. Die Neugier war groß, die Tüten wurden ein Erfolg. Schon am 17. Dezember, dem ersten Ausgabetag, gingen allein in den Filialen der hannoverschen Sparkasse 200.000 Starterkits über den Tresen. Auch die HAZ berichtete über den Ansturm auf die Geldinstitute. Und in der Sparkassenfiliale in der Bahnhofstraße traf der Reporter damals auf Manfred Mylius. Der seinerzeit 66-Jährige sicherte sich dort als einer der Ersten ein Tütchen.

„Ich habe an diesem Tag noch in mehreren anderen Banken Sets gekauft. Es müssen insgesamt mehr als 20 gewesen sein“, berichtet Mylius heute. Im Gegensatz zu anderen habe er nicht darauf spekuliert, die Sets später mit Mehrwert an Sammler verkaufen zu können. „Es sollten Geschenke für die Familie werden“, sagt er. Und so hängte er die Tütchen an Heiligabend 2001 kurzerhand an den Weihnachtsbaum. Doch statt den wertvollen Behang zu plündern, pflückten seine Tochter und die zwei Enkeltöchter nur jeweils eine Tüte, erinnert sich Mylius. Und so liegen die restlichen 18 Sets seit zehn Jahren im Schrank – und wurden vergessen.

Ein bisschen erzählt die Geschichte von Manfred Mylius auch die große Geschichte des Euro. Die Anfangseuphorie, von der auch der Ansturm auf die Starterkits zeugt, wich schon bald der Ernüchterung. Schnell machte das Schlagwort vom „Teuro“ die Runde. Seit Einführung des Euro erhalte man weniger für sein Geld, lautet der verbreitete Vorwurf. Hinzu kommt die Angst vor einer Ausdehnung der Schuldenkrise: Nach einer neuen Studie des Finanzdienstleisters AWD glauben neun von zehn Deutschen, dass bald weitere Euro-Länder vor dem Bankrott gerettet werden müssen. Und ein knappes Drittel sieht eine ähnlich dramatische Geldentwertung auf die Euro-Zone zukommen wie während der Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren.

Auch Horst Bludaus Einstellung zum Euro hat sich in den vergangenen zehn Jahren gewandelt. So wie Manfred Mylius hatte sich auch der heute 74-Jährige aus der Wedemark am 17. Dezember 2001 ein Euro-Starterkit gesichert. „Zuerst habe ich mich auf das neue Geld gefreut, wollte es unbedingt in der Hand halten“, erzählt er heute. Doch seit der Euro da ist, hat er sich so manches Mal über ihn geärgert: „Aus einem Haarschnitt für zehn Mark ist ein Haarschnitt für zehn Euro geworden, aus einer Bratwurst für zwei Mark eine Wurst für zwei Euro.“ Dabei hatte alles so gut angefangen – gerade für Bludau: In der Sparkassenfiliale im Wedemärker Ortsteil Brelingen erstand er ein Euro-Starterkit, in dem eine Fehlprägung enthalten war. An einer 20-Cent-Münze waren die Ränder deformiert und ausgefranst. Im Gespräch mit der HAZ sagt er damals: „Vielleicht ist die Fehlprägung eines Tages viel Geld wert.“ Und so hat auch er sein Starterkit bis heute aufgehoben.

Bludau ist einer der wenigen, für den sich das Schlangestehen für ein Starterkit finanziell gelohnt haben dürfte. Das meint zumindest Christoph Walczak, Inhaber der Münzhandlung „Bühnemann Nachfolger“ in der Marienstraße. „Fehlprägungen kamen nur in einem von tausend Sets vor. Für eine Euro-Münze mit sogenannten Abarten legen Spezialsammler bis zu 300 Euro auf den Tisch“, sagt Walczak. Horst Bludau hätte sein Startertütchen aber mit ruhigem Gewissen aufreißen dürfen – denn Sammler seien nur an der einzelnen Münze interessiert.

Für alle, die ein normales Starterkit aufbewahrt haben, gelte: „Es ist das wert, was draufsteht: Nämlich genau 10 Euro und 23 Cent“, sagt der Münzhändler. Seiner Ansicht nach werden die Starterkits aus Deutschland auch in 200 Jahren nicht wertvoller sein. Der Grund ist die hohe Auflage der Beutelchen: Mehr als 40 Millionen seien hierzulande ausgegeben worden, sagt Walczak. „Nur wer etwa ein Set aus dem Vatikan sein Eigen nennt, von denen es nur 51.000 gab, kann bis zu 700 Euro verlangen.“

Jede Woche käme mindestens ein Kunde in sein Geschäft, der ein deutsches Starterkit verkaufen möchte – und den er enttäuschen muss. „Ich sage den Leuten, sie sollen es aufreißen und ausgeben. Oder als Erinnerungsstück behalten.“ Manche brächten ihm 20 Starterkits und hofften auf satten Gewinn. Manfred Mylius war bislang nicht darunter. Der hat seine 18 Beutelchen wieder in der Kiste im Wohnzimmerschrank verstaut.

Michael Soboll

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