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Waldraff will Ultras den Marsch blasen
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Gegen Fan-Krawalle Waldraff will Ultras den Marsch blasen

Der OB-Kandidat der CDU, Matthias Waldraff, möchte mithilfe von Spielmannszügen auf den Tribünen der HDI-Arena eine „Gegenkultur zu Ultras“ aufbauen. 96-Boss Martin Kind beurteilt den Vorstoß "defensiv".

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So ähnlich hätte es Matthias Waldraff wohl gerne: Spielmannszüge sollen während eines Bundesliga-Spiels von Hannover 96 für Atmosphäre sorgen. Unser Bild zeigt eine Volksmusikkapelle vor einem Heimspiel des FC Bayern.

Quelle: Archiv

Hannover. Mit einem höchst ungewöhnlichen Vorschlag hat Matthias Waldraff, Oberbürgermeisterkandidat der CDU, das Publikum einer Diskussionsveranstaltung in der HDI-Arena am Maschsee überrascht. Spielmannszüge von Schützenvereinen und Kapellen hannoverscher Feuerwehren sollen künftig während der Bundesliga-Spiele von Hannover 96 auf den Tribünen für Atmosphäre sorgen. „Meine Idee ist, eine Gegenkultur zu den Ultras aufzubauen, die glauben, ihr größtes Kapital wäre es, im Stadion allein für Stimmung sorgen zu können.“ Musikzüge wären eine bunte Ergänzung zur ritualisierten Stimmung und ließen ein Stück Hannover Einzug in die Arena halten. „Das ist nicht nur Rum-Ta-Ta, sondern ein relativ hohes musikalisches Niveau.“

Strafverteidiger Waldraff war am Montagabend Gast der hannoverschen FDP, die Fachleute und Politiker zur Diskussion über Sport und Gewalt eingeladen hatte. Dabei wurde auch über Ultras aus der Fanszene diskutiert. Zur Überraschung von 96-Präsident Martin Kind erläuterte der OB-Bewerber, die Kapellen könnten in einigen Zuschauerblöcken im ganzen Stadion verteilt werden. Dort würden Spielmannszüge solch eine Wucht entfalten, „dass die Ultras nicht mehr zu hören sind“. Er wolle diesen Leuten deutlich machen, dass die Menschen im Stadion Stimmung auch selber machen können. Dass Probleme wie Pyrotechnik und mitunter Gewalt durch traditionelle Hannover-Kultur nicht gelöst werden, weiß Waldraff. Dialoge mit Fans, Projekte und finanzielle Unterstützung müsse es weiterhin geben.

Als Vorbild schwebt dem OB-Kandidaten ein Fan des Bundesligisten Borussia Mönchengladbach vor. Dort schlug jahrzehntelang der Spanier Manolo medienwirksam auf eine Trommel und wurde eine bundesweit bekannte Figur. Waldraff sprach deshalb von einer „Offensive Manolo“ für Hannover.

Hannover 96 müsste sich diese Art der Stimmungsmache allerdings etwas kosten lassen, denn die durch Spielmannszüge belegten Plätze könnten nicht mehr an normale Zuschauer verkauft werden. Eine andere Frage ist, was umsitzende Besucher von Kapellen halten, die in unmittelbarer Nachbarschaft mit Pauken und Trompeten Spielzüge auf dem Platz begleiten. 96-Präsident Martin Kind äußerte sich gestern zurückhaltend zu Waldraffs Vorschlag. „Ich finde es toll, dass er sich Gedanken darüber macht, aber ich würde es eher defensiv beurteilen.“ Er glaube auch nicht, dass die Statuten des Deutschen Fußball-Bundes Spielmannszüge auf den Rängen zuließen.

Bei der FDP-Runde sagte Kind, wie sehr es ihn ärgere, dass der Klub 300.000 Euro für eine neue Videotechnik ausgeben müsse, nur um zwei Zuschauerblöcke zu überwachen: N16 und N17, jene Blöcke, auf denen Vermummte illegale Bengalos zündeten. „Sie wissen genau, was sie tun.“

Nach Monaten der Konfrontation, in denen der 96-Chef bei Heimspielen von Fans massiv beschimpft wurde, will sich Kind den Ultras dennoch annähern und offenbar in der kommenden Saison einige Privilegien zugestehen, die er kassiert hatte. Dies deutete der 96-Chef bei der Diskussion an. Details wollte er auf Nachfrage nicht nennen.

Denkbar scheint, dass Fans vom Klub wieder einen Container auf dem Stadiongelände gestellt bekommen. Dort hatten sie bislang zum Beispiel Fahnen und sonstiges Material unterbringen können, das sie etwa für Choreografien benötigen.

Kommentar: Offensive Matthias

Schon bei seiner Vorstellung hat Matthias Waldraff angekündigt, kein ganz normaler OB-Kandidat sein und auch mal Vorschläge jenseits der Norm machen zu wollen. Nun hält er Wort und speist innerhalb einer Woche drei, sagen wir: originelle Ideen in den Wahlkampf ein. Zuerst schlug er vor, das Parken in der Innenstadt kostenlos zu erlauben, wenn auch nur montags. Dann forderte er die Stadt auf, das marode Millionengrab Ihme-Zentrum zu kaufen, um die dortigen Probleme selbst zu lösen. Und nun will er aggressive Fans von Hannover 96 in den Griff bekommen, indem er in den Kurven Spielmannszüge platziert. „Offensive Manolo“ nennt er das.

Die so angelaufene „Offensive Matthias“ macht vor allem dies deutlich: Es ist nicht einfach, in Hannover für die CDU zu kandidieren – auch wenn der Gegner dieses Mal nicht übermächtig erscheint. Was soll man schon fordern in einem Wahlkampf, in dem sich in den wesentlichen Fragen alle einig sind: Defizit abbauen, Krippenplätze schaffen, Schlaglöcher ausbessern?

Der Kandidat Waldraff sucht also die Lücke, und viel Erfolg hat er damit bisher nicht gehabt. 96-Chef Martin Kind jedenfalls begegnet dem Blaskapellenvorstoß „eher defensiv“. Das zeigt, dass Kind ein höflicher Mensch ist – und Originalität im Wahlkampf nicht alles.

Felix Harbart

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