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Aus der Stadt Wallraff deckt Missstände in Notunterkunft auf
Hannover Aus der Stadt Wallraff deckt Missstände in Notunterkunft auf
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15:43 05.03.2009
In der Kritik: Der Bunker am Welfenplatz. Quelle: Tim Schaarschmidt/Archiv

Die Luft ist stickig, auf dem engen Gang ist es finster - und ganz nah, nur durch einen Vorhang getrennt, sitzt ein kräftiger Mann mit einem Messer, der wilde Drohungen ausstößt. „Erschießen! Erstechen am besten!“ Er steigert sich offenbar in Gewaltphantasien hinein und kündigt an, seinen Zimmernachbarn aufzusuchen. Günter Wallraff erinnert sich genau an das, was er gefühlt hat: „Ich habe Todesangst ausgestanden.“

Jene Nacht Anfang Februar in Hannover schildert der bekannte Journalist gegenüber der HAZ als „traumatisierend“. Er hat sie in der Obdachlosenunterkunft im Bunker am Welfenplatz zugebracht - im Zuge einer investigativen Recherche für eine Reportage über die Situation Obdachloser in elf deutschen Städten.

Wallraffs Urteil fällt eindeutig aus: „Der Bunker in Hannover war mit Abstand der schlimmste Ort, den ich in dieser Zeit kennengelernt habe - ich hoffe, ich trage dazu bei, dass er schnellstmöglich geschlossen wird. Unvorstellbar, dass man je auf die Idee gekommen ist, dort Menschen unterzubringen.“

Bei seinen Recherchen in verschiedenen Städten, darunter Frankfurt und Köln, gab sich der Journalist stets als Obdachloser aus. Ein Teil seiner Erfahrungen beschreibt er heute im „Zeit-Magazin“. Dass er in Hannover in dem brachialen Bau aus dem Zweiten Weltkrieg landete, war nach seiner Darstellung ein Zufall. Es sei die einzige Bleibe gewesen, die kurzfristig zur Verfügung gestanden habe, sagt er.

Die Übernachtung sei für ihn ein „Horrorszenario“ gewesen, berichtet Wallraff. Als er realisiert habe, dass von dem Obdachlosen mit dem Messer akute Gefahr ausgehe, habe er „panikartig“ den Weg nach draußen gesucht. Doch die Tür aus Stahl sei mit einem Schloss verriegelt gewesen. Auch die Pforte des Bunkerwarts sei abgeschlossen gewesen, auf Klopfen habe niemand reagiert. „Ich habe gedacht, was passiert nur, wenn mal ein Schwelbrand ausbricht - dann würden alle an einer Rauchvergiftung krepieren.“

Die Stadt Hannover geriet an diesem Mittwoch in Erklärungsnot. „Es kann nicht sein, dass der Bunker nachts verschlossen ist und niemand mehr hinaus kommt, der dies möchte“, sagte eine Sprecherin. Es könne ebenfalls nicht sein, dass der Wachdienst nicht präsent sei, wie von Wallraff beschrieben. „Wir werden heute klären, ob der Vorwurf so stimmt“, erklärte die Sprecherin. Jeder Wachdienst führe über die Zahl der Gäste und sonstige Vorkommnisse Buch, schwerwiegende Vorfälle würden an das Amt für Wohnungswesen gemeldet. Jeden Monat erhalte der Leiter des Fachbereichs Stadterneuerung und Wohnen Einsicht in diese Aufzeichnungen.

Laut Konzeption der Stadt steht der Bunker nur als Notunterkunft für eine bis maximal drei Nächte zur Verfügung. Er ist täglich ab 18 Uhr für Wohnungslose offen, pro Nacht ist ein Wachmann im Einsatz, der die Bettwäsche ausgibt und die Plätze zuteilt. Um 8 Uhr muss der Bunker verlassen werden, während der kalten Jahreszeit erst um 9.30 Uhr. Allerdings stehe der fensterlose Bau schon länger in der Kritik von Fachleuten, sagte Gottfried Schöne, Leiter der Zentralen Beratungsstelle für Menschen in besonderen sozialen Schwierigkeiten.

Wallraff war für drei Tage in Hannover. Er betont, dass er sich nur einen punktuellen Eindruck von der Obdachlosenszene verschaffen konnte. Bei seinen Recherchen begleitete er inkognito einen 57-jährigen Obdachlosen, den er Viktor nennt, aus dem Bunker zum Wohnungsamt. Die Behörde wies den Mann in die Dauerunterkunft in der Schulenburger Landstraße ein - für 159 Euro pro Monat, die vom Arbeitsamt erstattet werden. „Ohne Unterstützung hätte er den Gang zu den Behörden wohl nicht bewältigen können“, meint Wallraff. Streetworker müssten den Obdachlosen gezielte Hilfe anbieten.

Der Mitarbeiter des Wohnungsamtes habe einen überforderten Eindruck gemacht, sagt Wallraff. Sehr hilfsbereit sei die Sozialarbeiterin im Wohnheim in der Schulenburger Landstraße gewesen, die Viktor ein Zimmer zuwies. „Allerdings hatte sie offenkundig keinerlei Erfahrung mit Alkoholabhängigen.“ Und in dem Heim, das Obdachlosen Plätze für eine längere Verweildauer anbietet, seien überwiegend Alkoholiker untergebracht - „ohne Perspektive, dort wieder ohne fremde Hilfe herauszukommen“.

Grundsätzlich sei es positiv, dass die Stadt Hannover Obdachlosen längerfristig Zimmer zur Verfügung stellt. Das sei sonst in keiner der Städte so gewesen, in der er recherchiert habe, sagt der Journalist. Übrigens könnte auch Wallraff in die Schulenburger Landstraße einziehen: „Laut amtlicher Bescheinigung steht mir ein Bettplatz bis zum 4. Februar 2010 zu. Vielleicht komme ich ja darauf zurück.“

von Juliane Kaune und Veronika Thomas

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