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Wann sind Spätabtreibungen verantwortbar?

Interview Wann sind Spätabtreibungen verantwortbar?

Hannoversche Behindertenverbände haben mit harscher Kritik auf die Spätabtreibungen in den Diakonischen Diensten Hannover (DDH) reagiert. Die Beratung von Familien mit Kindern, bei denen im Mutterleib eine Behinderung festgestellt werde, dürfe nicht Kinderärzten oder Spezialisten vorgeburtlicher Diagnostik überlassen werden, forderte Jan Vahlbruch vom Verein „Mittendrin Hannover“.

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Eckhard Nagel ist Ärztlicher Direktor der Uni-Klinik Essen, Professor der Uni Bayreuth und Mitglied des Deutschen Ethikrates.

Quelle: dpa

Hannover. „Es können sich viel zu wenig Menschen vorstellen, dass man beispielsweise mit einem Kind mit Downsyndrom ein glückliches Leben führen kann.“ Christiane Joost-Plate vom Verein Downsyndrom Hannover sagte, ihr Verein vermittle innerhalb von 24 Stunden eine Familie mit einem Downsyndrom-Kind, bei der sich Eltern informieren könnten, die eine Spätabtreibung vorhaben. Dass die DDH Behindertenhilfe betreibe und zugleich Spätabtreibungen vornehme, sei extrem unglücklich.

Eckhard Nagel ist Ärztlicher Direktor der Uni-Klinik Essen, Professor der Uni Bayreuth und Mitglied des Deutschen Ethikrates. Der aus Hannover stammende 51-Jährige ist auch im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Die Entscheidung über einen Schwangerschaftsabbruch nennt der Medizinetheker die "menschlich schwierigste Situation".

Herr Professor Nagel, Sie sind engagierter Christ und Arzt. Wie stehen Sie persönlich zu Spätabtreibungen?

Schon mit dem Wort tue ich mich schwer. Bei einer Schwangerschaft geht es immer um werdendes Leben. Das kann nicht „abgetrieben“ werden, sondern wird unter Umständen beendet, der Lebensfaden und die Hoffnung auf Leben bricht ab.

Nennen wir es einen späten Schwangerschaftsabbruch ...

Ein Schwangerschaftsabbruch gehört zu den menschlich schwierigsten Situationen, denen wir uns gegenüber sehen. Eine Entscheidung für das Leben der Mutter und gegen die Lebensperspektive des werdenden Kindes bedarf sorgfältigster Abwägung und Begleitung, medizinisch, psychologisch, mitmenschlich. Ausgeschlossen bleiben muss dabei die Tötung eines lebensfähigen Kindes.

Was halten Sie davon, wenn eine Klinik so einen Eingriff vornimmt?

Eine Tötung eines Kindes im Mutterleib, zum Beispiel durch eine Kaliumchlorid-Spritze ins Herz, ist ethisch völlig inakzeptabel.

Wie finden Sie es generell, wenn ein evangelisches Krankenhaus Spätabtreibungen vornimmt?

Der Lebensschutz ist primärer Handlungsauftrag für alle Gesundheitseinrichtungen. Ein christliches Krankenhaus vertritt zudem ein Menschenbild, das die Schöpfungskraft Gottes anerkennt und sich dem leidenden Menschen mit Barmherzigkeit und Nächstenliebe zuwendet. Hier beginnt bei späten Schwangerschaftsabbrüchen die Problematik. Ein evangelischer Christ kann nicht dogmatisch antworten. Ein schlichtes Verweigern von Schwangerschaftsabbrüchen auch nach der zwölften Schwangerschaftswoche ist keine Lösung.

Was kann eine evangelische Klinik tun?

Sie muss garantieren, dass in allen Situationen die „Heiligkeit des Lebens“, so wie Albert Schweitzer es formuliert hat, gewahrt bleibt. Selbstverständlich müssen alle Mitarbeiter entscheiden können, bei so einer Behandlungsmaßnahme nicht mitzuarbeiten, wenn sie sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können.

Wie sieht die Praxis an evangelischen Krankenhäusern grundsätzlich aus?

Generell sind konfessionelle Krankenhäuser hier sehr zurückhaltend. Das sollte aber nicht zur Folge haben, dass Hilfe suchende werdende Mütter abgewiesen oder weiterverwiesen werden. Die christliche Schwangerschaftskonfliktberatung gehört zu den diakonischen Aufgaben. Wenn die tragische Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch unausweichlich wurde, dann gehört die medizinische, psychologische und theologische Betreuung der Eltern dazu.

Sollte sich ein christliches Haus andere ethische oder moralische Beschränkungen auferlegen als ein weltliches?

Generell muss sich die moderne Pränataldiagnostik fragen lassen, was sie dazu beiträgt, dass die Zahl der späten Schwangerschaftsabbrüche in den letzten Jahren ständig steigt. Da läuft etwas falsch! Aber es gibt eine klare Grenze: Sie liegt bei der Lebensfähigkeit des Ungeborenen. Wenn die Wahrscheinlichkeit hoch ist, das bei einer spontanen Frühgeburt das Kind leben würde, kann aus meiner Sicht ein konfessionelles Krankenhaus einem Schwangerschaftsabbruch nicht zustimmen.

Sollte es die Grenzen enger ziehen als der Gesetzgeber?

Die Bundesärztekammer hatte im Vorfeld der Gesetzesnovelle im Jahr 2009 den Bundestag bereits gebeten, die Grenzen für Spätabbrüche einzuengen. Das Parlament war aber der Meinung, die Selbstverantwortung der Betroffenen sollte nicht stärker eingeschränkt werden. Die ethische Grenze liegt meines Erachtens bei der Lebensfähigkeit des Ungeborenen.

Geht die Möglichkeit einer Spätabtreibung behinderter Kinder nicht unweigerlich mit der Abwertung des Lebens behinderter Menschen einher?

Den Schwangerschaftsabbruch bei einem Kind mit Downsyndrom, nur aufgrund einer genetischen Diagnostik, kann man als so eine Abwertung interpretieren. Ich würde dies ohnehin ablehnen. Eine Gesellschaft, die nicht stolz ist auf ihre Mitglieder, die mit Einschränkungen leben müssen, hat keine Zukunftsperspektive.

Was ist mit schwereren Behinderungen?

Wenn eine Mutter ein Kind in sich trägt, von dem sie weiß, dass es die Schwangerschaft oder die Geburt nicht überleben wird, dann ist das für sie extrem belastend. In solchen Situationen die Geburt einzuleiten, wohl wissend, dass das für das Kind einen früheren Tod bedeutet, halte ich für ethisch verantwortbar.

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