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Warum Weil schwebt und Jagau im Wind steht

Große Bühne, kleine Bühne Warum Weil schwebt und Jagau im Wind steht

Während dem einen die Kandidatur zum Landesvater angetragen wird, kämpft der andere mit den Mühen der Ebene. Warum Oberbürgermeister Stephan Weil und Regionspräsident Hauke Jagau so unterschiedlich wahrgenommen werden.

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Stephan Weil heftet Hauke Jahau die Goldene Ehrennadel der Schützenstiftung an. Immer wieder betonen beide ihr gutes Verhältnis zueinander. In der öffentlichen Wahrnehmung kommen die unterschiedlich weg.

Hannover. Hans Mönninghoff ist an sich kein unfreundlicher Mensch, aber doof kommen sollte man ihm nicht. So wie der junge Mann vom Bürgerfernsehen, der sich für die Pressekonferenz rund um Altlasten am Lister De-Haën-Platz eine besonders provokante Frage zurechtgelegt hat: Wann der Umweltdezernent endlich dazu stehe, fragt er also und spielt nervös mit dem Kugelschreiber in seiner Hand, dass er die Menschen am De-Haën-Platz jahrelang betrogen habe. Jedenfalls sinngemäß sagt er das. Seine wörtliche Formulierung fällt geradezu unflätig aus, und Mönnighoff steht der Ärger ins Gesicht geschrieben.

Die Szene ist nicht repräsentativ. Nur selten müssen Hannovers Stadtpolitiker Beschimpfungen über sich ergehen lassen, ob nun von der Presse oder vom Volk. Aber wenn es jemand muss, dann ist es häufig Hans Mönninghoff. Der grüne Politiker ist Erster Stadtrat und damit Stellvertreter von Oberbürgermeister Stephan Weil. Mönninghoff ist eine Erklärung dafür, warum sich Weil wie schwerelos durch die hannoversche Stadtpolitik bewegen kann. Kaum ein Stäubchen, so scheint es, verunziert nach fünf Jahren als Rathauschef die Weste von Stephan Weil, keine Debatte hat seine Popularität in der Stadt nachhaltig trüben können. Längst wird der 52-Jährige als möglicher SPD-Kandidat für die kommende Landtagswahl gehandelt, was im hannoverschen Rathaus vor allem die christdemokratische Konkurrenz freuen würde. Denn die hat in all den Jahren so gar keinen Hebel gefunden, mit dem sie Weil bei der nächsten OB-Wahl 2014 aus dem Amt bekommen könnte. Nicht so groß wäre die Freude bei der Landes-CDU. Der gilt Weil, sollte er gegen Ministerpräsident David McAllister antreten, als gefährlicher Gegner.

Weil hat es offensichtlich in der Hand, ob er die große Bühne betreten will.

Ganz anders sein Parteifreund Hauke Jagau, der nur ein paar Hundert Meter vom Rathaus entfernt als Präsident der Region Hannover regiert. Jagau schwebt nicht. Jagau steht im Wind, und oft genug auf kleiner Bühne. Wenn sich Bürger in Isernhagen darüber erregen, dass Asbest-schlamm an ihren Einfamilienhäusern vorbei transportiert werden soll, sitzt Jagau auf dem Podium einer Schulaula und rechtfertigt sich. Wenn Mitarbeiter seiner Umweltbehörde in der List mit Geigerzählern umherlaufen und Strahlung im Boden finden, kommt Jagau und erklärt. Und wenn ein Zoodirektor sein Vertragsende nicht akzeptieren will, liefert sich Jagau über Wochen einen zermürbenden Kleinkrieg mit ihm.

Zündstoff für Hannovers Stadtpolitik

Zwischen dem Amt des Oberbürgermeisters und dem des Regionspräsidenten liegen anscheinend Welten. Als Oberbürgermeister sei es schließlich viel einfacher zu strahlen, sagen politische Beobachter, als Regionspräsident wiederum sei das kaum möglich. Hauke Jagau ist in letzter Konsequenz verantwortlich für die Abfallentsorgung, den öffentlichen Nahverkehr, die Auszahlung der Sozialhilfe, die regionseigenen Krankenhäuser. Alles komplizierte Dinge, so heißt es, die schnell konfliktträchtig werden können. Im Gegensatz dazu finde der Oberbürgermeister auf seinem Schreibtisch wesentlich häufiger „weiche Themen“, sagt einer aus dem Politikbetrieb. Schirmherrschaften, Goldene Bücher, Meisterfeiern von Sportvereinen. Wer da seine Karten richtig ausspiele, könne sich in seiner Stadt bewegen „wie ein Fisch im Wasser“. Und genau das tut Stephan Weil.

Man hört diese Argumentation sowohl aus dem Rathaus wie auch aus dem Regionshaus. Und doch ist sie nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte hat mit Strategie zu tun, mit der Frage, wie, wann und mit wem sich Politiker ins Getümmel stürzen und wie sorgfältig sie das planen. Oberbürgermeister Stephan Weil unterscheidet sich da ganz erheblich von Regionspräsident Hauke Jagau.

Dabei birgt auch Hannovers Stadtpolitik reichlich Zündstoff, auch hier sind Verwaltung und Politik dem Risiko ausgesetzt, es sich mit den Bürgern zu verderben. Im Zuge der Spardebatte etwa wurde im Rathaus erwogen, ob man nicht das eine oder andere Museum schließen könnte. Die öffentliche Debatte darüber aber führte nicht Weil, sondern sein Kämmerer Marc Hansmann. Hansmann, Jahrgang 1970, wird viel politischer Ehrgeiz nachgesagt, er nimmt die hitzigen Debatten mit Hannovers Kulturszene gerne in Kauf, um als Kämmerer an Profil zu gewinnen – und sich für Höheres zu empfehlen. Auch gute Nachrichten durfte Hansmann immer mal wieder verkünden, etwa wenn die Gewerbesteuereinnahmen die Erwartungen überstiegen und ein ausgeglichener Haushalt in Reichweite kam. Weil überließ auch dann seinem Finanzdezernenten das Feld.

Ein anderes Beispiel: Hannovers Hochwasserschutzprogramm macht Rodungen am Ihmeufer notwendig und hat so Umweltschützer buchstäblich auf den Baum gebracht. Die hitzigen Debatten mit Baumbesetzern im Morgengrauen aber führte nicht Weil, sondern Baudezernent Uwe Bodemann. Beobachter zeigten sich beeindruckt von Bodemanns Ruhe und Nervenstärke, Stephan Weil blieb der Szene fern. Im Gegenzug darf Bodemann sich um das prestigeträchtige Stadtverschönerungsprogramm „Hannover 2020“ bemühen. Auch da redet ihm Weil öffentlich nicht hinein.

Und dann ist da eben Hans Mönninghoff. Seit vor gut drei Jahren radioaktive Strahlung in der List gefunden wurde, muss er sich mit dem Thema herumschlagen, soweit es die Zuständigkeiten der Stadt betrifft – und immer wieder Kritik am Krisenmanagement einstecken. Stephan Weil hat bis auf ein Grußwort bei einem Kleingartenfest zu der Thematik in drei Jahren öffentlich so gut wie nichts gesagt – es ist eben ein Thema, mit dem man keinen Blumentopf gewinnen kann. So wie der Ausbau des Lindener Stichkanals: Mönninghoff gab die Zielscheibe für die heftige Kritik von Anwohnern ab, als diese wegen der Kanalverbreiterung um ihre Häuser bangen mussten. Im Gegenzug aber durfte Mönninghoff sich vor einiger Zeit Hannovers Preis als „Bundeshauptstadt der Biodiversität“ abholen. Auf keinem der Bilder tauchte Weil auf. Der Dezernent durfte ganz alleine glänzen.

Nur selten kommt es vor, dass der Oberbürgermeister einem seiner Dezernenten ins Lenkrad greift. Bei der Debatte um ein geplantes und von der Stadt befürwortetes Tierforschungszentrum des Pharmariesen Boehringer in Kirchrode war das so, als die gutbürgerliche Nachbarschaft der Stadtverwaltung aufs Dach stieg: Weil positionierte sich klar pro Boehringer und holte sich dafür die Prügel der Kirchröder ab. Zuletzt griff er ein, als sich Kulturdezernentin Marlis Drevermann bei der Kalkulation ihres Schlossmuseums arg verrechnete, weil ihr der Unterschied zwischen Netto und Brutto unklar war. Erst spät schritt Weil ein, um die Kuh nach einer peinlichen öffentlichen Diskussion doch noch vom Eis zu holen. Nicht erst seitdem gilt Drevermann als das Problemkind in Weils ansonsten gut funktionierender Mannschaft.

Alles in allem folgt Weils Umgang mit seinen Dezernenten also diesem Muster: Er lässt sie die Politik der Stadtverwaltung nach außen hin vertreten, solange es sich machen lässt. Er lässt sie glänzen, wo man glänzen kann, denn zum Glänzen bleibt auch ihm noch Raum genug. Aber häufig genug stehen die Dezernenten in der öffentlichen Kritik, ohne dass Weil groß in Erscheinung treten würde. Am Ende bleibt er der souveräne Stadtvater.

Auch der Chef bekommt sein Fett weg

Im Regionshaus dagegen geht kaum eine politische Debatte vorüber, ohne dass nicht auch der Chef sein Fett wegbekommt. Hauke Jagau rechtfertigt in den Medien den hochdefizitären Haushalt, für den die Region nicht furchtbar viel kann, weil sie fast ausschließlich von äußeren Einflüssen abhängig ist – seine Finanzdezernentin Barbara Thiel (CDU) taucht in der öffentlichen Debatte darüber kaum auf. Hauke Jagau steckt einen Gutteil der Prügel für das teils missglückte Management von Umweltproblemen wie in der List oder auf der Wunstorfer Asbesthalde ein. Zwar hat er in Axel Priebs (SPD) einen Dezernenten, der den Kopf keineswegs einzieht. Allerdings taugt der sanftmütige Professor nicht halb so gut als Projektionsfläche für aufkommenden Bürgerzorn wie der kantige Jagau oder der im besten Sinne dickfellige städtische Umweltdezernent Mönninghoff. Am Ende, so scheint es, hat der Regionspräsident fast immer die Torte selbst im Gesicht – anders als der Oberbürgermeister.

Die, die es gut mit Jagau meinen, begründen das damit, dass Weils Mannschaft besser sei. Wer es nicht so gut mit ihm meint, hält ihm vor, zu viel selbst machen zu wollen. Jagau selbst ist der Ansicht, die Menschen hätten einen Anspruch darauf, den Chef persönlich zu sehen, wenn etwas im Argen liegt. Dieses Verständnis von seinem Amt hat ihn schon viele Nerven gekostet.

Zurück auf der Pressekonferenz rund um den De-Haën-Platz schwillt Hans Mönninghoff nach der Frage des Jungjournalisten die Halsschlagader. Heftig keift er zurück, und seine Stimme bekommt einen kieksigen Ton. Im Rathaus schmunzelt man über solche Episoden. Wohl dem Oberbürgermeister, so heißt es, der, wenn es ernst wird, so ein Schlachtross zur Seite hat.

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