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Warum die Flüchtlingsdiskussion schwierig ist

Fragen und Antworten der HAZ Warum die Flüchtlingsdiskussion schwierig ist

Am Arbeitsplatz, in der Familie oder auch morgens beim Bäcker: Die Flüchtlingskrise bewegt Hannover wie kein anderes Thema. Vermeintliche oder tatsächliche Gewissheiten werden besprochen, Meinungen ausgetauscht. Politik wie Medien werden kritisiert. Wir haben die wichtigsten Fragen der Leser zu diesem Themenfeld zusammengestellt – auch zur Arbeit der HAZ.

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Quelle: Surrey/v.Ditfurth/dpa/Montage

Wie viele Anzeigen von Flüchtlings-Straftaten gibt es aktuell in der Region?

In Niedersachsen können die von und an Flüchtlingen begangenen Straftaten seit dem 5. November des vergangenen Jahres gezählt werden. Seither nämlich erfasst die Polizei diese Vorfälle gesondert in ihrem Computersystem Nivadis. Doch auch die bislang bereits vorhandenen Daten will die Behörde bislang, mit einer Ausnahme, nicht veröffentlichen. „Eine valide Bewertung der Kriminalitätsentwicklung ist auf der Grundlage des zurückliegenden, sehr kurzen Zeitraums seit der Erhebung dieser Daten sowie eines fehlenden Bezugszeitraums nicht möglich“, teilt die Polizeidirektion Hannover auf HAZ-Anfrage mit.

Eine Aussage zur Kriminalitätsentwicklung erscheine darüber hinaus nur dann sinnvoll, wenn ein Bezug zur Anzahl der Flüchtlinge hergestellt würde, sagt die Polizei. Dazu kommt, dass grundsätzlich eine Veröffentlichung von statistischen Zahlen nur einmal im Jahr, zur Vorstellung der polizeilichen Kriminalstatistik, per bundesweiter Konvention vorgesehen ist.

So viel sagt Polizeisprecher Holger Hilgenberg indes: „Flüchtlinge sind bislang überwiegend im Bereich des einfachen Diebstahls und beim Schwarzfahren in Erscheinung getreten.“ Signifikante Belastungen im Umfeld von Flüchtlingsheimen seien der Behörde nicht bekannt. „Zahlen liegen dazu nicht vor. Kleinteilige, geografische Selektionen werden in der Polizeidirektion Hannover nicht durchgeführt“, sagt Hilgenberg. Heißt: Die Polizei führt keine Statistik darüber, in welcher Straße wie viele Straftaten begangen worden sind.

Im Licht der Ereignisse in der Kölner Silvesternacht und wegen der versuchten Vergewaltigung einer Frau in Gleidingen entschied sich die Behörde allerdings, auch auf Drängen der HAZ, in einem Punkt eine Ausnahme zu machen: Sie veröffentlichte die Zahl der sexuellen Übergriffe von Flüchtlingen in Hannover seit dem Beginn der Statistik. Demnach gab es seit 5. November bis zum Stichtag 11. Januar bislang sieben Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen. Drei der Fälle erfüllen den Straftatbestand der sexuellen Nötigung, darunter befindet sich auch eine vollzogene Vergewaltigung. Dazu kommen vier Beleidigungen auf sexueller Basis, zweimal in verbaler Form, in zwei weiteren Fällen fassten die Täter ihre Opfer an. Nach der Veröffentlichung der Statistik machte die Polizei einen weiteren Fall von Beleidigung auf sexueller Basis durch einen Flüchtling öffentlich.

Ulf Küch, der Chef der Braunschweiger Kripo, hat jetzt Zahlen darüber veröffentlicht, wie viele der rund 40 000 Flüchtlinge straffällig geworden sind, die das Erstaufnahmelager in Braunschweig durchlaufen haben. „Etwa ein Prozent von ihnen ist auffällig geworden“, sagt Küch. Flüchtlinge in Braunschweig wären demnach weniger kriminell als der Rest der Bevölkerung.

Wie viele Flüchtlinge sind wegen Straftaten abgeschoben worden?

Häufig scheitert eine Abschiebung, weil der Betroffene vorher untertaucht.

Häufig scheitert eine Abschiebung, weil der Betroffene vorher untertaucht. 

Quelle: dpa

Im Jahr 2015 hat die Stadt insgesamt 94 Asylbewerber abgeschoben, darunter waren 15 Personen, die während ihres Aufenthalts im Bundesgebiet einen Asylantrag gestellt hatten und wegen einer Straftat verurteilt worden sind. „Gegen sieben abgelehnte und abgeschobene Asylbewerber wurden strafrechtliche Ermittlungsverfahren eingeleitet, die jedoch nicht zu einer Verurteilung führten“, teilt die Stadt mit. Zum Vergleich: Im Jahr 2014 waren insgesamt 71 Abschiebungen durchgeführt worden. Darunter waren 20 Personen, die während ihres Aufenthalts in Deutschland einen Asylantrag gestellt hatten und wegen einer Straftat verurteilt worden sind. Gegen drei abgelehnte und abgeschobene Asylbewerber wurden strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet, die jedoch nicht zu einer Verurteilung führten. Diese Asylbewerber kamen in der Mehrheit aus den sogenannten Westbalkanstaaten und der Türkei.

Am Amtsgericht Hannover hat sich die Zahl der Schnellverfahren von 313 im Jahr 2014 auf 378 im Jahr 2015 gesteigert. Wie viele Verurteilungen zu Ausweisungen geführt haben, ist nicht bekannt. Im Jahr 2015 hat das Verwaltungsgericht Hannover 2420 Asylverfahren bearbeitet. Das sei keine „Schwemme“, sagt Verwaltungsrichter Ingo Behrens. „Diese Zahl hatten wir Mitte der Neunzigerjahre auch schon.“

Wer entscheidet über Abschiebungen in der Region?

Voraussetzung für eine Abschiebung ist, dass der Asylantrag eines Flüchtlings vom zuständigen Gericht endgültig abgelehnt worden ist. Gibt es keinen Grund für ein weiteres Bleiberecht, beauftragt die kommunale Ausländerbehörde das Landeskriminalamt Niedersachsen mit der Abschiebung. Der geplante Termin wird mitgeteilt.

Warum bleiben viele der Abzuschiebenden trotzdem hier?

Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Häufig scheitert eine Abschiebung, deren Termin dem Flüchtling mitgeteilt worden ist, weil der Betroffene vorher untertaucht. Andere Abschiebungen sind nicht möglich, weil abgelehnte Asylbewerber keine Pässe haben und unklar ist, aus welchem Land sie kommen. Wieder andere kommen aus Ländern, die ihre Landsleute schlicht und einfach nicht mehr zurücknehmen - Algerien etwa.

Zurückgewiesene Bewerber können zudem beim Ausländeramt der Stadt versuchen, besondere Umstände geltend zu machen, um trotz abgelehnten Antrags in Deutschland bleiben zu dürfen, um eine sogenannte Duldung zu erhalten. Gründe sind zum Beispiel eine schwere Krankheit oder Krieg im Heimatland des Flüchtlings. Sind dort Leib und Leben des Betreffenden bedroht, darf die Bundesrepublik ihn nach geltendem Recht nicht abschieben.

Im Internet stehen oft Berichte über Straftaten von Flüchtlingen, die man in der Zeitung nicht findet. Wie kommt das?

Die Zeitung kann nicht jedes Gerücht aus dem Netz verbreiten. Die Fakten müssen geprüft werden. Oftmals ist das nicht möglich - oder die Prüfung führt zum Ergebnis, dass die Sachverhalte nicht stimmen. So war es beispielsweise, nachdem die schrecklichen Silversterereignisse in Köln publik geworden waren. Bei der HAZ meldete sich ein Anrufer. Er habe eine Bekannte, deren Tochter an Silverster im Hauptbahnhof Hannover Ähnliches widerfahren sei, wie den Kölner Opfern. Er wundere sich, warum er davon noch nichts in der HAZ gelesen hatte. Es stellte sich heraus, dass die junge Frau den Vorfall nicht bei der Polizei zur Anzeige gebracht hatte. Sie selbst hatte sich auch nicht bei der HAZ gemeldet. 

Ein anderes Beispiel: Ein Anrufer meldete sich bei der HAZ und sagte, im vergangenen Jahr seien allein 2000 Straftaten von Bewohnern der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Oststadtkrankenhaus begangen worden. Der Anrufer konnte weder seine Quelle preisgeben, noch die Art der Delikte nennen.

Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus.

Flüchtlinge im Oststadtkrankenhaus.

Quelle: Alexander Körner

Hinzu kommt: Erst seit November 2015 erfasst die Polizei systematisch, welche und wie viele Straftaten von Flüchtlingen begangen werden. Eine solche offizielle Statistik gibt es also nicht. Kurz: Das Gerücht war durch nichts belegt.

Seit Beginn der Flüchtlingskrise werden offenbar auch immer wieder Gerüchte gezielt gestreut, um Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen - meistens im Internet. Diejenigen, die solche vermeintlichen Informationen verbreiten, halten sich aber nicht an die Sorgfaltspflicht, an die sich Journalisten zu halten haben. Sie geben keine Quellen an, belegen ihre Informationen nicht, prüfen sie häufig auch nicht auf Plausibilität. Zeitungsleser aber haben einen Anspruch darauf, Informationen zu erhalten, die überprüft worden sind.

Gibt es Vorgaben für die Berichterstattung?

Nein. Die Presse ist in Deutschland frei; Artikel 5 des Grundgesetzes regelt das ganz eindeutig: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.“ Daher gibt es, anders als in jüngster Zeit vielfach verbreitet, auch in der Flüchtlingsfrage keine Vorgaben, was berichtet werden darf und was nicht.

Die Pressefreiheit ist durch das Grundgesetz garantiert.

Die Pressefreiheit ist durch das Grundgesetz garantiert.

Quelle: dpa

Um die Arbeit der gedruckten Presse so transparent wie möglich zu machen, haben die Zeitungsverleger und die Journalistenverbände den Presserat gegründet. Bei ihm kann jeder Leser Beschwerden vorbringen, wenn es etwas zu kritisieren gibt und eine Meinungsverschiedenheit mit der Zeitung selbst nicht auszuräumen ist. Um dem Presserat Kriterien für seine Entscheidungen an die Hand zu geben, haben die Verbände vor mehr als 40 Jahren einen Kodex verabredet, an dem sich die Arbeit orientiert; er wird immer wieder einmal aktuellen Bedürfnissen angepasst. Der Kodex ist nicht verpflichtend, jedoch bekennt sich die Mehrzahl der deutschen Verlagshäuser dazu, die Regeln zu achten. Auch die Hannoversche Allgemeine Zeitung. In dieser freiwilligen Selbstkontrolle sind die journalistischen Grundsätze geregelt - und auch der Umgang mit Nationalitäten in der Berichterstattung. In Ziffer 12.1 des Pressekodex heißt es: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Die HAZ wägt daher bei jedem Bericht über eine Straftat ab, welche Informationen transportiert werden. Denn zunächst ist eine Straftat eine Straftat - woher der Täter stammt, ist im Regelfall unerheblich. Anders dürfen - und müssen - Journalisten die Geschehnisse bewerten, wenn ein offenkundiger Zusammenhang zwischen Tat und Nationalität des Täters gegeben ist. Bei den Übergriffen in Köln und anderswo war dies nach allem was wir wissen, der Fall. Daher haben wir entsprechend berichtet.

Hat die Polizei Straftaten von Flüchtlingen verschwiegen?

Darauf hat die HAZ keine Hinweise. Die Behörde habe sich bei ihrer Pressearbeit an eine Regelung aus dem Jahr 2011 gehalten, die dem Pressekodex ähnlich ist, sagt die hannoversche Polizei. Darin heißt es unter anderem: „Generell ist ein Sprachgebrauch zu vermeiden, der von Dritten zur Abwertung oder Diskriminierung von Menschen missbraucht beziehungsweise umfunktioniert werden oder in diesem Sinn interpretiert werden kann.“ Deshalb verzichtet die Polizeidirektion Hannover grundsätzlich auf die Nennung der Staatsangehörigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit, wenn dies für die Aufklärung des Sachverhalts nicht von Bedeutung ist. Im Fall der beiden sexuellen Übergriffe vom vergangenen Wochenende entschloss sich die Behörde dennoch dazu, auf die Abstammung der mutmaßlichen Täter einzugehen, um durch diese transparente Informationspolitik öffentlichen Spekulationen vorzubeugen.

War es eine Kampagne, zunächst sehr positiv über die Flüchtlinge zu berichten?

Flüchtlinge auf dem Messebahnhof in Laatzen.

Flüchtlinge auf dem Messebahnhof in Laatzen.

Quelle: von Ditfurth

Nein. Die HAZ hat nach bestem Wissen und Gewissen geschrieben, was unsere Reporter gehört und gesehen haben. Dabei standen zunächst die Hilfesuchenden sowie die zahlreichen hannoverschen Helfer und Unterstützer im Mittelpunkt. Sie packten an und sagten sich: Menschen, deren Leben in ihren Heimatländern bedroht ist, muss geholfen werden. Das hat die Zeitung selbstverständlich ausführlich begleitet und wird das weiter tun. Zugleich haben wir die Argumentation der Bundesregierung ebenso beleuchtet wie die Kritik an ihrer Haltung – etwa aus Bayern. Bereits im Dezember hat der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil etwa auf Fragen der HAZ darauf hingewiesen, dass der bisherige Kurs nicht dauerhaft durchzuhalten sein werde. Welche Schwierigkeiten die aktuelle Situation mit sich bringt, hat die HAZ auch wiederholt geschrieben – und wird hier weiterhin nichts verschweigen.

Warum berichtet die Zeitung jetzt plötzlich über die Schattenseiten der Zuwanderung – und vorher so wenig?

Zweifellos haben die Kölner Vorfälle vom Silvesterabend einen Einfluss auf die Berichterstattung der Medien über die Flüchtlingssituation in Deutschland – auch die der HAZ. Bis heute ist nicht geklärt, wer die Täter, die vor dem Kölner Hauptbahnhof vornehmlich Frauen belästigten, bestahlen und sogar vergewaltigten, tatsächlich sind. Bei den Tatverdächtigen soll es sich vor allem um junge Männer aus dem nordafrikanischen Raum handeln, darunter auch Asylbewerber. Aus Kölner Polizeikreisen heißt es, viele der Täter kämen aus der sogenannten Antänzerszene.

Dabei handelt es sich um Männer, die sich in Discotheken und Clubs Gästen nähern, um Taschendiebstähle zu begehen. In Köln wie in Hannover ist diese Szene der Polizei schon seit etwa drei Jahren bekannt – war also schon vor dem Flüchtlingsstrom des vergangenen Jahres aktiv. Über die Antänzer-Masche haben Zeitungen in ganz Deutschland, darunter die HAZ, in der Vergangenheit auch berichtet ( hier geht es zum Artikel aus dem Jahr 2014 ). Aus gegebenem Anlass haben wir es nach den Kölner Vorfällen wieder getan.

Beschäftigt Deutschland: Die Silvesternacht in Köln.

Beschäftigt Deutschland: Die Silvesternacht in Köln.

Quelle: dpa

Auch den Medien ist durch die Ereignisse in jener Nacht zweierlei vor Augen geführt worden. Erstens: Das Ausmaß, die Organisation und die Skrupellosigkeit der Kölner Täter kam für sie, wie auch für die Behörden, überraschend. Verstörend ist vor allem der Grad der sexuellen Gewalt gegen Frauen. Was Hannover betrifft, so hat es im vergangenen Jahr einzelne Hinweise von Lesern darauf gegeben, dass Frauen im Bereich der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Oststadtkrankenhaus belästigt worden seien. Nachfragen bei der Polizei, bei der Leitung der Unterkunft und weitere Recherchen ergaben, dass man in ihrem Umfeld wie auch anderer Unterkünfte nicht messbar mehr Straftaten verzeichne als anderswo. Die HAZ berichtete damals über die Hinweise der Anwohner wie auch über die Reaktion der Polizei darauf.

Vor Silvester war der Fokus von Politik, Kommunen und Medien stark auf die organisatorischen und ökonomischen Fragen des Flüchtlingszuzugs gerichtet: Ist man in der Lage, derart vielen Menschen kurz- und mittelfristig ein Dach über dem Kopf bieten zu können? Können Schulen die Kinder aufnehmen und dabei nicht nur aufbewahren, sondern ihnen auch die deutsche Sprache beibringen und sie ernsthaft in den Schulalltag eingliedern? Und wird es gelingen, diese große Zahl von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren? Wichtige Fragen, die geklärt werden müssen.

Schon zu diesem Zeitpunkt war in vielen Artikeln, auch in der HAZ, davon die Rede, dass nach Klärung dieser eher technischen Fragen ein zweiter, entscheidender Schritt auf das Land zukommen werde: jene Hunderttausende von Menschen, die letztlich in Deutschland würden bleiben dürfen, in die Gesellschaft zu integrieren. Und zwar so, dass trotz der verschiedenen kulturellen und religiösen Hintergründe, die sie mitbringen, keine Parallelgesellschaften entstehen, wie es sie beispielsweise in Frankreich gibt. In diesen Prozess brach die Silvesternacht von Köln, Hamburg, Stuttgart und anderswo.

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers musste zurücktreten.

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers musste zurücktreten.

Quelle: dpa

Ein zweiter Aspekt der Silvesternacht hat Einfluss auf die veränderte Berichterstattung: das Informationsverhalten der Kölner Polizei. Diese hatte am Neujahrstag eine Pressemitteilung verschickt, nach der es in der Nacht keine besonderen Vorkommnisse gegeben hatte. Erst durch Berichte von Zeugen, darunter Polizisten, wurden lokale Medien darauf aufmerksam, was rund um den Dom passiert war. Als nach dem folgenden Wochenende auch die Redaktionen im Rest des Landes wieder voll besetzt waren, sickerte die Nachricht von den Ereignissen der Silvesternacht auch hier durch. Dass das so lange dauerte, ist kein Ruhmesblatt für die deutschen Medien, die sich mit dieser Fehlleistung seither auch intensiv beschäftigen.

Man muss dazu wissen, dass Informationen zu polizeilichen Themen nicht vom Himmel fallen. Jede Redaktion ist darauf angewiesen, dass die Pressestellen der zuständigen Behörden sie wahrheitsgemäß und umfassend informieren. Belastbare Informationen zu bekommen, die nicht aus diesen offiziellen Kanälen stammen, ist möglich, aber schwierig. Polizisten, die sogenannte Dienstgeheimnisse ausplaudern, machen sich eines Dienstvergehens schuldig – und das riskieren die wenigsten. Es gehört zum Alltag von Redaktionen, immer wieder mit Behörden darüber zu streiten, welche Informationen zugänglich gemacht werden und welche nicht. Auch wir fechten diese Kämpfe immer wieder aus, ob mit der Polizei, der Stadt oder dem Land. Wir haben aber keinen Anlass, grundsätzlich an ihren Informationen zu zweifeln. Die offenbar gezielte Desinformation der Kölner Polizei jedoch hat Medien in ganz Deutschland misstrauischer gemacht. Wir wollen seither noch weniger akzeptieren, dass gewisse Informationen nicht vorhanden sind oder nicht herausgegeben werden können.

Warum machen Medien und Polizei jetzt einen Unterschied zwischen kriminellen Deutschen und kriminellen Flüchtlingen?

Laut Pressekodex darf die Nationalität eines (mutmaßlichen) Täters nur genannt werden, wenn sie etwas zur Sache tut. Wir meinen: In der derzeitigen Situation tut es etwas zur Sache, wie viele Straftaten von Flüchtlingen begangen werden. Das Land steckt mitten in einer Diskussion darüber, wie viele Einwanderer es integrieren kann. Wäre es so, dass überdurchschnittlich viele dieser Menschen kriminell wären, wäre das für die Diskussion wichtig. Daher hält es auch die Polizei für gegeben, jetzt seriös zu erfassen, wie viele Flüchtlinge straffällig werden – und über diese Zahlen berichtet auch die HAZ.

Was tut die HAZ gegen Hetze auf ihrer eigenen Internet- oder Facebook-Seite? Kann dort jeder schreiben, was er will?

Natürlich nicht – und dennoch ist es schwierig, die Flüchtlingsdebatte in den sozialen Netzwerken zu moderieren. Der HAZ folgen im sozialen Netzwerk Facebook etwa 42 000 Menschen – sie lesen, kommentieren und teilen die Beiträge mit ihren Freunden. Neben allen sinnvollen Diskussionen im sozialen Netz sind Hass und Hetze gegen Ausländer und Menschen mit anderer Meinung leider inzwischen auch Alltag.

Wir sichten alle Kommentare unter den Artikeln, greifen moderierend ein und löschen jede Äußerung, die eine Aufforderung zu Gewalt enthält, rechtswidrig, strafbar, beleidigend oder rassistisch ist. Die entsprechenden Regeln sind bei der HAZ in der „Netiquette“ – unserem Kodex für das digitale Miteinander – hinterlegt. Auch haben wir in besonders schweren Fällen bereits Anzeige erstattet – die Ermittlungen laufen hier noch. Doch die Flut der Kommentare ist schlicht zu groß, als dass jede rechtswidrige Äußerung bereits eine Minute später gelöscht werden könnte. Rechtlich ist es so, dass der Seitenbetreiber erst „ab Kenntnis“ für Inhalte Dritter verantwortlich ist.

Manche Redaktionen sind dazu übergegangen, gar keine Artikel mehr bei Facebook zu posten, in denen es um Flüchtlinge geht. Das halten wir für falsch – denn es ist eine unserer Aufgaben, eine Debatte zu ermöglichen, indem wir Fakten veröffentlichen. Und wir halten es für wichtig, dass sich die Leser über diese Themen – auch kritisch – austauschen können. Doch müssen sie dabei die Gesetze einhalten. Auch Nutzer können im Übrigen Hasskommentare bei Facebook melden – bisher hat das US-Unternehmen hier jedoch selten gehandelt. Justizminister Heiko Maas (SPD) versucht seit Monaten, dagegen vorzugehen – die Folge waren bisher jedoch nur kleinere Änderungen. Nun ist Freitag bekannt geworden, dass der Konzern über einen Dienstleister in Deutschland gemeldete Nutzerkommentare überprüfen lassen wird.

Von Tobias Morchner, Gunnar Menkens, 
Mathias Klein, 
Hannah Suppa 
und Felix Harbart

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