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Warum es diese Menschen im Ihme-Zentrum hält

Wohnungsbesitzer Warum es diese Menschen im Ihme-Zentrum hält

Die Wohnungsbesitzer im Ihme-Zentrum in Linden wollen sich von den Abriss-Seznarien der Stadt Hannover nicht einschüchtern lassen. Trotz der Widrigkeiten wollen sie ihr Zuhause nicht verlassen. Ein Besuch vor Ort erklärt, was die Bewohner im Ihme-Zentrum hält.

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Wollen nicht weg: Bewohner des Ihme-Zentrums in Linden.

Quelle: Michael Thomas

Hannover. Wenn Peter Haverkamp von seiner Terrasse schaut, kann er die HDI-Arena sehen, das Neue Rathaus und die Marktkirche. Auf der anderen Seite der Wohnung fließt unter dem Balkon 17 Stockwerke tiefer die Ihme vor sich hin. Der Uferpark wirkt aus dieser Höhe wie ein weitläufiger Teppich mit einem Muster aus Grün und Grau. „Wo hat man sonst schon eine solche Aussicht?“, fragt der Architekt. Er steht mitten in seiner modernen Wohnküche auf dem frisch verlegten Parkett. Erst Anfang Mai ist der 60-Jährige mit seiner Frau ins Ihme-Zentrum gezogen. Die letzten Handwerker haben die Wohnung gerade verlassen - und da müssen beide in der Zeitung lesen, dass der Oberbürgermeister es für möglich hält, den gesamten Komplex abzureißen.

Die Zukunft des Ihme-Zentrums bleibt weiter ungewiss.

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Die Nachricht hat in der vergangenen Woche etliche der rund 550 Wohnungseigentümer aufgeschreckt. Sie sind in Sorge, seit die Stadt angekündigt hat, dass sie nicht nur einen Auszug aus den Büros erwägt, die sie für ihre Fachbereiche in der Großimmobilie gemietet hat. Ein städtisches Gutachten spielt das Szenario weiter durch: Würden sich auch die Stadtwerke zurückziehen und sich kein anderer Mieter für die 56 000 Quadratmeter Büroflächen finden, dann könnte der Unterhalt der Riesenimmobilie die Wohnungseigentümer massenweise in Privatinsolvenzen treiben. Sanierungsstaus, Baufälligkeit und am Ende der Abriss des Ihme-Zentrums aus Sicherheitsgründen - so endet das Szenario, das mit dem Auszug der Stadt beginnt. Ob es dazu überhaupt kommt, ist noch offen. Im Rathaus soll am Donnerstag eine Vorentscheidung fallen. Die Stadtspitze will dem Investor eine letzte Frist bis Jahresende einräumen, um ein nachvollziehbares Sanierungskonzept für die brachliegenden Gewerbeflächen vorzulegen.

Peter Haverkamp in seiner Wohnung im Ihme-Zentrum

Quelle: Michael Thomas

„Es gibt hier sicher viele Anwohner, die jetzt schlaflose Nächte haben“, sagt Haverkamp. Doch er selbst, das betont er, rechnet sich nicht dazu. „Ich finde es fahrlässig, dass die Stadt plötzlich so ein Horrorszenario aufbaut. Ob das alles wirklich so kommt, weiß doch gar keiner - da gibt es noch so viele Fragezeichen.“ Etwas klingt das auch so, als wolle er sich und anderen Mut machen. Nach einer Pause fügt er mit Nachdruck in der Stimme hinzu: „Wir haben nach wie vor das Gefühl, dass es hier mit dem neuen Investor klappen könnte.“

Dieses Gefühl war es auch, das ihn und seine Frau bewogen hat, ihr Haus in Waldheim zu verkaufen und ins Ihme-Zentrum zu ziehen. „Etwas Besonderes“ wollten sie haben, in Innenstadtnähe. Sicher, manche Freunde hätten den Kopf geschüttelt, andere aber hätten sie in ihrer Entscheidung bestärkt. „Das war kein Zufallstreffer, wir haben uns das gut überlegt.“ Zum „Schnäppchenpreis“, stellt Haverkamp klar, sei die 130 Quadratmeter große Wohnung über den Dächern der Stadt nicht zu haben gewesen. Der Vorbesitzer habe seine Wohnfläche nur verkleinern wollen - und sei in ein anderes Apartment im Ihme-Zentrum gezogen.

Viele, die einmal in dem Komplex an der Ihme wohnen, wollen dort trotz aller Widrigkeiten nicht weg. Allerdings können sie auch nicht so einfach weg. „Ich habe einen Großteil meines Einkommens in diese Immobilie gesteckt, da kann ich nicht einfach an die Côte d’Azur umziehen“, sagt Axel Brunngraber, der seit 1977 im Ihme-Zentrum zu Hause ist. Als junger Arzt ist der Internist in eine Ein-Zimmer-Wohnung in der 16. Etage gezogen. Später hat er die beiden angrenzenden Wohnungen erworben und zusammenlegen lassen.

Margitta Abels neben ihren Kunstwerken.

Quelle: Michael Thomas

Es sei schwer, mit dem Wissen zu leben, dass die Wohnungen permanent an Wert verlieren, sagt Brunngrabers Frau Margitta Abels. Die Künstlerin nutzt einen Teil der Räume als Atelier. Besuchern zeigt sie gern die lichtdurchfluteten Zimmer. Auch prominente Gäste waren schon da: „Hier bei mir wurde sogar schon mal ein ,Tatort’ gedreht mit der Frau Furtwängler.“ Abels betont, wie gern sie im Ihme-Zentrum lebt. Doch immer wieder fallen ihr auch die aktuellen Ankündigen der Stadt ein. „Augen zu und durch“, sei nun ihr Motto: „Wenn man sich jeden Tag damit beschäftigen würde, wäre die Anspannung nicht zu ertragen.“ Ihr Mann ist vor allem wütend auf die Stadtverwaltung.

„Der Oberbürgermeister führt die Verhandlungen auf Kosten der Wohnungseigentümer - mit Angstszenarien und Erpressungsmethoden“, erbost sich Brunngraber. Das städtische Szenario, dass den Wohnungsbesitzern Privatinsolvenzen drohten, hält er für „irreal“. Den größten Fehler hätten Stadt und Stadtwerke vor Jahren gemacht, als sie den Büroturm des Energieversorgers an den damaligen Investor verkauften - damit hätten sie ihre Verantwortung aufgegeben. „Statt mit Auszug, Abriss und Enteignung zu drohen, müsste sich die Stadt hier endlich finanziell engagieren“, fordert Brunngraber.

Die Ausweisung des Ihme-Zentrums als städtebauliches Sanierungsgebiet sei eine Idee, um an öffentliches Geld zu kommen. Die Wohnungseigentümer hätten ihrerseits „Millionen- beträge“ investiert, um ihren Besitz instandzuhalten. „Bevor hier etwas zusammenbricht, könnte ebenso ein Meteorit einschlagen.“ Brunngraber gibt sich kämpferisch: Im Rathaus müsse man sich bald auf „beachtenswerte Aktionen“ der Anwohner einstellen.

Klaus Westphal lässt sich nicht einschüchtern.

Quelle: Michael Thomas

Auch Klaus Westphal lässt sich nicht einschüchtern. „Es gab hier früher schon so viele solcher Diskussionen“, sagt der 79-Jährige, der seit 1975 eine Wohnung im Ihme-Zentrum besitzt. Früher waren die Westphals zu viert, heute lebt der Rentner mit seiner Frau in dem geräumigen Apartment im elften Stock. Überall werde man auf die Probleme im Ihme-Zentrum angesprochen, beklagt er. „Dabei fühlen wir alle uns hier richtig wohl.“

Zur großen Multimedia-Reportage über das Ihme-Zentrum.

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