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Warum ist Fritz Haarmann so populär?

Serienmörder Warum ist Fritz Haarmann so populär?

Liegt es am Lied? Oder am Logo? Oder am Fehlen einer fundierten wissenschaftlichen Aufarbeitung? Wie ein Untoter taucht Fritz Haarmann, der "Vampir von Hannover", immer wieder auf.

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Massenmörder Haarmann (Mitte), undatierte Aufnahme.

Quelle: dpa

Hannover. Puh. Keiner hat’s bemerkt. Glücklicherweise. Gestern war der 133. Geburtstag von Fritz Haarmann. Am 25. Oktober 1879 wurde der Mann, der als Serienmörder Berühmtheit erlangte, in Hannover geboren. Am 15. April 1925 ist er in Hannover gestorben; im Hof des Gerichtsgefängnisses wurde er mit dem Fallbeil enthauptet. Die Hinrichtung fand - anders als Haarmann sich das gewünscht hat - ohne Öffentlichkeit statt.

Zwischen 1918 und 1924 hat Haarmann in Hannover mindestens 24 Jungen und Männer getötet. Mit den meisten hatte er zuvor sexuell verkehrt. Haarmann wurde auch „Vampir von Hannover“ genannt. Den Namen erhielt er, weil er vielen jungen Männern in den Hals gebissen hatte, um sie zu töten.

Fast hundert Jahre liegen die Taten zurück, aber Fritz Haarmann, der Serienmörder, ist in Hannover sehr präsent. Im Stadion wurde bis vor Kurzem noch bei Fußballspielen eine Fahne mit seinem Konterfei geschwenkt, und nun ist er zum wiederholten Mal in einem Adventskalender mit Stadtansichten aufgetaucht.

Warum eigentlich?

Warum muss sich Hannover regelmäßig an ihn erinnern? Warum wird Haarmann, der Mörder, der Kinderschänder, der Polizeispitzel, möglicherweise bald genauso als Hannover-Symbol gehandelt wie der Leibniz-Keks?

Würde Haarmann den Rummel erleben, der heute um seine Person gemacht wird, wäre er wohl entzückt. Schließlich wollte er, dass seine Hinrichtung gefilmt wird; und einen Roman über sich und seine Taten hatte er sich auch gewünscht. Und ein Denkmal: „Das ist eine Sehenswürdigkeit noch in 1000 Jahren. Da kommen sie alle und seh’n sich das noch an“, hat er zu dem Psychiater gesagt, der ihn in der Haft befragte. An Haarmanns Denkmal scheint in Hannover stetig gearbeitet zu werden.

Nicht alle sehen das gern. Waldemar Röhrbein, der frühere Direktor des Historischen Museums, der gerade eine „Kleine Stadtgeschichte Hannovers“ veröffentlicht hat, wundert sich über die „Geschmacklosigkeit, einen Massenmörder in einem Adventskalender“ unterzubringen.

Er vermutet, dass das Interesse an Haarmann mit einer „veränderten Haltung der Gesellschaft gegenüber Monstrositäten“ zusammenhängt. Wie sich diese gesellschaftliche Haltung geändert hat, macht eine Entscheidung von Helmut Plath, dem Gründungsdirektor des Historischen Museums in Hannover, deutlich. Als ihm im Jahr 1965 angeboten wurde, das Fallbeil, unter dem Haarmann zu Tode gekommen ist, in seine Sammlung aufzunehmen, lehnte er ab. So etwas passe nicht ins Museum. Heute, sagt Waldemar Röhrbein, der das Haus von 1976 bis 1997 leitete, würde ein Museumsdirektor sicher anders entscheiden.

Auch unvorstellbar grausame Taten werden mit der Zeit anders bewertet. Das Mitleid mit den Opfern und ihren Angehörigen schwindet, es bleibt die Angstlust angesichts des Ungeheuerlichen. Und liegen die Taten sehr weit zurück, geht man ganz unbefangen mit ihnen um. „Wenn der Mörder nur lange genug tot ist, wird sogar eine Straße nach ihm benannt“, sagt Waldemar Röhrbein und erinnert an den Hanebuthwinkel in Hannover/Groß-Buchholz. Der wurde nach dem Räuber Hanebuth benannt, der im 17. Jahrhundert 19 Morde gestanden hatte und dafür zum Tod „mit dem Rade durch Zerstoßung seiner Glieder“ verurteilt worden war.

Auch Georg Ruppelt, Direktor der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek, wundert sich über die Popularität Haarmanns. „Er gehört zur lebendigen Stadtgeschichte Hannovers. Dass man mit einem Transparent von ihm immer noch provozieren kann, zeigt, wie präsent er immer noch ist“, sagt er. Ruppelt hat eine Erklärung für die andauernde Popularität Haarmanns in Hannover: Es liegt am Lied. Das Haarmann-Lied mit seiner einfachen, eingängigen Melodie hält die Erinnerung an den Serienmörder immer weiter wach, vermutet Ruppelt.

Vielleicht ist die Sache noch simpler. Vielleicht ist Haarmann eine Marke geworden, weil es sehr schnell ein Haarmann-Logo gab. Alle neuen Haarmann-Bilder, ob auf dem Transparent oder im Adventskalender, beziehen sich auf das bekannteste Porträt Haarmanns - das Polizeifoto, das bei seiner Verhaftung gemacht wurde. Es zeigt ihn mit dunklem Anzug, Krawatte und Hut. Auffällig ist das helle, breite Hutband und der Zweifingerbart, den auch Hitler getragen hat. Hutband, Bart und Krawatte - fertig ist das Mörder-Logo. Es ist so einfach. Und weil es so einfach ist, wird es einfach so gemacht. Die Chiffre funktioniert. Überlegungen, dass Haarmann ein geistig zurückgebliebener, pädophiler Gewaltverbrecher ist, dem man am Ende genau die große Bühne bietet, die er wollte, spielen keine Rolle.

Und es gibt noch eine weitere Erklärung dafür, dass Haarmann in der Erinnerung der Stadt so präsent ist. Es gibt zwar viele Publikationen zum Fall Haarmann, aber - wie Bibliothekar Ruppelt meint - „keine ernst zu nehmende wissenschaftliche Aufarbeitung“ der Mördergeschichte. Das wiederum mag mit Theodor Lessing zu tun haben. Der hat in seinem 1925 erschienenen Buch „Haarmann - Die Geschichte eines Werwolfs“ eindringlich und meisterhaft über die monströsen Taten Haarmanns und die Zeit, in der sie geschahen, berichtet. Vielleicht ist der Schatten, den solch ein Werk wirft, so groß, dass Historiker der Mut verlässt, den Fall Haarmann wieder aufzugreifen.

In der Geschichte vieler deutscher Städte gibt es Massenmörder. Dass kein anderer so gefeiert wird wie Haarmann, liegt möglicherweise an fehlenden Bildern oder einer besseren historischen Aufarbeitung. Oder auch an einem grundsätzlich anderen Umgang mit blutiger Stadtgeschichte. Bremen etwa hat die Giftmörderin Gesche Gottfried. An sie erinnert ein Stein im Straßenpflaster am Domshof. Einwohner und Touristen spucken darauf.

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