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Was Archäologen in Hannovers Erde finden

Ausgrabungen am Marstall Was Archäologen in Hannovers Erde finden

Bajonette, Brillen und Alltagsgegenstände aus vergangener Zeit: Archäologen haben am Mittwoch Funde von der mittelalterlichen Ausgrabungsstätte am Marstall präsentiert. In drei Monaten sollen die Ausgrabungen auf dem 1400 Quadratmeter großen Gelände abgeschlossen sein.

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Archäologen stellen neue Funde vom Ausgrabungsgelände am Marstall vor.

Quelle: Rainer Dröse

Hannover. Das verrostete Bajonett sieht immer noch martialisch aus. Es gehörte zu einer Mauser 71, die Hinterladerbüchse wurde ab 1871 produziert. Irgendwann ließ es jemand achtlos fallen, irgendwo am Marstall. Jetzt haben Archäologen die Stichwaffe wieder ausgegraben.

Bei Ausgrabungen am Marstall sind Archäologen erneut auf Überreste gestoßen.

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„Hier ist eine sehr interessante Stelle am äußersten Nordwestrand des alten Hannover“, sagt Friedrich-Wilhelm Wulf, Bezirksarchäologe vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Die Bebauung der Altstadt geht auf die Anfänge des 11. Jahrhunderts zurück, die Stadtbefestigung wurde ab der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts errichtet. Hier, wo die Leine an den Marstall grenzt, erhoffen sich die Archäologen in mehreren Metern Tiefe Aufschluss über das frühe Hannover. Doch zunächst müssen sie sich durch die Neuzeit graben. „Im Moment gehen wir von 1945 abwärts“, sagt Wulf.

Zwei Häuser werden auf dem zuletzt nur als Parkplatz genutzten Areal errichtet. Am Nordwestende nahe der Schmiedestraße bereitet die Strabag den Bau vor, das Gelände ist zwar abgesperrt, die Grabungen aber haben noch nicht begonnen. Wie viele Funde dort zu erwarten sind, weiß niemand. In den Fünfzigerjahren ist dort eine Tankstelle eingerichtet worden, die einstigen unterirdischen Tanks schmälern die Hoffnung auf archäologische Sensationen. Auf dem Baufeld im Südwesten hingegen, wo seit Dezember gebuddelt und geschürft wird, hat es seit den Kriegszerstörungen nur Parkflächen gegeben. Mit Kriegstrümmern wurde die Fläche planiert – darunter befinden sich die Schichten der Geschichte. Nur der einstige Direktor des Historischen Museums, Helmut Plath, hat hier in der Nachkriegszeit ein paar Probegrabungen vornehmen lassen. Jetzt eröffnen die beiden Großbaustellen mit ihren Tiefgaragen die Chance für tiefschürfende Einblicke.

Grabungsleiter Markus Brückner von der beauftragten privaten Firma Archaeofirm aus Isernhagen hat mit seinem Team schon einiges zutage gefördert. Natürlich reichlich Tonscherben von Krügen, Tellern und teils kurios geformten  Gefäßen. Einen emaillierten Metallkrug und eine Nickelbrille, die sich mit intakten Gläsern und oxidierter Metallfassung in einer Hülle weitgehend erhalten hat.

Ein Hinweisschild auf einen Friseur, eine original „Schwarzkopf“-Werbung – alles lag verstreut im Boden. Und dann ist da noch eine zerbeulte, einst formschöne Kaffeekanne – auch hier das Metall mit Grünspan überdeckt, bei der sich innen eine Porzellanauskleidung erkennen lässt. Denkmalpflegerin Benita Albrecht nimmt das gute Stück nachdenklich in die Hand: Man kann sich vorstellen, wie diese Kanne einst Kaffeetafeln geschmückt hat.

Sind diese – jüngeren – Funde von Wert? „Alles ist von archäologischem Wert“, sagt Grabungsleiter Brückner bestimmt. Und doch hoffen alle, dass vielleicht nur wenige Dezimeter tiefer Überraschungen warten, die neue Erkenntnisse zur Stadtgeschichte liefern. Wo genau verlief die Stadtmauer in welcher Zeit, die auf alten Karten zu sehen ist? Ist auch hier der „Dreckswall“ zu finden, der bei der Grabung wenige Hundert Meter weiter an der Roßmühle zwischen Stadtmauer und Leineufer aufgeschüttet worden war? Und: Wird man Hinweise darauf entdecken, warum einst die heutige Schmiedestraße zum Steintor führte und damit die Verbindungsroute nach Bremen wurde, die heutige Burgstraße aber stumpf an der Stadtmauer endete, „wie eine Sackgasse“, wie Wulf sagt. Gibt es vielleicht endlich auch Erkenntnisse zum Marstall?

Dieser königliche Pferdestall hat ungefähr dort gestanden, wo jetzt der Neubau entsteht, zwischen Üstra-Hauptsitz und Heilsarmee. Eine französisch beschriftete Stadtkarte von 1757 zeigt den u-förmigen Bau. Er wurde wohl ab der Mitte des 17. Jahrhunderts gebaut und später abgerissen, aber vor ihm müssen dort andere Gebäude gestanden haben. „Wir wissen noch nicht viel über das alte Hannover an dieser Stelle“, sagt Archäologe Wulf. In drei Monaten, wenn die Grabungen aller Voraussicht nach abgeschlossen sind, will man schlauer sein.

Gegraben wird bis 4,50 Meter

Ergebnisse werden ausgestellt: Wie schon bei der archäologischen Grabung an der Roßmühle zwischen Historischem Museum und neuer Volkshochschule sollen besondere Funde wieder in einer Vitrine im Historischen Museum ausgestellt werden. „Wir planen auch wieder eine Vortragsreihe“, kündigt Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf an. Termine stünden aber noch nicht fest: „Wir müssen ja erst mal schauen, was zutage gefördert wird.“

Mit Spachtel und Kelle: Voraussichtlich drei Monate lang wird auf dem südwestlichen Baufeld archäologisch gegraben. Bei 4,50 Metern ist Schluss – so tief muss die Grube für die Tiefgarage ausgehoben werden. Die ältesten Funde aber werden ohnehin bei maximal 3,50 Metern erwartet. „Tiefer war an der Roßmühle nur ein Brunnen“, sagt Wulf.

Wohnungen sind gefragt: Das Gebäude nahe dem Ufer wird von Hochtief für die Wohngesellschaft GBH errichtet. Fürs Erdgeschoss gebe es Interessenten aus der Gastro-Szene, sagt GBH-Mitarbeiter Robert Kulle. Für die Mietwohnungen darüber registriere man „eine eine deutliche Nachfrage“. Bislang könne man wegen der Grabungen weder Einzugstermin noch Preise nennen, die GBH führe aber eine Interessentenliste. Wohnungen entstehen auch an der nahen Roßmühle, dort baut Helma. Das erste von zwei Häusern ist im Rohbau fertig. Im Untergeschoss richtet Gastronom Bedran Özgör ein „Stadtmauer-Café“ mit Terrasse über der Leine ein.

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