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Was für Flüchtlinge als Politiker tun?

Planspiel Was für Flüchtlinge als Politiker tun?

Zwei Tage lang inszeniert der Verein Politik zum Anfassen ein Demokratie-Planspiel für 43 junge Flüchtlinge aus Sprachlernklassen der Berufseinstiegsschule am Goetheplatz. Sie simulieren eine Bezirksratsitzung – und beantragen mehr Ruhe zum Lernen.

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Ja oder nein: Die Schüler wollen bei der Abstimmung ihre Meinung kundtun. Enthaltungen gibt es nicht. 

Quelle: Villegas

Hannover. Stockend liest der junge Mann den Antrag vor. „Der Rat möge beschließen, dass wir mehr Möglichkeiten haben, mit anderen zu reden. Zum Beispiel bei einem Gruppentreffen mit Deutschen und Flüchtlingen.“ Deutsch geht dem Kenianer Ibrahima noch nicht leicht über die Lippen, erst recht nicht spröde Verwaltungsfloskeln. Dennoch ist er engagiert dabei. Zwei Tage lang inszeniert der Verein Politik zum Anfassen ein Demokratie-Planspiel für 43 junge Flüchtlinge aus Sprachlernklassen der Berufseinstiegsschule am Goetheplatz.

Eine gewisse Ähnlichkeit zu Sitzungen eines tatsächlichen Bezirksrats ist durchaus vorhanden. In den Anträgen aber geht um die Lebenswelt der 17- bis 22-jährigen Flüchtlinge. Den Antrag von Ibrahima und seiner Gruppe halten fast alle für wichtig - und stimmen zu. „Ich finde Treffen mit Deutschen gut. Man kann nicht die ganze Sprache nur in der Schule lernen“, argumentiert ein Schüler.

„Die meinen das ernst“

Die Wohnsituation in den Flüchtlingsunterkünften treibt die Jugendlichen um. „Manche Leute machen sich keine Sorgen um die Zukunft, kiffen und trinken Alkohol“, erzählt ein Schüler, andere bestätigen das. Ruhe zum Lernen oder Schlafen sei manchmal kaum zu finden. Deshalb schlagen Schüler in verschiedenen Anträgen vor, Gemeinschaftsräume in den Wohnheimen einzuplanen, damit in den Zimmern Ruhe herrscht - oder Flüchtlingen schnell eine eigene Wohnung zu geben.

„Deutschland kann nicht so einfach für alle Leute Wohnungen finden“, wendet der 17-jährige Delsoz ein, der mit Eltern und Geschwistern aus Syrien geflohen ist. Er liebt die Diskussionen. „Es macht Spaß, und ich erfahre viel.“

Religionslehrer Stefan Kurmeier verfolgt mit Interesse, wie seine Schüler, von denen manche erst wenige Monate in Deutschland leben, in der fingierten Beratung zurechtkommen. „Ich bin erstaunt, mit welcher Akribie sie diskutieren. Die meinen das ernst“, stellt er anerkennend fest.

Politiker aus dem Bezirksrat Mitte wie Martin Nebendahl und Gunda Pollok-Jabbi hatten den Sprachschülern beim Verfassen ihrer Anträge Tipps gegeben. Die Sitzung leitet nun zügig und bestimmt Bala Subramanian Ramani, ebenfalls aus dem Bezirksrat Mitte und zugleich Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Mitte. Nach Enthaltungen fragt er nach der ersten Abstimmung schon nicht mehr. Die Schüler haben, so scheint es, zu fast allem eine klare Meinung. Gut möglich aber auch, dass das Wort Enthaltung noch nicht in ihrem Sprachschatz vorhanden ist.

Meinung wichtig für Integration

Sitzungsleiter Ramani lobt später, dass die Jugendlichen ohne Hemmungen diskutieren. „Dass sie sich eine Meinung über Themen bilden, ist wichtig für ihre Integration.“ Auf der anderen Seite wirkt es auf manche Schüler enorm anspornend, einen Einwanderer als Politiker zu erleben.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Niedersachsen und das Landessozialamt haben den Workshop finanziert, der jetzt zum zweiten Mal lief. Kommunalpolitik sei nicht gerade ein einfaches Thema, meint Projektleiterin Antoinette Rappo. „Aber wir wollen, dass die Schüler erleben, wie Demokratie funktioniert, weil es das in ihren Heimatländern meist nicht gibt.“

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