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Was nach 44 Jahren Kommunalpolitik bleibt

Bodo Messerschmidt hört auf Was nach 44 Jahren Kommunalpolitik bleibt

Bodo Messerschmidt (SPD) hat mehr als 44 Jahre Kommunalpolitik hinter sich. Jetzt hört er damit auf. Ein Gespräch über Motivation, Macht und Möglichkeiten - und was junge Kommunalpolitiker mitbringen sollten. 

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Nach 44 Jahren verabschiedet sich Bodo Messerschmidt aus der Kommunalpolitik.

Quelle: Samantha Franson

Hannover. Bodo Messerschmidt, Jahrgang 1944, ist gebürtiger Göttinger und hat in seiner Heimatstadt Pädagogik studiert. In einem Politikseminar, in dem es um die Analyse von Wahlplakaten ging, lernte er seine heutige Frau Annegret aus Neustadt-Mandelsloh kennen. Ihretwegen kam er in die Region Hannover.

Herr Messerschmidt, nach drei Jahren in Neustadt haben sie 1972 als 28-Jähriger zum ersten Mal für den Gemeinderat und den Kreistag kandidiert. Warum?

Das war ähnlich wie heute. Die Partei wollte jüngere Leute in der Kommunalpolitik. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlich die Geschäftsführung der Kreistagsfraktion geleistet, war also kein unbeschriebenes Blatt. Es gab auch ein Thema, das mich brennend interessierte.

Welches?

Bildung aufs Land zu bringen. Jugendliche aus den verstreut liegenden Neustädter Dörfern hatten kaum eine Chance, auf ein Gymnasium zu gehen. Auch dann nicht, wenn sie einen glänzenden Hauptschulabschluss hinlegten. Das wollten wir ändern. So ist dann, gemeinsam mit der CDU übrigens, der Entschluss zum Bau der Kooperativen Gesamtschule Neustadt entstanden. Bis heute zählt das zu den Dingen, auf die ich besonders stolz bin.

Der Sozialdemokrat Messerschmidt war in den gut vier Jahrzehnten als Politiker Mitglied im Gemeinderat, im Stadtrat, in den Kreistagen von Neustadt und Hannover sowie in der Regionsversammlung. In allen diesen Gremien war er Vorsitzender der SPD-Fraktion und zählte damit insgesamt zu den einflussreichsten Politikern der vergangenen Jahrzehnte auf kommunaler Ebene im Raum Hannover.

Sind Sie ein Machtmensch?

Machtkämpfe oder Intrigen um Einfluss und Posten sind in der Kommunalpolitik seltener und weniger heftig als in der Landes- oder Bundespolitik. Klar, man muss Mehrheiten suchen, Bündnisse schmieden, Kompromisse eingehen oder Dinge durchfechten. Aber hinterher muss man sich auch wieder in die Augen gucken können.

Und in der eigenen Partei oder Fraktion? Das Wort Parteifreund wird oft ironisch benutzt . . .

Ich persönlich habe zwei Machtkämpfe erlebt, das ist für die lange Zeit wenig, finde ich. Es ging jedes Mal um den Fraktionsvorsitz.

Haben Sie gewonnen?

Beim ersten Mal 1978 habe ich verloren, wurde aus dem Amt gedrängt und musste hinterher in der Fraktion längere Zeit kurzes Gras futtern. Beim zweiten Mal 2004 haben Mitglieder der Regionsfraktion versucht, heimlich eine Mehrheit für meine Abwahl zu zimmern. Damals habe ich knapp gewonnen.

Während der Zeit, in der Messerschmidt in kommunalen Gremien saß, befassten sich Kollegen in Bund und Land mit Atomdebatten, Wiedervereinigung, Hartz-IV-Reformen oder Energiewenden - um Beispiele zu nennen. Der Neustädter hingegen, um weitere Beispiele zu nennen, hantierte mit Haushaltsplänen von Landkreisen, dem Bau von Schulen oder Krankenhäusern, geplanten Umgehungsstraßen oder der Regionalen Raumordnung unter besonderer Berücksichtigung der Belange der Windenergie.

Schicken Sie uns Fragen für das HAZ-Forum!

Das HAZ-Forum zur Kommunalwahl am Mittwoch, 24. August 2016, im Anzeiger-Hochhaus ist ausverkauft. Gleich acht Vertreter von Parteien stellen sich dabei den Fragen der Leser und den der Moderatoren, den HAZ-Redakteuren Felix Harbart und Conrad von Meding. Für die SPD hat Hannovers Parteichef Alptekin Kirci zugesagt, für die CDU Fraktionschef Jens Seidel. Für die Grünen kommt Parteichef Daniel Gardemin, für die Linke die Spitzenkandidatin für die Regionsversammlung, Jessica Kaußen. Für die FDP hat sich Parteichef Patrick Döring angemeldet, für die Piraten der Vorsitzende des Stadtverbandes, Thomas Ganskow, und für die „Hannoveraner“ der Parteivorsitzende Jens Böning. Für die AfD stellt sich der Verbandsvorsitzende Jörn König vor.
Haben Sie Fragen an die Politiker? Dann schicken Sie sie per E-Mail an hannover@haz.de – das Stichwort lautet „Politik-Forum“. Unter dem Hashtag #HAZWahlforum können Leser ihre Fragen über soziale Netzwerke loswerden – auch während der Veranstaltung. Das HAZ-Forum zur Wahl wird mit einem Live-Ticker begleitet.     

Kommunalpolitik gilt häufig als Schwarzbrot. Was hat Sie daran fasziniert?

Man sieht die Ergebnisse dessen, was man diskutiert, entwickelt und beschlossen hat, konkret vor Augen. Und man kann sich nicht wegducken, weil man im Freundeskreis, im Verein oder beim Einkaufen ständig auf seine politische Arbeit angesprochen wird. Man braucht kein Politikbarometer, um Ausschläge im Beliebtheitsgrad zu ermitteln. Man spürt sie sofort.

Das klingt anstrengend.

Für mich lag genau darin immer die Würze.

Wollten Sie trotzdem nie höher hinaus?

Es gab zwischendurch die Chance zu einer Landtagskandidatur. Mein Vater, der selbst engagierter Sozialdemokrat war, hat mich aber immer gewarnt, Berufspolitiker zu werden. Ich solle mich nicht von Mandat und Partei abhängig machen, sagte er. Für diesen Ratschlag bin ich ihm dankbar.

Messerschmidt ist Lehrer. Kommunalpolitiker erhalten zwar Aufwandsentschädigungen, aber keine Diäten. Wie ihre Kollegen im Bundestag oder im Landtag sollen sie die Arbeit der Verwaltung kontrollieren. Sie tun das ehrenamtlich und müssen Politik und Beruf unter einen Hut bringen.

Was hat sich in der politischen Arbeit seit den Siebzigerjahren geändert?

Es gibt viel mehr Gesetze und Verordnungen und damit weniger Gestaltungsspielräume als früher. Ehrenamtliche Politiker treffen auf immer hoch- spezialisiertere Verwaltungen. Das ist keine gute Entwicklung.

Warum?

Wenn Kommunalpolitik nicht für junge Leute attraktiv bleibt, dann sind irgendwann die bewährten demokratischen Abläufe bis in die unteren Ebenen hinein gefährdet. Faktisch hätte man dann wieder so etwas wie früher die preußischen Landräte, die fast uneingeschränkt herrschen konnten.

Was würden Sie Nachwuchspolitikern raten, die einsteigen wollen?

Sie sollten sich frühzeitig auf ein bestimmtes Politikfeld spezialisieren, sonst laufen sie Gefahr, sich zu verzetteln.

Welche Eigenschaften sind nützlich?

Duldsamkeit und Toleranz fallen mir ein. Das hilft sehr, wenn man sich zum Beispiel mit Bürgerinitiativen und Interessensgruppen auseinandersetzen muss.

Wie viele Wahlkämpfe Messerschmidt hinter sich hat, kann er auf Anhieb nicht sagen. Aus dem aktuellen hält er sich weitgehend raus. Vielleicht wird man ihn in Mandelsloh ab und an am Informationsstand treffen. Seine Frau kandidiert noch einmal für den Ortsrat.

Können Sie sich an Ihren ersten Wahlkampf erinnern?

Na klar. Wir sind zu Fuß oder mit Lautsprecherwagen über die Neustädter Dörfer gezogen und haben die Leute auf der Straße angequatscht. Es gab politische Umzüge mit Musik. Und die Landjugend hat in den Wirtshäusern Diskussionsforen organisiert.

Das klingt nach Wahlkampf in längst vergessenen Zeiten.

Ach, vieles ist gleich geblieben. Es gab zwar kein Internet, aber dafür bei den Foren vollere Säle. Kommunalpolitiker müssen immer noch auf die Straße und auf die Marktplätze. Plakate haben wir auch schon geklebt. Da gibt es aber einen Unterschied.

Welchen?

Die meisten Aussagen auf den heutigen Plakaten sind nichtssagend und zwischen den Parteien austauschbar.

Woran liegt das?

Alle schielen auf die vermeintliche politische Mitte.

Die Messerschmidts haben zwei Kinder und fünf Enkel. Die Familie der Tochter lebt mit den Eltern auf dem Hofgrundstück in Mandelsloh. Mit ihrer Familienstiftung wollen sie ein Projekt für generationsübergreifendes Wohnen in dem Ort inszenieren, als Beitrag zur Zukunftssicherung Mandelslohs. Und die Dorfgeschichte soll auch noch aufgearbeitet werden.

Manche verpassen den rechtzeitigen Abschied aus der Politik. Wie haben Sie es gemacht?

Ich habe die Entscheidung rechtzeitig geplant und getroffen, vor fünf Jahren den Fraktionsvorsitz abgegeben und danach noch eine Wahlperiode als Vorsitzender der Regionsversammlung amtiert. Das ist ja mehr ein Ehrenamt.

Und nun?

Werde ich noch eine Sitzung leiten. Dann ist das Buch zu, und dann war es auch genug.

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