Navigation:
HAZ-Shop AboPlus Online-ServiceCenter
Letzte Hoffnung

Was passiert, wenn Ein-Euro-Jobs in Hannover gestrichen werden

Von Felix Harbart

Ein-Euro-Jobs haben einen schlechten Ruf, jetzt wird jeder zweite gestrichen. Doch trotz der miesen Bezahlung graut vielen Betroffenen genau davor. Ein Besuch in der Hölderlinstraße 6.
Vorbestraft, Drogenvergangenheit, abgeschrieben: Andreas Lück arbeitet als Hausmeister im hannoverschen Stützpunkt der Ein-Euro-Jobber.

Vorbestraft, Drogenvergangenheit, abgeschrieben: Andreas Lück arbeitet als Hausmeister im hannoverschen Stützpunkt der Ein-Euro-Jobber. Auf dem ersten Arbeitsmarkt hatte er keinen Erfolg: „In dem Alter und mit der Vorgeschichte nimmt mich kein Mensch“, sagt er.

© Nico Herzog

Hannover. In der Hölderlinstraße 6 ist manches ein bisschen anders als draußen vor dem Hoftor. Hier, im städtischen Stützpunkt der Ein-Euro-Jobber in Kleefeld, kann es passieren, dass man einem kirgisischen Einwanderer wünscht, er hätte nur nicht so gut Deutsch gelernt, damit seine Förderung nicht ausläuft. Hier gibt es auch einen Mann, der jahrelang für einen schlappen Euro in der Stunde die Glühbirnen ausgewechselt und die Klos repariert hat und jetzt nicht über die miese Bezahlung klagt, sondern sagt: „Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich hier nicht mehr bleiben darf.“ Ein anderer wünscht sich nichts sehnlicher, als weiter für einen Euro die Stunde den Boden wischen zu dürfen. Die Hölderlinstraße liegt mitten im Sturm der deutschen Arbeitsmarktbürokratie, und so kommt es, dass manches Bild, das man draußen hat, durcheinandergewirbelt und auf den Kopf gestellt wird.

Anfang 2005 führte die damalige rot-grüne Bundesregierung die Ein-Euro-Jobs im Zuge der Hartz-Reformen ein, und seither wird die Arbeitsmarktmaßnahme mit Skepsis begleitet und mit Kritik überhäuft. Aus dem Lager der Linken, aber auch aus dem von SPD und Grünen wiederholt sich der Vorwurf, die Jobs seien Ausbeuterei und schüfen in Deutschland einen öffentlich geförderten Niedriglohnsektor. Im vergangenen Herbst schaltete sich auch der Bundesrechnungshof erneut in die Diskussion ein. Die von der öffentlichen Hand geförderten Arbeitsgelegenheiten seien in der Mehrzahl der Fälle nicht geeignet, die Chancen von Langzeitarbeitslosen auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen, hieß es in einem nicht lange internen Bericht der Behörde. Auch als Konsequenz daraus fährt die Bundesregierung die Zahl der Jobs in diesen Tagen massiv zurück, bei der Stadt Hannover sollen demnächst von bisher 650 Stellen nur noch 325 übrig sein. Doch wer Andreas Lück im Magazin der Hölderlinstraße gegenübersitzt, wird das Gefühl nicht los, als redeten die Beteiligten in der Debatte nach Kräften aneinander vorbei.

Der lange Kampf nach der Sucht

Andreas Lück ist 48 Jahre alt, 25 davon hing er an der Nadel. Die Einstichwunden von damals bedecken seine Arme, die Vorstrafen wegen Drogendelikten, Beschaffungskriminalität und Schwarzfahrens füllen seine Polizeiakte. Der gelernte Bauschlosser hat eine langwierige Hepatitiserkrankung überstanden und wird seit Kurzem substituiert. Seit viereinhalb Jahren arbeitet er in der Hölderlinstraße, zuerst hat er den Hof gefegt, dann hat er sich hochgearbeitet zum Hausmeister und Magazinverwalter, er kümmert sich um den Nachschub an Material, etwa für die Werkstätten im Haus. Mittlerweile profitiert er von der sogenannten Maßnahme 16e, was heißt, dass er 30 Stunden in der Woche arbeitet und nach Tarif bezahlt wird – zu 75 Prozent gefördert vom Jobcenter. „Wenn ich dieses Haus nicht hätte“, sagt Lück und deutet durchs Fenster hinunter auf den Hof, den er einst gefegt hat, „säße ich wahrscheinlich immer noch auf der Straße und würde spritzen.“

Und was ist mit der Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt, die der Bundesgerichtshof anmahnt? Lück lächelt. „In dem Alter, mit der Vorgeschichte und dem Vorstrafenregister nimmt mich kein Mensch“, sagt er. „Ich hab’s versucht.“
Bei den städtischen Ein-Euro-Jobbern liege die Vermittlungsquote in den ersten Arbeitsmarkt bei zwischen zehn und zwölf Prozent, sagt Udo Gniesmer, Leiter der Beschäftigungsförderung der Stadt Hannover. Man kann das wenig finden, oder man macht einen Gang durch die Räume der Hölderlinstraße und wundert sich gar nicht mehr so sehr. „Viele, die bei uns sind, sind mit dem Tempo und den Anforderungen auf dem ersten Arbeitsmarkt einfach überfordert“, sagt Gniesmers Kollege Rolf Maybaum.

„Auch mal zu sagen: Mach mal ‘ne Pause, guck dir das an, und dann mach es noch einmal – das ist in der freien Wirtschaft einfach nicht drin.“ Nicht für alle, aber für viele der Menschen in der Hölderlinstraße gilt nicht, dass der Ein-Euro-Billiglohn sie von einem besseren Job abhält. Andreas Lück oder Alexander Petruchin finden vielmehr, dass die Arbeit sie aufrechthält, sie vor Tristesse und Perspektivlosigkeit bewahrt und ihnen einen Weg zurück in die Gesellschaft zeigt, den sie sonst nie und nimmer finden würden. Davon steht im Bericht des Bundesrechnungshofes nichts. Alexander Petruchin ist 60 Jahre alt, geboren ist er in Kirgisien. Als er klein war, verlor er durch einen Unfall einen Arm. Wenn man das Jobcenter fragt, dann addiert sich all das zu zwei sogenannten Hemmnissen auf: Alter und Behinderung. Ende August läuft Petruchins Ein-Euro-Job in der Fahrradwerkstatt der Hölderlinstraße aus, und hätte er nur ein Hemmnis mehr, er könnte wie Kollege Lück die Maßnahme 16e bekommen. Das wäre so etwas wie eine Perspektive.

Dummerweise aber spricht Petruchin passabel Deutsch, nimmt keine Drogen und zeigt keine Motivationsprobleme. „Man könnte sagen, leider haben wir ihm ein zu gutes Arbeitszeugnis ausgestellt“, sagt Maybaum. Er zuckt die Schultern. „Aber was sollen wir machen?“ Wenn sich also nichts tut und niemand mehr ein drittes Hemmnis in Alexander Petruchins Leben findet, dann ist der 60-Jährige ab September wieder arbeitslos. Ein halbes Jahr später kann er sich dann wieder für einen Ein-Euro-Job bewerben. In der Fahrradwerkstatt des Stützpunkts Hölderlinstraße zum Beispiel.

Ein Euro pro Stunde

Niemand in der Hölderlinstraße behauptet, ein Euro in der Stunde sei eine menschengerechte Bezahlung. Und längst nicht jeder der zurzeit 425 Ein-Euro-Jobber der Stadt hängt so sehr an seiner Tätigkeit wie Alexander Petruchin. Gut die Hälfte derer, denen das Jobcenter einen solchen Job zuweist, erscheint zum ersten Gesprächstermin schlicht und einfach nicht. Und wer begründen kann, warum er für die Grünflächenpflege, Malerarbeiten oder die Mithilfe im Pflegeheim nicht geeignet ist, muss die Stelle auch nicht antreten. „Wer wirklich nicht will, findet in der Regel auch einen Weg, dass er nicht herkommen muss“, sagt Udo Gniesmer. „Der Anteil von wirklich Unwilligen ist daher bei unseren Mitarbeitern recht klein.“

In Zukunft soll die sogenannte Bürgerarbeit die Ein-Euro-Jobs ersetzen, und auf den ersten Blick wirkt es auch, als sei vieles daran besser. Bei dem Modell erhalten Hartz-IV-Empfänger für drei Jahre eine feste, sozialversicherungspflichtige Anstellung, die sich an geltenden Tarifen orientiert. Der Löwenanteil daran kommt aus Mitteln des Bundes und des europäischen Sozialfonds, doch bleibt bei der Bürgerarbeit ein Betrag rund um 250 Euro beim Arbeitgeber hängen. Zudem sind die Bedingungen für die Jobs streng: Die Arbeit muss gemeinnützig sein und darf, wie theoretisch auch die Ein-Euro-Jobs, keine regulären Arbeitsplätze verdrängen. Das Prozedere insgesamt ist kompliziert und teuer, und so schlägt dem just eingeführten System von allen Seiten bisher hauptsächlich Skepsis entgegen. Das Modell droht zu floppen.

Und dann gibt es da noch ein Problem, sagt Udo Gniesmer: „Es kommen für die Bürgerarbeit nur solche Langzeitarbeitslosen infrage, bei denen alle anderen Maßnahmen erfolglos waren.“ Andreas Lück also oder Alexander Petruchin hätten nach Ablauf ihrer jetzigen Verträge keine Chance auf eine solche Stelle. „Sie waren in ihrer jetzigen Tätigkeit zu erfolgreich.“

Dennoch werden die Ein-Euro-Jobs in der Region weiter zusammenschmelzen, sehr bald wird regionsweit die Hälfte der bisher 3000 weggefallen sein. Vielleicht auch der von Joseph Omrath aus dem Libanon. An sich macht er in der Hölderlinstraße sauber, tatsächlich ist er außerdem die gute Seele des Hauses. „Er macht viel mehr, als er müsste“, sagen seine Chefs. Nur sagen tut der 61-Jährige nicht viel. Dazu ist sein Deutsch zu schlecht.

Seine Kinder sind erwachsen und aus dem Haus, zu Hause hat er noch seine Frau, der er jeden Abend von seinem Arbeitstag erzählt. Das hat er noch, eine Arbeit, von der er erzählen kann. Wenn auch eine miserabel bezahlte. „Ich möchte gerne hierbleiben“, sagt Omrath in gebrochenem Deutsch und stützt sich auf seinen Mopp. Und seine Chefs schauen betreten zu Boden.

Nächster Artikel
Nächster Artikel
Vorheriger Artikel
Voriger Artikel

Meistgelesene Hannover-Artikel

Anzeige

Videos aus Hannover

Kennen Sie Hannover?

Hannover von oben: Das neue Rathaus.

Aus der Vogelperspektive sehen bekannte Orte ganz anders aus. Wie gut kennen Sie Hannover? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Bilderrätsel.

Tipp für Vereine: Homepage aktuell halten

myheimat - Das Mitmachportal der Heimatzeitungen in HAZ und Neuer Presse

Viele Vereine kennen das Problem: Die eigene Internetseite ist veraltet, weil die Zeit dafür fehlt. Mit dem Mitmachportal unserer Zeitung lassen sich Pressearbeit und Pflege der Vereinshomepage in einem Schritt erledigen.

Anzeige

Welcher Stadtteil ist gemeint?

Stadtteilrätsel

Wie gut kennen Sie Hannover? Woche für Woche präsentieren wir Ihnen an dieser Stelle ein neues Rätsel. Beantworten Sie die Fragen und schicken Sie das Lösungswort an die Redaktion. Viel Spaß beim Rätseln!

Hannover in Zahlen

Hannover in Zahlen
  • Bundesland: Niedersachsen
  • Landkreis: Region Hannover
  • Fläche: 204,14 km²
  • Einwohner: ca. 521.000
  • Bevölkerungsdichte: 2552 Einwohner je km²
  • Postleitzahlen: 30159 - 30669
  • Ortsvorwahl: 0511
  • Kfz-Kennzeichen: H
  • Lage: 52° 22´ N / 9° 43´ O
  • Wirtschaft: Firmendatenbanken
  • int. Flughafenkürzel: HAJ
  • Stadtverwaltung: Trammplatz 2
    30159 Hannover
    Telefon: 0511 168-0
  • Oberbürgermeister: Stephan Weil (SPD)


Top